»Himmelsgeigen und Höllenfeuer«

Von Ariane Eichenberg, März 2012

Das Landesjugendorchester Baden-Württembergs und Insassen des Jugendgefängnisses Adelsheim haben zusammen eine Oper einstudiert. Es ging um Gewalt, Krieg und Liebe, die Frage, ob die Häftlinge Feuer fangen würden und überraschende Parallelen.

JVA Adelsheim. Jugendknast

Fachwerkhäuser, alt und schön, prägen das Bild von Adelsheim. Ein unscheinbares Städtchen im Neckar-Odenwaldkreis. Unvergesslich allerdings wird der Name Adelsheim, geradezu eingebrannt in die Seele, durch einen Besuch der etwas außerhalb gelegenen Jugendvollzugsanstalt. Sie ist die zweitgrößte in Deutschland.

Für 450 Jugendliche gibt es Platz. 350 sind zur Zeit dort inhaftiert. Ein großes Gelände, viel Rasen, wenig Bäume, mehrere Häuser mit ihren Zellen und Insassen. In allen Hafthäusern sind alle Delikte vertreten, altersmäßig gibt es ein Haus für Minderjährige, ansonsten sind alle Jahrgänge gemischt. Eine Besonderheit ist die Sozialtherapie, dort sind Gewalt- und Sexualstraftäter mit längerer Haft untergebracht, die eine eineinhalbjährige Therapie absolvieren. Eine hohe Betonmauer umgibt alles. »Man sieht sie nach einiger Zeit nicht mehr«, meint einer der Wachhabenden und schließt die Tür vor uns auf und wieder zu, die nächste wieder auf und wieder zu und so immer fort. Wir aber sehen sie und die Jungs, wie sie von einigen hier genannt werden, immer: 24 Stunden lang, ein Jahr, zwei, auch mal fünf Jahre. Hier hat im Dezember letzten Jahres, kurz vor Weihnachten, ein außerordentliches Ereignis stattgefunden, das die Mauer vielleicht für Momente vergessen machte.

Jugendliche von drinnen und draußen haben unter der Leitung der Dirigentin Anna-Sophie Brüning und der Regisseurin Paula Fünfeck die gefängniseigene Schule für eine Woche in ein Opernhaus verwandelt. Das Stück »Himmelsgeigen und Höllenfeuer« war eine Uraufführung, ein Opern-Pasticcio mit Musik des frühbarocken Komponisten F. J. Biber und venezianischer Renaissancemusik. Es handelt von dem bewegten Leben des Geigenbaumeisters und Freidenkers Jakobus Stainer zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges, von Gewalt, Krieg und Liebe. Die Szenen wurden von den jugendlichen Inhaftierten mal gesungen, mal gesprochen, begleitet von einem Kammerorchester des Landesjugendorchesters Baden-Württembergs, darunter einige Waldorfschüler.

Dirigentin und Regisseurin hatten schon einmal unter ungewöhnlichen Umständen in Ramallah/Westbank mit hundert palästinensischen Jugendlichen eine Oper realisiert. Beide sind also nicht nur erfahren in ihrem Fach, sondern auch in der Zusammenarbeit mit Jugendlichen in »Krisengebieten«, die auf den ersten Blick wenig Berührung mit klassischer Musik haben. Stainers Biographie schien sich für die jungen Strafgefangenen als Identifikationsraum anzubieten: ein Außenseiter seiner Zeit, zugleich ein genialer Geiger und Geigenbaumeister, von der Inquisition verfolgt und ins Gefängnis geworfen. Und doch war das Proben zu Beginn zäh, schien fast unmöglich. Einige der Jungs gingen auch wieder, wollten nicht mitmachen, obwohl das Projekt als Eingangswoche der Hauptschulkurse den Gefangenen wie in der beruflichen Ausbildung mit rund 10 Euro am Tag bezahlt wurde.

»Wissen Sie, solche Musik hören wir nicht.« – Singen? »Ist doch schwul.« Sich bewegen, Gefühle zeigen, Einsatz? »Alles schwul.« Und die Kapuzen blieben auf – so lange, dass Anna-Sophie Brüning und Paula Fünfeck schon dachten, wieder gehen zu müssen.

Doch dann auf einmal – Liegestützen, Muskeln zeigen, Mann sein. Das ging und war die Initiation für die gemeinsame Arbeit, die von Tag zu Tag intensiver wurde und die Schüchternheit, das Misstrauen und auch die Mauer kleiner werden ließ. Es wurde gespielt, gesungen, gesprochen, gekämpft und die Wette, eine Flasche Wein, die ein Gefängnis-Mitarbeiter darauf gesetzt hatte, dass die Jungs niemals singen würden, gewonnen.

Sicher war die Aufführung vor den Eltern und geladenen Gästen der Höhepunkt des Projektes und es war im wahrsten Sinne Herz ergreifend, als ein mehrfach Hafterfahrener sich bei der Dirigentin mit den Worten bedankte: »Wir haben viel in dieser Woche auswendig gelernt, aber was ich jetzt sage, kommt von Herzen: Es hat uns Spaß gemacht …« – den Rest brachte er nicht mehr heraus, weil ihm die Tränen liefen.

Es gab mehrere Szenen und Ereignisse im Laufe der Woche, die mindestens ebenso bewegten. Zum Beispiel, dass sich der Darsteller des Geigenbaumeisters Stainer und der ihn richtende Ankläger auch im realen Gefängnisleben zeitweise feindlich gegenüberstanden und beide erneut vor Gericht mussten: Hatte doch der eine den anderen bedroht und verletzt. Es kam zu einem Gerichtsprozess, der Geschädigte zog seine Aussage zurück. Der Eine wurde wegen Körperverletzung erneut verurteilt, der Andere erhielt eine Anklage wegen Falschaussage. Also, noch einmal ein paar Monate länger in Adelsheim. Und all das fand statt während der Proben zu »Himmelsgeigen und Höllenfeuer«. Haben diese etwas zur Befriedung beitragen können? Hineinschauen kann man nicht, aber beide redeten wieder miteinander.

Eindrucksvoll aber auch, wie die Jugendlichen des Landesjugendorchesters und die Insassen miteinander umgingen und in diesem Freiraum des Probens miteinander leben lernten. Nach anfänglichem Zögern, Unsicherheit auch, worüber man überhaupt sprechen kann, soll, darf, hat sich schnell ein normaler, auch herzlicher Umgang entwickelt. Sah man sie beim Kaffeetrinken beisammen sitzen, Witze machen, sich unterhalten, so schien auch hier die Mauer vergessen. Und dann in den Pausen zwischen den Proben, das gemeinsame Üben an zwei Rapsongs – eine echte gemeinsame Sache, ohne Dirigentin, ohne Regisseurin, ohne Schulleitung, die beurteilt und prüft. »Ich hoffe, dass die Gefangenen mindestens so viel von uns mitnehmen konnten, wie wir es von ihnen getan haben,« sagt der Waldorfschüler und Cellist Michael Schmitz.

Es begegneten sich junge Menschen, deren Lebensläufe nicht unterschiedlicher sein könnten. Musikalisch hoch­begabte, kluge, kreative und sozial kompetente Jugendliche trafen auf junge Gefangene, die in ihrer Kindheit Gewalt und Vernachlässigung erlebten, die Schule abgebrochen haben und in ihren Gangs zu Hause waren. In der gemeinsamen Arbeitswoche entwickelten die Jugendlichen untereinander eine erzieherische Dynamik, die nicht mit bester Pädagogik zu leisten wäre.

Öffentlichkeitsarbeiter Klaus Brauch-Dylla, bei dem man den Eindruck haben kann, dass er nicht nur für die Öffentlichkeit spricht, sondern auch für die Inhaftierten, unterstützt diesen Ansatz, den es auch in anderen Gefängnissen gibt. »Das Besondere an diesem Projekt ist aber, dass die Mitwirkenden aus diesen Paralleluniversen kommen und gemeinsam arbeiten«, sagt er. Diese »Peer group education« schaffe neue Identifikationspunkte für die Jungs. »Nicht in Worte zu fassen, was dort passiert ist«, kommentiert Juri Marco, Hornist, das Ereignis. »Erst waren wir zwei Gruppen, die Häftlinge und wir, die Musiker. Doch am Schluss waren wir eine Gruppe, eine Einheit. Tränen flossen beim Abschied und das berechtigt.«

»Himmelsgeigen und Höllenfeuer« wirkt weiter in Ausführenden, Leitenden und Zuschauern: Ein paar Jungs nehmen jetzt Gitarrenunterricht, ein anderer will anfangen, Klavier zu spielen. Ein Chor soll gegründet werden und künftige Aufführungen mit musikalischer Begleitung von »außen« sind ins Auge gefasst. Denn »nicht nur die Konfrontation mit qualitativ anspruchsvoller Thematik zwischen Theater und Musik, sondern auch die Begegnung mit anderen Jugendlichen des gleichen Alters, die auf der Sonnenseite unserer Gesellschaft stehen, machen es möglich, nachhaltigen Eindruck auf der Schattenseite zu schaffen«, sagt Christoph Wyneken, künstlerischer Leiter des LJO.

Doch auch die Schuleingangswoche soll von nun an immer mit einem Musikprojekt begonnen werden. Denn die Jungs, die mitgemacht hatten, standen in der Folge ganz anders da als die anderen, so Schulleiter Udo Helbig. Und der ehemalige Leiter der Jugendstrafanstalt, Joachim Walter, äußerte in einem Brief: »Dass es richtig und wichtig ist, nicht vorrangig an den – zweifellos auch häufig vorhandenen – Defiziten unserer Insassen anzusetzen, sondern vielmehr an ihren Talenten und Stärken. Ebenso wurde deutlich, dass es nicht richtig sein kann, die jungen Männer ausschließlich oder überwiegend auf dem Hintergrund der begangenen Straftaten zu beurteilen. Es geht ja im Jugendstrafvollzug angesichts seines gesetzlichen Auftrags zur Erziehung und Resozialisierung weniger um die Bewältigung der Vergangenheit als darum, die Zukunft zu gewinnen.« Die Zukunft gewinnen: Die LJO-Mitglieder haben gleich damit begonnen und sind aus eigenem Antrieb heraus nach Adelsheim gefahren, um im Sylvester-Gottesdienst zu spielen. »Wir müssen da anknüpfen, wo wir aufgehört haben«, sagen sie rückblickend.

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