Mehrere Vögel mit einem Stein erlegen. Interkulturelle Begegnungen in Marokko

Von Isabella Geier, Januar 2011

Wie man zwischenmenschliche Begegnung, Unterricht und praktische Arbeit miteinander verbinden kann, zeigt ein Oberstufenprojekt der Freien Waldorfschule Augsburg. Die Französischlehrerin, die den Einsatz in Marokko begleitete, berichtet.

Unser irakischer Freund Ahmed Alqassimi hatte uns einen Internetkontakt mit dem marokkanischen Philosophie­lehrer Chafik Graiguer aus Had Kourt vermittelt, und dieser zeigte an einem gemeinsamen Projekt sofort Interesse. Am letzten Schultag vor den Pfingstferien fand dann eine erste Videokonferenz statt.

Dicht gedrängt hockten etwa zwanzig Schüler unserer Oberstufe vor der Leinwand und schauten gebannt auf die ebenso eng beieinander sitzenden marokkanischen Jugendlichen. Das Mikrophon wurde von einem zum anderen weitergegeben – man stellte sich auf Französisch vor und formulierte eine Frage, die von der anderen Seite beantwortet wurde. Es war eine ziemlich spontane Aktion, Vorbereitung und Ablauf noch nicht optimal, aber die Stimmung war bestens, es wurde viel gelacht, gewunken, applaudiert – und sogar gesungen. Die dort auf der Leinwand sahen anders aus und waren anders gekleidet, aber sie waren genauso neugierig und erwartungsvoll, genauso interessiert und offen.

Im nächsten Schuljahr nahmen dann zehn Schüler der 10. Klasse am Projekt teil: In einer zusätzlichen Französischstunde pro Woche wurden Texte über Marokko erarbeitet und referiert. Am Ende stand wieder eine Videokonferenz. Man sprach über das jeweilige Schulsystem, über Politik, zum Beispiel über die Sahara-Frage, aber auch über die konkreten Lebensumstände hüben und drüben – und über Musik. Als die Marokkaner ein deutsches Lied hören wollten, schmetterten die Zehntklässler »Freude schöner Götterfunken« ins Mikrophon.

Nachdem ich unseren Projektpartner Chafik auch persönlich kennen gelernt hatte, wagte ich mich an die Vorbereitung einer ersten echten Begegnung. Wir wollten gleich mehrere Fliegen mit einer Klappe schlagen – in Marokko sagt man übrigens: mehrere Vögel mit einem Stein erlegen. 

Austausch auf Französisch 

Die Schüler sollten erleben, dass nicht nur Englisch, sondern auch Französisch zu interkulturellem Austausch über die Grenzen von Kontinenten hinweg befähigt; und dieser Austausch sollte mit einer gemeinsamen solidarischen Aktion verbunden werden. Dabei wollten wir bewusst das Stereotyp der so genannten Entwicklungshilfe verlassen und auf Augenhöhe abwechselnd Projekte in Had Kourt und in Augsburg realisieren. Die Suche nach einem geeigneten Beginn mündete nach langen Überlegungen und Gesprächen dank dem Physiker Alfred Körblein, den wir als technischen Leiter gewinnen konnten, in der Idee, zwei Solarabsorber zur Warmwassergewinnung für das Jungeninternat der Partnerschule zu bauen. Eric Horner von der Organisation Idem half mit praktischen Tipps, der Augsburger Geschäftsmann Eduard Ruf ermöglichte die Beschaffung des benötigten Materials finanziell, ebenso die Waldorfstiftung und einige private Spender, und die marokkanischen Kollegen überwanden jede Menge bürokratische Hürden des Königreichs.

Nicht ganz einfach war die Kommunikation technischer Details via Internet und Fremdsprache. Wo Erklärungen und Lexikon versagten, halfen Bilder – es lebe die Digitalkamera und – trotz allem –, auch Google.

Sechs Schülerinnen und ein Schüler unserer Klassen 10 bis 12 ließen sich dann im Sommer 2010 auf das Abenteuer ein. Die erste heikle Frage war, wie wir das Material über die Grenze bringen würden, aber es lief zum Glück alles glatt. Ein Kollegenehepaar räumte uns und den Schülern in typisch arabischer Gastfreundschaft sein Haus und ließ es uns an nichts fehlen. Aus dem Zusammenleben und -arbeiten entwickelte sich rasch eine herzliche Freundschaft.

Nach einem offiziellen Empfang mit den Honoratioren der Stadt begann dann die Projektarbeit. Eine gemischte Gruppe baute an den Absorbern, eine andere erarbeitete sich an Hand französischer Texte Informationen über das Land, die anschließend diskutiert wurden. Dann wurden die Aufgaben getauscht. Auf marokkanischer Seite hatten so viele Schüler teilnehmen wollen, dass sie nach schulischer Leistung ausgewählt wurden. Dadurch hatte sich die gleiche Geschlechterkonstellation ergeben wie bei unserer Gruppe.

Zum Programm gehörte auch, dass die Schüler anfänglich die Sprache der anderen lernten, was sie mit großem Eifer taten. Als sich unsere Schüler darüber wunderten, junge Männer Hand in Hand durch die Straßen schlendern zu sehen, begannen wir einen interkulturellen Austausch über Sitten und Gebräuche und darüber, was in der jeweiligen Gesellschaft normal oder angebracht ist. So demonstrierten uns zum Beispiel die marokkanischen Kollegen zur Gaudi ihrer Schüler, wie sich Männer nach unterschiedlich langer Trennung begrüßen. 

Exkursion in den Souk 

Höhepunkte unseres Aufenthalts waren der Ausflug nach Fès und der Besuch des Wochenmarkts von Had Kourt, dem »Souk«. Auf Planen auf der Erde ausgebreitet und durch Zeltdächer vor der sengenden Sonne geschützt, überwältigten Früchte, Gemüse, Gewürze, Pflanzenfarben, Fleisch, Fisch und Garküchen Augen und Nase, während Marktschreier in allen Tonlagen und Lautstärken auch die Ohren nicht zu kurz kommen ließen. Was bei uns selbstverständlich im Müll landet, wird hier aufwändig repariert und recycelt: alte Schuhe, Radioapparate, Handys … Das Waren-­angebot umfasst alle Alltagsbedürfnisse, dazu bieten Messerschleifer, Friseure, Schuster und Schneider ihre Dienste an. Zwischen den Ständen drängen sich die Kunden, Wasserverkäufer, die alle Wasser aus dem selben Becher trinken lassen, und Esel, die Waren an- und abtransportieren.

Nach dem Aufbruch nach Fès um 6 Uhr früh sprach Fatimah Sarah, die als einzige ein Kopftuch trug, versweise eine Reisefürbitte, die vom Chor der übrigen kraftvoll nachgesprochen wurde. Anschließend begannen unsere marokkanischen Freunde aus voller Kehle zu singen; ihr Repertoire schien unerschöpflich. Auch der Busfahrer sang mit und unterbrach nur kurz, als er bei voller Fahrt einen Hund überfuhr, dann während einer Polizeikontrolle und um nach dem Weg zu fragen. Die Marokkaner sind so kommunikativ, dass sie lieber zehn Mal fragen, als sich einmal auf einer Karte zu orientieren. Unterwegs besichtigten wir die Ruinen der römischen Stadt Volubilis mit ihren wunderschönen Bodenmosaiken. In Fès beeindruckten uns die gewaltigen Festungsmauern im Kontrast zur filigranen Ornamentik der Medersa, einer mittelalterlichen Universität. Nach Mittagessen und Besichtigungen durften sich unsere Schüler dann im Handeln üben, wobei ihnen die Kollegen unermüdlich halfen. Der junge Religionslehrer Abdoullah, der jedes Spiel und jeden Spaß mitmachte, passte auf, dass im Gewühl niemand verloren ging.

Souhail, der nie über die nähere Umgebung von Had Kourt hinausgekommen war, meinte, es sei der schönste Tag seines Lebens gewesen. Später schrieb er: »Vielen Dank für Euer Vertrauen und Euren Respekt! Es war eine super Idee, dieses Projekt hier in Marokko zu machen, für uns war das wirklich etwas ganz Besonderes!«

Als wir in der nächst größeren Stadt eine Versicherung abschlossen, weil die unsrige Marokko aus ihrem Programm gestrichen hatte, übernahm der Makler spontan ein Drittel der Summe privat. Als wir auf dem Markt ein – lebendiges – Huhn für die Zubereitung unseres Mittagessens erhandeln wollten, bekamen wir es geschenkt und es wurde vor den Augen unserer entsetzten Schüler geschlachtet und gerupft. Mehrfach wurde die gesamte Gruppe (20 Leute) zum Essen eingeladen. Erstaunlich schnell fielen bei unseren Schülern dabei die Hemmungen, auf eine gemeinsame Platte mit den Händen zuzugreifen. 

Rundum zufrieden 

Und die Bilanz? Für die teilnehmenden Schüler war das Projekt ein einmaliges Erlebnis. Alle waren überwältigt von der Herzlichkeit und Gastfreundschaft, aber auch sehr betroffen von der großen Armut. Alle haben auch einen lebendigen Eindruck vom Islam gewonnen und waren beeindruckt, mit welcher Selbstverständlichkeit die Religion im Alltag gelebt wird, wie etwa die Gäste im Restaurant den zusammengerollten Gebetsteppich aus der Ecke nehmen und sich in eine ruhige Ecke zurückziehen. Sie waren froh darüber, nicht als Touristen gekommen zu sein, sondern die Kultur des Landes im Zusammenleben und -arbeiten kennen gelernt zu haben, in einer Kleinstadt fernab aller Touristenströme.

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