Jeder muss etwas verbergen dürfen

Von Maxine Fowé, März 2015

Beim 11. Jugendsymposion trafen sich 250 Jugendliche in Kassel, um sich an einem verlängerten Wochenende mit dem Thema Freiheit philosophisch und politisch in Vorträgen, Diskussionsrunden und Workshops zu befassen. Die Hamburger Waldorfschülerin Maxine Fowé (17), Mitglied des Bundesschülerrates, zeigt sich beeindruckt von der ehemaligen Microsoft-Direktorin Anke Domscheidt-Berg und ihrem Mann, dem Wikileaks-Gründer Daniel Domscheidt-Berg, die dort als Publikumsmagneten auftraten.

Anke und Daniel Domscheidt-Berg – beide Experten der digitalen Welt – stellen sich kritischen Fragen.

Sie ist in aller Munde, die digitale Revolution. Die einen sehen in ihr die Chance einer neuen wettbewerbsfähigen Internet-Start-Up-Branche, andere befürchten eine totale Virtualisierung des menschlichen Zusammenlebens. Doch welche digitalen Entwicklungen haben das Potenzial, kulturell und gesellschaftlich Neues zu schaffen und vor welchen müssen wir uns schützen?

Wir befinden uns mitten in der digitalen Revolution. Die Frage ist, wie gehen wir mit den gravierenden Veränderungen, die unser Leben maßgeblich beeinflussen, um? Welche Möglichkeiten dieses Mediums ergreifen wir und welchen stellen wir uns bewusst entgegen?

Zu glauben, Demokratie bedeute, dass alle in ihr gefällten Entscheidungen gute Entwicklungen für das Allgemeinwohl mit sich bringen würden, ist ein grundlegender Irrtum. Nur weil die digitale Überwachung der Bevölkerung politisch akzeptiert wird, haben wir keine Veranlassung, diese einfach zu dulden. In einer wahren Demokratie darf es keine Überwachung geben, da die Herrschaft des Volkes unter solchen Bedingungen nicht mehr gewährleistet ist.

Seit Beginn der 1990er gibt es das Internet. Es steht außer Frage: Das Internet hat uns einen gerechteren und leichteren Zugang zu Wissen und Bildung verschafft. Doch wie können wir das Internet gutheißen, wenn es zu den Zugangsvoraussetzungen gehört, dass von uns genaue Persönlichkeitsprofile erstellt werden? Sobald man sich der Durchleuchtung der eigenen Daten im Internet nicht entziehen kann, wird man unfrei.

Was viele nicht wissen: Schon heute ist es möglich, Kamera-chips zu bauen, die mit der Gesichtserkennung von Facebook jeden Menschen erkennen können. Man stelle sich vor, diese Chips könnten in die Überwachungskameras öffent­licher Verkehrsmittel implementiert werden. Was für eine Kosteneinsparung würde es bedeuten, bei einer Schlägerei am Bahnhof den Täter binnen Sekunden anhand des Chips ermitteln zu können? Doch wie sehr würde dieses Szenario in unsere persönliche Freiheit und die unserer Gesellschaft eingreifen? Es gibt noch das Argument, man hätte ja nichts zu verbergen – ein erneuter Fundamentalirrtum. Im Virtuellen kann jede Kleinigkeit in der entsprechenden Situation gegen uns verwendet werden. Und nicht nur das: Indem wir bereitwillig unsere Daten zur Verfügung stellen, schaden wir uns selbst und den anderen, da die mit Algorithmen verarbeiteten Daten unser Nutzerverhalten beeinflussen.

Wie sollen wir uns also dem Datenklau gegenüberstellen? Mit Angst, wie es uns medial häufig suggeriert wird, jedenfalls nicht. Empörung ist viel mehr angemessen! Mittlerweile gibt es ein Paar Alternativen zu WhatsApp und Co., wie den End-zu-End verschlüsselten Messenger »Threema«. Es liegt an uns, unsere Mündigkeit gegen die Tendenz der dreisten Datensammlung zu verteidigen. Nicht weniger ist es Aufgabe der Politik, Restriktionen gegenüber Monopolen wie Google, Facebook und Amazon zu veranlassen, damit der Bürger seiner Freiheit nicht beraubt wird und unsere Marktwirtschaft sich wieder sozial nennen darf.

Prothesen aus dem Drucker

Anke Domscheidt-Berg, die ehemalige Microsoft-Direktorin, plädiert im Kampf um mehr Privatsphäre des Einzelnen für das Prinzip eines gläsernen Staats. Das Konzept des »Open Government« sieht vor, dass alle Beschlüsse, Resolutionen und Verhandlungsstadien der Regierungsvertreter im Netz für jedermann zugänglich sind. Doch die digitale Revolution des 21. Jahrhunderts hält auch andere Facetten für uns parat: Haben Sie schon einmal vom 3D-Drucken gehört? Stellen Sie sich vor, Sie könnten all die Dinge, die Sie sonst einkaufen müssten, praktisch Zuhause ausdrucken. Wenn Sie Gäste erwarten, aber nicht genug Geschirr Zuhause haben, könnten Sie die fehlenden Teile einfach drucken. Klingt wie Science Fiction? Dies wird aber innerhalb der nächsten Jahre geschehen sein.

Schon heute ist es möglich, Prothesen jeglicher Art für Patienten drucken zu lassen. Die feine Drucktechnik ermöglicht dabei eine um Längen präzisere Anfertigung als alle bisher gängigen Methoden. Der Druck wird bei steigender Komplexität des Produkts nicht teurer und die Kosten sind gering. Kostspielig ist nur die Anschaffung eines 3D-Druckers. Wie wäre es, wenn in Zukunft Familien aus ärmeren Regionen oder Krisengebieten der Welt den kostenlosen Bauplan einer Handprothese für ihr Kind, das ohne Hand geboren wurde, im Internet herunterladen und an einem öffentlichen Gerät einfach ausdrucken könnten, ohne größeren Kostenaufwand? Mittlerweile gibt es Forschung im Bereich des Organdrucks. Beim »bioprinting« werden die menschlichen Zellen in feinen Schichten und nach individuellem Bauplan von dem Drucker aufgetragen und zu einem Organ geformt. Die bisher praktizierte Organtransplantation wäre damit überflüssig.

3D-printing hat das Potenzial, auch gesellschaftlich eine Entwicklung voranzutreiben. Wenn jedes gewünschte Produkt häuslich oder in öffentlichen Einrichtungen für wenig Geld erzeugt werden kann, entfallen dem Markt die Konsumenten. Das Zeitalter der Globalisierung würde womöglich abgelöst werden. Die Produktionsverhältnisse würden demokratisiert, da das Volk jederzeit Zugriff auf die dezentralisierten Produktionsmittel hätte.

In Zukunft könnte es 3D-Drucker geben, die das Erzeugte auf Wunsch wieder recyceln. Natürliche Ressourcen würden somit sparsamer verwendet, da jedes defekte Produkt reproduzierbar wäre und nicht neu beschafft werden müsste. Der Wert materieller Güter würde sich minimieren, weil jedes Produkt vernichtbar und reproduzierbar wäre. All dies ist nicht utopisch. In den USA wurde ein Gesetz verabschiedet, dass Ende 2015 jeder öffentlichen Schule ein 3D-Drucker zur Verfügung stehen soll.

Eine offene Frage bleibt, welche Rolle dem Rohstoffmarkt und -handel in einer Welt zukommen wird, in der jeder von dem Grundproduktionsstoff abhängig ist. Dann stellt sich die Frage, welchen  Wert das geistige Eigentum in einer Welt der ständigen Reproduzierbarkeit hat. Letztlich muss ergründet werden, wie verlässlich und zukunftsträchtig das 3D-printing ist. Deutschland als Wissenschaftsstandort darf sich der digitalen Revolution nicht entziehen. Es geht darum, Kulturimpulse anzuregen und Innovation zu verwirklichen.

Was können wir tun?

Wir müssen lernen, Dinge nicht zu tun, obwohl sie technisch möglich wären, vermeintliche Sicherheit gewähren und Profit bringen. Wir müssen lernen, erkannte Möglichkeiten bewusst nicht zu ergreifen, weil sie nicht zukunftsträchtig sind und es ertragen können, bestimmte Chancen vorbeiziehen zu lassen – daran wird die Menschheit wachsen. Die Entwicklung der Digitalisierung ist weder ein Übel noch die Rettung aus dem Übel. Sie muss differenziert betrachtet werden. Trotzdem dürfen wir nicht unser höchstes Gut, die Freiheit, leichtherzig hergeben.

Zur Autorin: Maxine Fowé besucht die 12. Klasse der Rudolf-Steiner-Schule in Hamburg-Wandsbek. Sie ist Vorstandsmitglied und Vertreterin des Bundesschülerrates der Freien Waldorfschulen in Deutschland.

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