Die Erfahrung, nützlich zu sein

Von M. Hubert Schwizler, Oktober 2014

Acht Schüler der Waldorfschule Freiburg St. Georgen machen sich auf den Weg und renovieren im Rahmen eines Projektes zum Hauptschulabschluss das Barfuß-Labyrinth der Helios Klinik in Titisee-Neustadt. Die Schüler gehören zur Außenklasse der Jugendhilfe Timeout e.V. Hofgut Rössle in Breitnau.

Anfang des Jahres 2014 erreichte die Jugendhilfeeinrichtung ein Hilferuf der Klinikseelsorgerin: Das vor fünf Jahren von der Kolping-Jugend im Rahmen der 72-Stunden-Aktion »Uns schickt der Himmel« für die Patienten der Klinik und für die Gemeinde angelegte Barfuß-Labyrinth bedurfte dringend der Instandsetzung. Wind und Wetter hatten dem Labyrinth in der Höhenlage des Schwarzwalds heftig zugesetzt. Als Vorlage für den 230 Meter langen, barfuß zu begehenden Pfad hatte das mittelalterliche Labyrinth der Kathedrale von Chartres gedient.

Zur selben Zeit waren diejenigen Timeout-Schüler, die sich auf den Hauptschulabschluss vorbereiteten, auf der Suche nach einem Projekt für die sogenannte »themenorientierte Projektprüfung«. Diese ist Bestandteil des Haupt- und des Realschulabschlusses. Dabei handelt es sich um eine Gruppenprüfung, bei der jeder Schüler eine individuelle Bewertung und Note erhält.

Ein entsprechendes Projekt umfasst die Vorbereitung mit der Themenfindung, Gruppenbildung und Projektbeschreibung, die Durchführung im Umfang von mindestens 16 Unterrichtsstunden und schließlich die Präsentation des Ergebnisses durch die Gruppe und ein Gespräch mit der Schulleitung und weiteren Lehrkräften. Im konkreten Fall enthielt die themenorientierte Projektprüfung schriftliche, mündliche und praktische Leistungen.

Bei einer ersten Besichtigung vor Ort lagen noch Schneereste, doch zeichnete sich schon ab, was alles zu tun sein würde: Die Einfassungen des Labyrinthweges und die unterschiedlichen Bodenbeläge mussten teilweise erneuert werden. Es galt Unkraut zu jäten, zu mulchen und Rasen zu mähen. Ferner wurde aufgenommen, was an Werkzeug und Material benötigt würde. Mit der Klinikseelsorgerin und der Hausmeisterei wurde für das Frühjahr der Einsatz geplant.

In der Zwischenzeit galt es, sich das Thema umfassend theoretisch und schriftlich zu erarbeiten. Dies übernahmen die Schüler einzeln oder paarweise mit Themen wie »Die Kulturgeschichte des Labyrinths«, »Die Kathedrale von Chartres und ihr Labyrinth«, »Aufgaben der (Klinik-)Seelsorge«, »Der menschliche Fuß und die Bedeutung des Barfußgehens« oder »Leben und Wirken des Adolph Kolping«. Dabei hatte jeder Schüler eine eigene Projektmappe in der Art eines Portfolios anzufertigen, in welchem sowohl die gemeinsamen praktischen Tätigkeiten und Arbeiten zu dokumentieren, als auch die einzelnen Recherche-Ergebnisse zu den jeweiligen Themengebieten aufzuarbeiten und festzuhalten waren. Innerhalb eines Arbeitseinsatzes von drei Tagen wurde das Labyrinth gemeinsam wiederhergestellt, die einzelnen Sektionen des Pfades wurden mit Sand, Kieselsteinen, Hackschnitzel und Tannenzapfen neu befüllt. Letztere wurden von den Schülern im Wald des Hofguts Rössle gesammelt. Schließlich präsentierten die Schüler das gemeinsame Projekt sowie ihr jeweiliges Thema vor den Mitarbeitern und Mitschülern der Hofgemeinschaft und hatten dabei der Schulleitung und den Fragen des Publikums Rede und Antwort zu stehen.

Weit über die Prüfungs- und Zeugnisrelevanz hinaus bot dieses Projekt den teilnehmenden Schülern die Gelegenheit, sich zu der sie umgebenden Welt in eine Beziehung zu setzen und deren Miterleben und -gestalten wieder aufzunehmen.

Die Auszeit weckt schlummernde Talente

Schulverweigerung und Schulunlust haben viele Ursachen. Alle Schularten sind davon betroffen. Kinder und Jugendliche scheitern immer öfter an den Erwartungen von Elternhaus, Schule und Gesellschaft und haben eine Vielzahl peinigender, verstörender, entmutigender Ereignisse und Erlebnisse zu verkraften. Viele von ihnen sehen sich schließlich als Versager abgestempelt und sind am Ende gar selbst der Meinung, nichts mehr wert zu sein – »Ich kann nichts! Ich bin nichts! Aus mir wird nichts!«. Sie »scheitern« an der Verwechslung von Schule mit einem Lern-»Betrieb«, der zunehmend die Standards der Arbeitswelt kopiert und somit in analoger und konsequenter Weise eben auch »Ausschuss« produziert.

Bei Timeout auf dem Hofgut Rössle können Schüler ihre Lernbegierde neu entfachen, Interesse entwickeln und Talente entdecken. Zunächst während einer dreimonatigen »Auszeit« vom Unterricht im Klassenzimmer an zahlreichen außerschulischen Lernorten und Erfahrungsräumen in der Forst-, Land-, Hauswirtschaft und Milchverarbeitung. Denn im Wald, Garten und Stall, in der Werkstatt und der Küche können sie bisher ungeahnte Fähigkeiten an sich entdecken.

Dies ermutigt im Sinne der von Hartmut von Hentig geforderten »nützlichen Erfahrung nützlich zu sein«. Für die Erfahrung einer starken Selbstwirksamkeit sind das unverzichtbare Erlebnisse.

Wer sinnhaft tätig ist, lernt von ganz allein

Nachdem solcherart sinnhaftes Tätigsein in der Gemeinschaft das Selbstvertrauen stärkt, stellt sich das Verlangen auch nach schulischem Lernen meist ganz von selbst wieder ein. In Absprache mit den Lehrern und Betreuern dürfen die Kinder und Jugendlichen in der Folge selbst bestimmen, in welchem Umfang und in welchem Tempo sie wieder an den schulischen Unterrichtsangeboten teilnehmen. An Stelle der Erfüllung von Regeln wird dabei Kreativität gefördert, an Stelle von Konformität wird Diversität als naturgegeben betrachtet und danach gestrebt, ihr mit individueller Förderung zu begegnen.

Den Kindern und Jugendlichen wird ein sicherer Ort geboten, ein Stück Heimat auf Zeit. Dies verschafft ihnen eine Atempause, in der sie sich neu orientieren, neue Kraft sammeln und neuen Mut schöpfen können.

Schließlich gilt, was Henning Kullak-Ublick vom Bundes­vorstand der Freien Waldorfschulen in Deutschland in seinem Grußwort anlässlich des 10-jährigen Bestehens der Einrichtung an die Kinder und Jugendlichen von Timeout schrieb: »Alle zusammen schafft Ihr daran, dass jeder von Euch das vielleicht Wichtigste überhaupt erkennen kann: Jeder Mensch ist ein Könner! Wer das einmal verstanden hat, kann diesen Könner in sich selbst freisetzen und anderen dabei helfen, ihn zu entdecken.«

Zum Autor: M. Hubert Schwizler ist Gründungsmitglied, Lehrer und schulischer Leiter von Timeout e.V., 20-jährige Tätigkeit als Klassen-, Religions- und Turnlehrer an der Freien Waldorfschule Freiburg.

Link: www.timeout.eu

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