Manu, Moses & More

Von Winfried Altmann, März 2019

In Ransbach-Baumbach, in der größten Stadthalle des Westerwalds, konnte man vor einem Jahr ein besonderes eurythmisch-sinfonisches Theaterprojekt erleben: Manu, Moses & More – Eine Reise durch Mythen und Mysterien des Abendlandes. Es war eine Zusammenarbeit der Rudolf Steiner Schule Mittelrhein in Neuwied (Eurythmie, Schauspiel und Bewegungstheater) mit dem Landesmusikgymnasium Montbaur (Chor und Orchester).

Foto: © Klaus Weinand Photoart

Foto: © Klaus Weinand Photoart

Etwa 220 Schülerinnen und Schüler beider Schulen waren beteiligt, unzählige Helferinnen und Helfer, Lehrer und Eltern, wirkten hinter der Bühne mit und machten das ambitionierte Projekt (600 Kostüme!) erst möglich. Zuvor hatte es eine bejubelte Voraufführung in Dornach anlässlich einer internationalen Eurythmie- und Sprachgestalter-Tagung gegeben. 2019 wird nun die Peer Gynt Suite von Edward Grieg aufgeführt.

»Manu, Moses & More« ist eine pädagogische und soziale Großbaustelle, eine Art Bauhütte der verschiedensten Zünfte, die sich hier zu anspruchsvoller Kooperation und Teamarbeit zusammengefunden haben. Für Konzeption, Text und Gesamtleitung zeichnet Silvia Vögele verantwortlich; ihr Mann Winfried Vögele komponierte die Musik. Die Texte wurden frei zusammengestellt, teilweise überarbeitet und ergänzt. Als Quellen dienten das Alte Testament, die Evangelien und die Johannes-Apokalypse. Die »Reise durch Mythen und Mysterien des Abendlandes« wird auf die Bühne gebracht durch Rezitation, Sprechchor, Eurythmie und Bewegungstheater.

Das Projekt »Manu, Moses & More« stellt die für Juden, Christen und Muslime gemeinsame Vorgeschichte dar, von der Erschaffung der Welt im Sechstagewerk, von Adam und Eva im Paradies, von Noah (Manu) und der Sintflut, von Abraham und seinen Nachfahren bis zu Moses. Aber damit endet das Stück noch nicht; es folgen die Erzählung von Tod und Auferstehung Christi und als Abschluss die Vision vom Himmlischen Jerusalem aus der Johannes-Apokalypse.

Von Neuseeland über Brasilien ins Heilige Land

»Manu, Moses & More« ist das dritte Projekt seiner Art. Nach zwei Vorläufern kam es 2008 zum ersten großen »Eurythmisch-Sinfonischen Theaterspektakel Waitaha«, das auf der Welt-Lehrertagung am Goetheanum in Anwesenheit des Autors des »Song of Waitaha«, Te Porohao Ruka Te Korako und seiner Frau Makere, uraufgeführt wurde.

Fünf Jahre später wurde ein ähnliches Großprojekt realisiert: Das »Musik-Eurythmie-Kultur-Projekt Guarani», das den Schöpfungsmythos der Guarani-Indios in Südamerika thematisiert. Nach den Aufführungen in Deutschland flogen die Zwölftklässler der Rudolf Steiner Schule Neuwied zusammen mit einigen Musikern aus dem Musikgymnasium Montabaur nach Brasilien und studierten dort mit den Jugendlichen aus der Favela Monte Azul (Sao Paulo) und Musikern einer Guarani-Kultureinrichtung das Stück auf Portugiesisch neu ein und fanden ein begeistertes Publikum.

Nach weiteren fünf Jahren probten die Schüler beider Schulen für eine Reise durch Mythen und Mysterien – diesmal des Abendlandes. Die Voraufführung einiger Szenen am Goetheanum wurde enthusiastisch gefeiert.

Friede ist das Zentrum der Waitaha-Kultur, die Schöpferkraft des Wortes steht im Mittelpunkt der Guarani-Mythen, Entwicklung ist Inhalt der abendländischen Mythen.

Schöpfungsmythen – Bausteine für die Zukunft

Warum diese uralten Mythen und Geschichten, an die doch niemand mehr glaubt, wird mancher sich für aufgeklärt haltende Zeitgenosse fragen? Es sind Geschichten, die seit Tausenden von Jahren erzählt werden und die, vielfach variiert, im Kern und auf dem ganzen Erdball doch stets das gleiche Drama thematisieren: vom Werden und Entstehen, vom großen ungestalten Nichts und Dunkel zur Vielfalt in der Welt des Lichts – mit einem Wort: die Schöpfung. Die Ersatz-Geschichte vom Spiel des Zufalls genetischer Mutationen und anschließendem Kampf ums Dasein hört man dagegen erst seit gut 150 Jahren, aber sie ist keine wirkliche Geschichte, sie hat keinen tieferen Sinn, sie berichtet nur von Beliebigkeiten, die zufällig passieren. Die andere Ersatzerzählung vom Urknall ist noch jünger und noch inhaltsloser, so spannend wie der Weg einer Kugel auf einer schiefen Ebene: eine bloße Abfolge der Interdependenzen von Materie und Energie – sicherlich »richtig« und interessant im Sinne der Physik, aber darüber hinaus?

»Was fruchtbar ist, allein ist wahr», sagte Goethe. In diesem Sinne sind die großen Mythen der Menschheit wahr, nicht zuletzt deshalb, weil sie auch pädagogisch ungemein fruchtbar sind. Jeder Mensch, vor allem aber jedes Kind ist ein ständig Werdendes, in jedem Augenblick und Tag für Tag. Solche Erzählungen vom Werden des Kosmos und des Menschen, von den Dramen der Entwicklung, von Kreativität und Schöpferkraft sind Seelennahrung und können helfen, dass ich mich als Geschöpf unter Mitgeschöpfen in der einen großen Schöpfung erkennen und erleben kann.

Das größte Problem unserer Zeit ist die Zerstörung der Natur durch den Menschen. Er zerstört sie, weil er sie nicht mehr als Schöpfung und ebensowenig sich selbst als Geschöpf wahrnehmen kann. Wir haben uns die Schöpfung viel zu lange »untertan« gemacht und uns von ihr entfremdet. Wir haben dadurch Selbstbewusstsein und Freiheit erlangt. Manche sind an den Problemen aufgewacht und bescheiden geworden und erklären, dass wir ja nichts weiter als ein winziges Staubkorn im Weltall seien. Wie aber soll ein Staubkorn jemals Verantwortung für ein Ganzes, für »Gottes Schöpfung« empfinden?

Ein neues, inklusives Selbstbewusstsein wäre zu entwickeln, das sich nicht mehr aus der Absetzung und Trennung von der »untertan« gemachten Erde speist. Solange wir von Umweltschutz reden, leben wir noch im alten separatistischen Bewusstsein: »ICH bin das Zentrum und alles andere ist das Drumherum.« Erst wenn wir statt Umwelt Mitwelt sagen können und uns als Teil von ihr erleben, ist die ökologische Wende im Bewusstsein angekommen. Unsere Zukunft wird wesentlich davon abhängen, ob wir zu einem neuen Begriff von »Schöpfung« finden, der auf innerem Erleben fußt.

Vielleicht könnte schon bald, weil wir es so empfinden, das deutsche Grundgesetz mit einem neu formulierten Artikel 1 beginnen: Die Würde der Schöpfung ist unantastbar.

Zum Autor: Winfried Altmann arbeitete von 1969 bis 2007 in den Verlagen Freies Geistesleben und Urachhaus in Stuttgart und im Rudolf Steiner Verlag in Dornach. Mitarbeit im Karl König Institut und Kaspar Hauser Forschungskreis. Übersetzer und Herausgeber der deutschen Ausgabe von »Song of Waitaha. Das Vermächtnis einer Friedenskultur in Neuseeland«.

Hinweis: Begleitbuch Und es ward Licht. Ein Bilderzyklus von Christiane Usadel zum eurythmisch-sinfonischen Theaterprojekt »Manu, Moses & More« mit dem vollständigen Text des Stücks. Bezug über E-Mail: cu(at)amala-art.de. DVD (Mitschnitt): Bezug über E-Mail: info@indiartic.de. CD: Soundtrack mit den musikalischen Highlights: Bezug über: si-win.voegele(at)t-online.de.

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