Lernen im Tempel

Von Christoph Jaffke, Dezember 2016

Dieses Jahr hat die Fortbildung für Waldorf-Englischlehrer in China zum dritten Mal bei Mönchen und Nonnen in einem Tempel in den Bergen der Provinz Hubei stattgefunden. Christoph Jaffke, Dozent an der Stuttgarter Hochschule, berichtet.

In China hat sich die Waldorfschulbewegung so rasant entwickelt, wie in keinem anderen Land der Welt. Gab es 2011 eine einzige Waldorfschule in Chengdu, waren es drei Jahre später bereits 51. Inzwischen sind es über 70.

Hinzu kommen über 300 Waldorfkindergarten-Gruppen. Einige Neugründungen sind durch Abspaltungen von einer bestehenden Schule zustande gekommen. Die Waldorfschulen in China bekommen massive Aufbauhilfe von Mentoren, vorwiegend pensionierte Kollegen mit reicher Berufserfahrung aus Neuseeland, Australien, den Vereinigten Staaten und Europa. An sechs Standorten gibt es berufsbegleitende mehrjährige Ausbildungen mit oft über hundert Teilnehmern. Der Englischunterricht bedeutet eine große Herausforderung für die Schulen. Da das Land über viele Jahre keinen Kontakt mit englischsprachigen Ländern hatte, gibt es nur ganz wenige Englischlehrer, die – nach üblichen Maßstäben – über eine halbwegs laut­reine Aussprache und ein sprachrichtiges Ausdrucksvermögen verfügen.

Der größte Teil der Schulen befindet sich noch in der Aufbauphase und hat nur Lehrer mit Teil-Lehraufträgen. An vielen Schulen leidet der Englischunterricht unter einer starken Lehrerfluktuation.

Selten wird die in der Stundentafel bestimmte Fachstundenzahl erreicht. Erschwerend kommt hinzu, dass es – anders als für den Bereich des Klassenlehrers – noch keine Fachausbildung für Waldorf-Englischlehrer gibt.

Monica Boyd, eine erfahrene, in Kanada ansässige Lehrerin, reist seit fünf Jahren im Lande herum und arbeitet mit den Englischlehrern an den Schulen. Mit ihr zusammen gründete ich im Jahr 2012 in Guangzhou die Conference for Waldorf English Teachers. Im September 2016 fand sie zum fünften Mal statt, wieder in einem großen buddhistischen Tempel: dem Tian Tai Tempel, Hong An, in der Provinz Hubei, etwa drei Autostunden von der Millionenstadt Wuhan entfernt.

Sogar der Abt war dabei

Tian Tai liegt mitten in einer Berglandschaft. Die Luft ist – anders als in den meisten chinesischen Großstädten – sauber, der Nachthimmel wunderbar klar, von keinen Großstadtlichtern getrübt.

Hinter dem Tempel erhebt sich ein 300 Meter hoher Berg, der von den Teilnehmern immer wieder, oft in der Dunkelheit nach Abschluss der Tagesarbeit, von anderen frühmorgens, vor Sonnenaufgang, bestiegen wurde. Die Mönche und Nonnen des Tempels bieten Waisenkindern ein Zuhause und betreiben eine kleine Schule. Fast alle spielen ein Streichinstrument. Auch in diesem Jahr gaben sie ein Konzert für uns.

Die Unterkunft im Gästehaus des Tempels ist spartanisch. Die Betten bestehen aus einer Holzpritsche mit einer Wolldecke als Matratze. Die Teilnehmer schlafen in Stockbetten zu acht oder zu zehnt in einem Zimmer.

Dreimal täglich gibt es Reis und Gemüse. Jeder Gast des Tempels kocht sich täglich seinen Bedarf an Trinkwasser ab. Die Teilnehmerzahl schwankte über die Jahre zwischen fünfzig und siebzig. Zum ersten Mal wurde die Tagung in diesem Jahr in Zusammenarbeit mit dem China Waldorf Forum (CWF) veranstaltet, das man vielleicht als Vorläufer eines in Zukunft zu gründenden Bundes der Waldorfschulen in China betrachten kann. Das künstlerische Üben war ein wichtiger Bestandteil der Fortbildung. Jeden Morgen zog eine Gruppe Sangesfreudiger durch die Flure des Gästehauses, um die Teilnehmer mit englischen Morgenkanons zu wecken.

Es gab englische Eurythmie und englische Sprachgestaltung und methodisch-didaktische Seminare für die Klassen 1 bis 4, 3 bis 5 und 6 bis 8. Jeden Morgen gab es eine gemeinsame Grundlagenarbeit zur »Allgemeinen Menschenkunde« mit Ben Cherry, dem Pionier der Waldorfpädagogik in China. Abends übten sich die Teilnehmer in Story-Telling. Dabei geht es um den der jeweiligen Alters- oder Klassenstufe entsprechenden Einsatz von Stimme und Körpersprache. Durch eigenes Tun und das Wahrnehmen anderer Kursteilnehmer entstand eine dichte Lernatmosphäre und es wurde viel gelacht und gesungen. Die Arbeitsdisziplin war hoch. Immer wieder sah man kleine Gruppen von Teilnehmern zusammensitzen, die sich über neu Gelerntes austauschten.

Erstmals fragten uns die Mönche und Nonnen, ob sie auch etwas von unserer Arbeit sehen könnten. So luden wir sie ein, anzuschauen, was im Lauf der Woche in der Eurythmie und Sprachgestaltung erarbeitet worden war. Es kamen siebzig. Sogar der Abt war dabei.

Die Teilnehmer überlegten, wie eine vollwertige, berufsbegleitende Ausbildung für Waldorf-Englischlehrer in China auf den Weg gebracht werden könnte.

Ende April 2017 wird in Chengdu erstmals in China die Asian Waldorf Teachers’ Conference stattfinden, die siebte ihrer Art.

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