Edel, hilfreich und gut. Die Faust-Gemeinschaft in Altenschlirf

Von Ute Hallaschka, Januar 2016

Inmitten einer wunderschönen Landschaft im Vogelsberg liegt eine Kulturoase. In der Gemeinschaft Altenschlirf wird die Kunst der Individualität großgeschrieben. Das war so vor 33 Jahren, als eine kleine Gruppe von Idealisten diese Einrichtung gründete, und das ist so bis heute. Das inklusive Faust-Projekt zeigte ein Sozialkunstwerk.

Ludwig Frevel als Faust.

Die heilpädagogische Lebens- und Arbeitsgemeinschaft ist heute ein mittelständisches Unternehmen. Rund 300 Menschen bilden hier, auf verschiedene Standorte verteilt, ein kleines Dorf. Neben Landwirtschaft und verschiedenen Werkstätten – Holz, Käserei, Laden, Café – wird eine staatlich anerkannte Fachschule für Sozialwirtschaft betrieben.

Nun stellen sich dort, anlässlich des bevorstehenden Generationenwechsels, die Gründer wahrhaftig die Frage: Wie kann das weiter Freude machen, was wir tun? Wie müssen die Strukturen von Arbeit und Selbstverwaltung beschaffen sein, dass sie zur Kraftquelle, statt zur Belastung für die Nachfolger werden. Den Pionieren ist klar, dass ihr eigenes schöpferisches Reservoir, die Arbeits- und Lebenskraft aus anthroposophischer Begeisterung nicht einfach auf die Zukunft übertragen werden kann. Diese Selbstverständlichkeit des Idealismus zeigt sich hier als Selbstlosigkeit den Kommenden gegenüber. Das ist edel, hilfreich und gut.

Konkret besichtigen konnte man dieses Sozialkunstwerk im FaustProjekt. Ein Jahr lang haben mehr als 80 Mitwirkende an diesem inklusiven Theaterprojekt gearbeitet. Bewohner, Betreute und Mitarbeiter der Gemeinschaft sowie der nahege­legenen Studienstätte Melchiorsgrund, dazu Anwohner aus den umliegenden Dörfern. Die rund vierstündige Aufführung gliedert sich in drei Teile. Das Erkenntnisdrama des Anfangs, die Gretchentragödie als Herzmittelpunkt und Ausschnitte aus Faust II als Willensbilder und Handlungsimpulse des strebenden Menschen in der Auseinandersetzung mit sich selbst.

Der Regisseurin Almut König ist es gelungen, die Welt auf den Kopf zu stellen. Tatsächlich tritt hier eine Art umgekehrte Inklusion ein. Das Publikum konnte sich mitgenommen fühlen in ein Erlebnis des Schöpferischen, das alle Grenzen aufhebt. Nicht weil sie verwischt oder verdrängt werden, sondern gerade das Gegenteil – buchstäblich berücksichtigt. Hier wurde offenbar jeder Beteiligte so innig als Person gesehen, mit all seinen Stärken und spezifischen Schwächen, dass in der Geborgenheit jeder sein Bestes geben konnte. Wie eine Art seelische Schutzhütte, dass man als Nichtbehinderter glatt auf die Idee kommen könnte: Wie schön muss es sein, so gesehen, so angesprochen zu werden in der Besonderheit der eingeschränkten Lebenslage.

Das aber ist die Poesie, die den Lebenskräften der Sprache innewohnt, dass wir in ihr über uns hinauswachsen können, was wir ja wörtlich in der Entwicklung tun. Dazu muss Sprache als Realität der Freiheit verstanden werden und das hat die Regisseurin im besten Sinne spielerisch getan. Dann kann Sprache Heimat – Weltraum der Seele – werden. Auch und gerade erst recht, wenn es sich um ein großes Kunstwerk handelt.

Durchaus erschütternd für das Publikum, sich selbst so der Wirklichkeit ausgesetzt zu fühlen. Denn daran leiden wir alle, am mangelnden Zuhause-Sein bei uns selbst. Hier im Kunstwerk Altenschlirf dürfen alle ankommen bei sich, so wie sie sind. Diese konkrete Begegnung macht Freude und ist tief heilsam.

Zur Autorin: Ute Hallaschka ist freie Autorin.

Hinweis: Wer daran teilnehmen möchte, hat Gelegenheit dazu im nächsten Jahr. Der Filmemacher Benjamin Kurz hat das Projekt von Anfang an mit der Kamera begleitet. Im Frühjahr 2016 wird eine DVD erscheinen.

www.faustprojekt.de | www.gemeinschaft-altenschlirf.de

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