Ein Waldorf-Europäer

Von Tomás Zdrazil, September 2018

Zum ersten Kollegium gehörte der feinsinnige Vielsprachler Herbert Hahn.

Herbert Hahn

Für die neu an der Waldorf-Astoria-Zigarettenfabrik in Stuttgart eingerichtete Arbeiterbildungsschule gelang es Emil Molt im Frühjahr 1919, den 28-jährigen Übersetzer Herbert Hahn zu gewinnen. Hahn wuchs im estnischen Pernau auf, umgeben von der lichten baltischen Landschaft und einer Vielsprachigkeit, in der er sich ganz natürlich hin und her bewegte. Große seelische Regsamkeit, feiner Sinn für den Reichtum der Sinneseindrücke und Interesse an der sozialen Vielfalt zeichneten ihn aus. Hinzu kam die Fähigkeit, die Wirklichkeit bildhaft und fein nuanciert sprachlich zu erfassen.

Hahn studierte Philologie in Dorpat, Heidelberg, Paris und Berlin und besaß zwei Lehrerdiplome. Eine akademische Laufbahn schien vorgezeichnet. Rudolf Steiner, den Hahn bereits 1909 kennenlernte, riet ihm jedoch davon ab und wies ihn bereits 1916 auf die Notwendigkeit eines neuartigen fremdsprachlichen Unterrichts hin. In der Arbeiterbildungsschule – einer Keimzelle der Waldorfschule – konnte er damit anfangen, einen universell menschlichen, über die Spezialisierung hinausgehenden Unterricht zu geben, der auf die in der industrialisierten Umgebung tätigen Menschen abzielte. In den Arbeitern entstand der dringende Wunsch, im gleichen Geiste auch eine Schule für ihre Kinder einzurichten. Hahn fiel aufgrund des Vertrauens, das er in der Arbeiterschaft genoss, die Aufgabe zu, die ersten Elternabende im Vorfeld der Schulgründung zu halten. In der Waldorfschule war sein Unterrichtsschwerpunkt zuerst der fremdsprachliche Unterricht, auch wurde er mit der Einrichtung eines freien Religionsunterrichtes und der Durchführung der Sonntagshandlungen betraut.

Er lehrte auch weiterhin an der Arbeiterbildungsschule, gehörte zu den am meisten gefragten anthroposophischen Rednern, promovierte, übernahm im dritten Schuljahr eine dritte Klasse als Klassenlehrer, wurde in den neu eingerichteten Verwaltungsrat der Schule gewählt und blieb bis 1931 an der Stuttgarter Schule tätig. Während des Naziregimes verlagerte Hahn seinen Lebens- und Arbeitsschwerpunkt nach Holland, kehrte nach dem Krieg zurück und unterrichte bis 1961 wieder an der »Mutterschule«.

Ein zentrales biographisches Motiv war für ihn, einen Beitrag zu einem spirituell vertieften Sprachverständnis zu leisten. Ein sprechendes Zeugnis dafür ist sein Werk »Vom Genius Europas«. Hahn hatte die besondere Gabe, mit den unterschiedlichsten und gegensätzlichsten sozialen Gruppierungen zusammenzuarbeiten und von mehr oder weniger allen Kollegen akzeptiert zu werden. Ihm verdanken wir auch facettenreiche, einfühlsame und würdigende Lebensbilder aller verstorbenen Lehrerkollegen der ersten Schule.

Er erreichte ein hohes Alter und blieb bis zu seinem Tode 1970 ein lebendiges Gedächtnis der frühen Waldorfschulbewegung.

Zum Autor: Prof. Dr. Tomás Zdrazil war Klassenlehrer in Tschechien. Er ist Dozent an der Freien Hochschule Stuttgart.

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