»Die Inklusionsausbildung hat uns kräftig aufgewühlt«

Von Freya Jütte, Februar 2021

Inklusion neu denken und hinterfragen.

Begeistert hat mich am Inklusionsseminar, dass dort immer etwas von Aufbruch in die Zukunft, vom Hinterfragen und Neudenken der Waldorfpädagogik zu spüren war. Motiviert hat mich auch die Möglichkeit, die Frage nach den Unterschieden zwischen Integration und Inklusion intensiver zu bewegen, verbunden mit der Frage nach der eigenen Haltung. Ich finde es gut und wichtig, dass wir den Umgang mit Menschen frei von irgendwelchen Zuschreibungen neu denken und bei uns selbst damit beginnen, uns von festen Vorstellungen zu lösen. Eine Schwierigkeit sehe ich allerdings darin, dass wir zurzeit in einer Welt leben, in der es Zuschreibungen mit definierten Krankheitsbildern und entsprechenden Therapien gibt.

Das Inklusionsseminar hat uns Studenten kräftig aufgewühlt. Auch das soziale Miteinander, vor allem in den Selbstlernergruppen, mussten wir uns erst erarbeiten. Für mich persönlich war es außerdem schwierig, meine eigenen Zweifel auszuhalten, meinen Drang nach Klarheit und Antworten. Es hat eine Weile gedauert, bis ich verstanden habe, dass wir uns möglichst lange außerhalb der normalen Denkmuster bewegen und uns nicht beschränken lassen sollten.

Erfahrungen werden zu Schätzen

Meine größten »Schätze« aus der inklusionspädagogischen Zusatzqualifikation sind die Erlebnisse, die ich an der Windrather Talschule und in der vierten Klasse der Kreuzberger Waldorfschule sammeln konnte. An der Windrather Talschule habe ich erleben dürfen, wie eine ganze Schulgemeinschaft ganz selbstverständlich inklusiv lebt. Die große Bedeutung des Spielens und der gemeinsamen Mahlzeiten haben mich nachhaltig beeindruckt. In Kreuzberg habe ich drei Wochen lang gelebte Inklusion in einer vierten Klasse erfahren. Eine wirklich tolle Klasse, der ich anmerken konnte, dass sie über eine bereits gewachsene Selbstverständlichkeit in Sachen Inklusion verfügt. Bei den beiden Dozentinnen habe ich erleben dürfen, wie Teamteaching gelingen kann und wie konstruktive Reflektion stattfindet.

Mut und Zuversicht

Das Wichtigste, was ich mitnehme, ist der Mut und die Zuversicht, meinen Unterricht so gestalten zu können, dass alle Kinder dabei mitgenommen werden. Und dass sich die Waldorfpädagogik als solche weiterentwickeln lässt. Der Inklusionsgedanke an sich birgt ja schon revolutionäres Potential, da Inklusion nur funktionieren kann, wenn wir die Traditionen unserer Gesellschaft hinterfragen, über den Haufen schmeißen und neu definieren. Obwohl die Waldorfpädagogik zum Glück auf Werten fußt, die dem inklusiven Gedanken entsprechen, ist sie in der Praxis von der Mehrheits-Gesellschaft so beeinflusst, dass der inklusionspädagogische Ansatz auch hier einiges aufwirbelt.

Die Beschäftigung mit diesem Ansatz hat mich auch in meiner persönlichen Entwicklung und in meinem Umgang mit anderen Menschen geprägt. Diesen Weg möchte ich auf jeden Fall weitergehen.

Zur Autorin: Freya Jütte ist Absolventin des Seminars für Waldorfpädagogik in Hamburg mit Zusatzqualifikation »Inklusionspädagoge«.

Am Lehrerseminar in Hamburg entwickelt Maud Beckers gemeinsam mit dem Kollegium des Seminars den Studiengang »Inklusionspädagogik«, an dem Studenten und tätige Lehrer teilnehmen können.

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