Mentorenschulung in der Praxis

Von Richard Landl, Februar 2012

Viele Lehrer an Waldorfschulen stehen früher oder später vor der Aufgabe, jüngere Kollegen oder Quereinsteiger einzuarbeiten.Die Aufgabe, als Mentor aktiv zu werden, trifft die meisten Kollegen unvorbereitet. Die Mentorenschulung, über die Richard Landl berichtet, schafft die nötigen Voraussetzungen.

Jeder, der schon einmal hospitiert hat, weiß, dass der Beobachter mehr wahrnimmt als der beobachtete Lehrer. Kommt man mit dem Lehrer hinterher ins Gespräch, steht man vor der schwierigen Frage, welche der gemachten Wahrnehmungen man anspricht: Was ist für den anderen wirklich wertvoll, was kann er annehmen, was kann eine echte Hilfe sein? Schnell wird der Mentor dazu verleitet, über die gesamte Vielfalt seiner Beobachtungen ins Gespräch zu kommen, ohne zu beachten, wie weit der andere folgen kann, aufnahmefähig und aufnahmebereit ist. Hier wird leicht ein »Zuviel« zum Problem.

Der Unterrichtende fühlt sich überschüttet und nimmt den Eindruck mit, dass Vieles in seinem Unterricht nicht gelungen ist. Geht ein Kollege mit einem solchen Gefühl aus einer Hospitation, so wird er meist dazu nicht wieder bereit sein, sich von anderen Kollegen spiegeln zu lassen. Gerade für Neueinsteiger können dadurch große Chancen für die Zusammenarbeit und die Verbesserung von Unterricht vertan werden. Eine andere Versuchung ist, dem Anfänger die eigenen Methoden und didaktischen Über­legungen zum Maßstab zu setzen.

Dabei wird schnell übersehen, dass ein anderer Lehrer auf andere Art und Weise seinen Weg zu einem guten und erfolgreichen Unterricht finden muss. Gerade beim Waldorflehrer, bei dem es besonders auf den Einsatz seiner Persönlichkeit ankommt, ist das Entwickeln einer individuellen Unterrichtsform unabdingbar. Das verlangt vom Mentor, dass er viel von seiner eigenen Art und seiner eigenen Erfahrung zurückstellt.

Ein anderer kritischer Bereich ist der Umgang mit Ängsten, die bei Hospitationen auftreten, besonders dann, wenn noch nicht eine endgültige Einstellung erfolgte oder wenn Berichte von Kollegen über deren problematische Erfahrungen vorliegen. So hat der Mentor die wichtige Aufgabe, diese Ängste in einer entspannten Gesprächsatmosphäre abzubauen.

Diese Beispiele machen deutlich, dass eine Mentorierung nur durch eine entsprechende Qualifizierung verantwortungsvoll zu leisten ist. Dafür wurde eine spezielle Fortbildung entwickelt, bei der von vornherein der Praxisbezug im Vordergrund steht. Ziel dieser seit 2004 bestehenden Fortbildung ist, in realen Beratungssituationen und auf der Grundlage des wahrgenommenen Unterrichts, neue Fähigkeiten auszubilden.

Supervision der Supervisoren

Die Supervision läuft über eine Woche. Es werden Teams von vier Personen gebildet, in denen sich jeweils ein erfahrener Mentor befindet. Der Tagesablauf der Gruppen gestaltet sich folgendermaßen: Zunächst wohnt das Viererteam gemeinsam einem Hauptunterricht bei. Daran schließt sich ein Gespräch mit dem unterrichtenden Lehrer durch eine Person aus dem Team an, während die drei anderen den Verlauf beobachten. Im folgenden Schritt, an dem der unterrichtende Lehrer nicht mehr teilnimmt, wird die Arbeit des gesprächsführenden Mentors ausgewertet. Dabei wird insbesondere darauf geschaut, wie genau und umfangreich die Wahrnehmungen während des Unterrichtes waren, welche Schwerpunkte der Mentor als wesentlich für das Gespräch herausgegriffen hat und wie die gesamte Gesprächsführung war. Entscheidend ist am Ende, ob der Lehrer aus dem Gespräch für sich wertvolle Anregungen mitnehmen konnte. Mit einer entsprechenden Rückmeldung des Lehrers schließt das Gespräch ab.

Besonderer Wert wird auch auf die Betrachtung der persönlichen Eigenarten des Mentors gelegt: Sind sie hilfreich oder hemmend? Voraussetzung dafür ist, dass eine vertrauliche Situation geschaffen wird. Deshalb führen die jeweiligen Teamleiter am ersten Tag selber ein Mentorierungsgespräch durch und lassen sich von den Kollegen spiegeln.

Daran schließt sich ein Erfahrungsaustausch aller Mentorierungsteams an. Es folgt eine inhaltliche Arbeit, bei der unter anderem über die unterrichtlichen Wahrnehmungsfelder, die Gesprächsführung, unterschiedliche Mentorierungssituationen und weitere im Zusammenhang stehende Themen gearbeitet wird.

Am letzten Tag besucht der Mentor nochmals alleine den Unterricht des von ihm vorher mentorierten Lehrers und führt unter vier Augen ein Nachgespräch. Dabei kann die gesamte Erfahrung aus dem Supervisionsgespräch mit den Kollegen einfließen, was eine Vertiefung des ersten Gespräches ermöglicht. Die Mentorenschulung wird in Nordrhein-Westfalen, Berlin und Hamburg jeweils einmal im Jahr angeboten.

Zahlreiche Kolleginnen und Kollegen signalisierten eine große Zufriedenheit mit dieser an der Praxis orientierten Arbeit.

Zum Autor: Dr. Richard Landl, Lehrer an der Rudolf-Steiner-Schule Dortmund, Sprecher der Waldorfschulen in Nordrhein-Westfalen, Mitglied im Vorstand des Bundes der Freien Waldorfschulen.

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