Ein großer Auftrag. Aphorismen zu Rudolf Steiners Lehrerkurs von 1919

Von Sven Saar, Dezember 2019

Am ersten Tag gibt Rudolf Steiner eine Art Ausblick auf den Kurs und die bevorstehende Aufgabe: Er spricht über den geistigen Ursprung des Menschen und erinnert die angehenden Lehrer daran, dass ihre Hauptaufgabe darin bestehen wird, die von geistigen Wesenheiten vorgeburtlich begonnene Arbeit fortzusetzen.

Eine gesunde Inkarnation sei nicht selbstverständlich, sondern eine Sache der Erziehung. Das führe dazu, das Kind nicht nur mit der Frage anzuschauen: »Was brauchst du für die Zukunft?«, sondern auch: »Wer bist du und was bringst du mit?« Diese innere Frage an das Kind müsse der Lehrer immer in sich tragen.

Im Nachmittagsvortrag geht Steiner ausführlich auf die vier Temperamente ein – dieses Modell solle aber nicht dazu dienen, die Kinder in Raster einzuordnen, sondern sei Teil der Wahrnehmung und könne als pädagogisches Werkzeug zum besseren Verständnis des Kindes eingesetzt werden. Die Erziehungsaufgabe besteht also darin, das zu harmonisieren, was beim Kind noch nicht harmonisch ist.

Uns fehlt bei der Geburt fast alles Bewusstsein von unserem Körper – die gesunde Beheimatung in ihm wird Jahre der Übung benötigen, und aktive Unterstützung durch die Menschen, die mit unserer Erziehung beauftragt sind. Sogar das richtige Schlafen und richtige Atmen müssen Kinder lernen – wobei beide Begriffe weitaus mehr bedeuten können als nur die körperliche Betätigung. In einer Reihe von aphoristischen Bemerkungen zur Methodik beschreibt Steiner das Schreiben als rein konventionelle Übereinkunft, wogegen man mit dem Rechnen kosmische Gesetzmäßigkeiten berührt. Rein geistig sei nur das Künstlerische, das all unsere Arbeit in der Schule durchziehen solle. Damit ist nicht nur Malen oder Singen gemeint!

Picasso hat die Kunst einmal so charakterisiert: »Es ist ihre Aufgabe, dem Wesentlichen Gestalt zu geben!« So kann man Steiner auch verstehen: Das Wesen aller Dinge und Aktivitäten ist immer ihr geistiger Kern. Diesen zu berühren, heißt künstlerisch arbeiten.

So liegt das Wesentliche des Schreibens in seiner Funktion als Kommunikationsmittel: Kann ich nicht so schreiben, dass es andere entziffern können, kann ich es gleich ganz bleiben lassen. Also muss ich mich um Leserlichkeit bemühen. Das Rechnen hingegen drückt die Ordnung der Welt aus. Daher bemühe ich mich um logisches Vorgehen und ordentliche Darstellung. Das Wesentliche der Kunst ist, dass sie Freiheit braucht und auch Freiheit verleiht. Wenn Steiner den Kursteilnehmern über das Formenzeichnen sagt: »Nicht nachahmen, sondern innerlich erleben lassen!«, so erwartet er, dass sie für die Individualität des Kindes Achtung, ja Ehrfurcht haben und ihnen nicht eigene ästhetische Urteile aufzwingen.

Es wird berichtet, dass Steiner 1924 auf seinem Krankenbett sagte: Wenn ich wieder arbeitsfähig bin, werde ich das Steuer der Waldorfschule ganz nach dem Künstlerischen herumwerfen! Damit hat er sicherlich nicht nur die verschiedenen Betätigungsfelder gemeint, sondern das Verständnis des Lehrberufs insgesamt, das heißt: das Wesentliche zu erkennen, und es zur Harmonisierung des werdenden Menschen einzusetzen.

Zum Autor: Sven Saar ist nach dreißig Jahren Waldorflehrertätigkeit in der Lehreraus- und -weiterbildung aktiv. Er lebt und arbeitet vorwiegend in England.

Folgen