Karl Schubert – der erste Heilpädagoge

Von Tomás Zdrazil, Juni 2019

Anfang 1920 erreichte Emil Molt ein besonderes Be­werbungsschreiben. Der Sprachwissenschaftler Dr. Karl Schubert aus Wien fragte an, »ob ich in dem Betriebe der unter Ihrer Leitung stehenden Fabrik eine Beschäftigung als Hand-­ oder geistiger Arbeiter finden kann …«

Schubert wurde sofort in die Waldorfschule eingeladen und musste in Anwesenheit von Rudolf Steiner eine Art Probestunde in der 5. Klasse halten. Die Stunde verlief gut, doch peinlicherweise fiel er beim Versuch, ein Stück Papier vom Boden aufzuheben, hin: »Sie werden das wohl nicht als schlechtes Zeichen auffassen«, sagte Steiner zu ihm lächelnd und betraute ihn ab April 1920 mit einer ganz besonderen – und vielleicht der schwierigsten – pädagogischen Aufgabe an der Schule, mit der Leitung der sogenannten Hilfsklasse. Man merkte nämlich rasch nach der Gründung, dass gar nicht wenige Kinder aus den Arbeiterfamilien große Schwierigkeiten hatten, den Anschluss an den altersgemäßen Unterricht in ihren Klassen zu finden. Da es in der Waldorfschule kein Sitzenbleiben gab und die Schüler aus ihren Klassen nicht einfach entlassen werden sollten, wurden sie stundenweise am Vormittag zu Schubert in die Hilfsklasse geschickt, um dann wieder in ihrem Klassenverband an dem übrigen Unterricht teilnehmen zu können. Die Aufgabe bezog sich zuerst auf neun Kinder der Klassen 1 bis 6. Schubert konnte aber seiner neuen Aufgabe nur etwa zwei Monate nachgehen, denn dann musste er die verwaiste vierte Klasse übernehmen.

Ab September übernahm er wieder die siebte Klasse und hatte sie zwei Schuljahre in den meisten Hauptunterrichtsfächern.

Er unterrichtete in den ersten Schuljahren viel Fremdsprachen und – insbesondere in den oberen Klassen – auch Geschichte. Man nutzte also seine umfassenden Sprachkenntnisse – er konnte schließlich fließend Französisch, Englisch, Russisch, Tschechisch, Altgriechisch und Latein – und seine universelle Bildung. Die Hilfsklasse konnte unter Schuberts Leitung erst richtig vom vierten Schuljahr (1922) an wieder eröffnet werden. Steiner gab Schubert den zentralen Hinweis, er solle die verschlafenen Kinder durch Willensübungen »im Zentrum aufwecken« und baute bei ihm auf seine besonderen, dienenden Kräfte des Herzens (»Diene-Mut«), seine Moralität und Menschlichkeit, die diesen zum ersten heilpädagogisch tätigen Waldorflehrer gemacht haben – noch bevor es zu dem sogenannten Heilpädagogischen Kurs und den ersten heilpädagogischen Einrichtungen im Jahre 1924 kam: »Und nun ist es wiederum so segensreich, dass es gar nicht lange dauert, und das Kind, das in diese Hilfsklasse einrückt, bekommt den gerade für diese Hilfsklasse durch seinen Charakter, seine Temperamentseigenschaften, durch seine Liebefähigkeit so ge­eigneten Dr. Schubert so ungeheuer lieb, dass es nun wieder aus der Hilfsklasse nicht heraus will« (Steiner). Schubert war ein innig religiöser Mensch, der den anthroposophischen Erkenntnisweg mit seiner Verwurzelung in der katholischen Kirche verbinden konnte. Er nahm die Anthroposophie mit tiefsten Gemütskräften auf und konnte das Menschenwesen in großen umfassenden Zusammenhängen und kosmischen Bildern sehen. Seine zahlreichen Vorträge wurden sehr geschätzt. »Dr. Schubert wirkte so überzeugend für die Wahrheit der Waldorfschule im Ganzen«, sagte einmal Rudolf Steiner selbst über ihn.

Darüber hinaus war es auch maßgeblich Schuberts Verdienst, dass ab 1921 die sogenannten Oberuferer Weihnachtsspiele an der Stuttgarter Schule aufgeführt wurden. Schubert, der selbst die wichtige Rolle des »Baumsingers« übernahm, beschreibt die pädagogische Wirkung auf die Schulgemeinschaft folgendermaßen: »Die Pädagogik der Waldorfschule […] ist wie die suchende Demut der Hirten angewiesen an die liebende Hingabe, und wie die forschende Weisheit der Könige, sie muss erhellt sein von der Menschenkunde, die den Menschen als Träger eines ewigen Wesens erkennt. Die größte pädagogische Kraft liegt in dem Erkennen des Menschenwesens.« An zwei Stellen ist seine dienende Haltung noch hervorgetreten: in seinem Religionsunterricht und in seiner Fähigkeit, sehr präzise die Konferenzgespräche wie auch manche Vorträge Rudolf Steiners – wie zum Beispiel den Heilpädagogischen Kurs – mitzustenographieren.

Die Hilfsklasse veränderte sich im Laufe der Jahre zunehmend in die Richtung, dass immer mehr auch ganz schwere Fälle, das heißt Kinder, die überhaupt an keinem Klassenunterricht teilnehmen konnten, in die Hilfsklasse aufgenommen wurden. Karl Schubert leitete dann die Hilfsklasse zum größten Segen für »seine«, aber auch für alle Kinder der Waldorfschule ununterbrochen, bis er 1934 wegen seiner jüdischen Herkunft das Kollegium verlassen musste. Ihm gelang es aber trotzdem, seine Hilfsklasse, im Verborgenen geduldet, bis 1945 weiterzuführen. Bitter traf ihn, dass er als Heilpädagoge mit seiner Hilfsklasse an dieser Schule nach dem Zweiten Weltkrieg bei der Wiedereröffnung keinen Platz mehr fand.

Zum Autor: Prof. Dr. Tomás Zdrazil ist Dozent an der Freien Hochschule in Stuttgart.

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