Nachhaltige Investition in die Personalentwicklung

Von Antje Bek, Zakia Bouhdiba, Februar 2011

Die Lehrerinnen Antje Bek und Zakia Bouhdiba wollen eine Waldorfschule dort gründen, wo die Bildungsnot in Dortmund am größten ist – im Einwandererviertel Nordstadt. Die Journalistin Julia Turchenko führte mit den beiden Begründerinnen des Fördervereins »Interkulturelle Waldorfschule Ruhrgebiet e.V.« ein Gespräch über ihr Projekt.

Die Dortmunder Nordstadt ist kein Viertel, in dem typischerweise eine Waldorfschule gegründet wird. Trotzdem soll dort im kommenden Schuljahr die »Bunte Schule Dortmund« ihre Pforten öffnen. Ziel der neuen Waldorfschule  ist es, Kinder aller Schichten und Kulturen durch integrativen Unterricht zu kulturell sensiblen Menschen zu erziehen. Vorbild ist die interkulturelle Waldorfschule Mannheim, die seit 2003 mit einem ähnlichen Konzept unterrichtet.

Julia Turchenko | Problemstadtteile und Migrantenkinder sind gewöhnlich nicht die Assoziationen, die man mit Waldorfschulen verbindet. Wie sind Sie auf die Idee gekommen, eine interkulturelle Schule in Dortmund zu gründen?

Antje Bek | Ausschlaggebend für die Gründung der Initiative war für mich ein Fernsehbericht, den ich vor einigen Jahren gesehen habe. Darin erzählten Jugendliche von ihren »Schulkarrieren«, davon, wie sie zunächst leistungsmäßig abgehängt wurden und schließlich jedes Interesse am Lernen verloren. Da habe ich mir gedacht: An einer Waldorfschule hätten diese jungen Menschen einen ganz anderen Weg gehen und viel mehr erreichen können. An den meisten Waldorfschulen sind jedoch nur wenige Kinder mit Migrationshintergrund oder aus bildungsfernen Familien zu finden, obwohl sie von diesem Schulkonzept besonders profitieren könnten.

JT | Warum halten Sie die Waldorfpädagogik für besonders geeignet, um solche Schüler zu fördern?

AB | Waldorfschulen sind seit jeher Gesamtschulen. Wir arbeiten nicht nach dem Prinzip der Auslese, sondern versuchen, jeden Schüler so zu fördern, dass er sich bestmöglich entwickeln kann. Keiner muss wegen schwacher Leistungen sitzenbleiben, jeder kann ohne Angst und Leistungsdruck lernen. Einen wichtigen Stellenwert haben künstlerische und handwerklich-praktische Fächer, die in staatlichen Schulen oft zu kurz kommen, aber für die ganzheitliche Persönlichkeitsentwicklung der Kinder wichtig sind.

Zakia Bouhdiba | Auch ich bin überzeugte Waldorflehrerin und glaube, dass die anthroposophische Pädagogik für jedes Kind ein Gewinn ist. Nach einigen Jahren als Lehrerin in Dortmund hatte ich ursprünglich vor, für einige Zeit nach Gaza zu gehen, um dort mit traumatisierten palästinensischen Kindern zu arbeiten. Aber als ich Antje von meinem Vorhaben erzählte, sagte sie zu mir einen Satz, den ich nie vergessen werde: »Bevor Du da hin fährst, hast Du hier noch etwas zu erledigen!« Das hat mich beeindruckt. Und nachdem sie mir von ihrer Idee erzählt hatte, war ich sofort dabei.

JT | Wieso soll die neue Schule in der Nordstadt entstehen?

AB | Es gab bereits bei der Gründung der Rudolf-Steiner-Schule Dortmund vor 40 Jahren die Idee, eine Schule im ebenfalls nicht unproblematischen Stadtteil Scharnhorst zu eröffnen. Ein Kindergarten wurde dort gegründet, aus dem Schulprojekt ist jedoch aus verschiedenen Gründen nichts geworden. Zunächst haben wir diese Idee aufgenommen, jedoch schnell festgestellt, dass aktuell die Nordstadt das Viertel ist, wo wir am meisten bewirken können.

JT | Wie möchten Sie die Eltern von Ihrem Konzept überzeugen?

ZB | Wir möchten die Waldorfpädagogik zu den Kindern bringen, die sie am meisten brauchen. Anders als bei Schulen, die von einer Elterninitiative gegründet werden, ist nicht zu erwarten, dass uns die Nordstadtbewohner die Türen einrennen. Auch werden wir viele der Eltern nicht über unseren Internetauftritt ansprechen können. Daher werden wir in den nächsten Monaten viel vor Ort sein und unsere Initiative in bestehenden Organisationen vorstellen.

AB | Wir hatten bereits einen Informationsstand auf dem Münsterstraßenfest, bei dem wir Kontakte knüpfen konnten und viele positive Rückmeldungen erhalten haben. Außerdem hatten wir ein Treffen mit dem Quartiersmanagement Nordstadt und sind auch dort auf positive Resonanz gestoßen. Wir werden natürlich auch in den Kindergärten für unsere Schule werben.

JT | Die christliche Religion spielt an Waldorfschulen traditionell eine wichtige Rolle im Schulalltag. Ein Großteil der Kinder, die in der Nordstadt wohnen, sind jedoch Muslime. Wie werden Sie in Ihrer Schule das Miteinander der Religionen organisieren?

AB | Das ist ein wichtiger Punkt für uns. Zunächst einmal soll es in der »Bunten Schule« einen zwar überkonfessio­nellen, aber doch nach Religionen getrennten Religions­unterricht geben. Wir wollen nicht so tun, als seien alle Religionen gleich, sondern den Kindern die Chance geben, etwas über ihre Religion zu erfahren und diese auch zu leben. Die religiösen Feste im Jahreskreis sollen Bestandteil des Schul­alltags sein. Allerdings werden wir hier Wert darauf legen, das Gemeinsame hervorzuheben, das sich in Islam, Judentum und Christentum finden lässt. Bei Festen, die gemeinsam gefeiert werden können, werden wir das tun. Es werden neben den christlichen auch einige Feste des jüdischen und muslimischen Kalenders in den Schulalltag integriert werden.

ZB | Wir planen außerdem ein Schulfach »Begegnungskultur«, das sich mit den Sprachen, Kulturen und Religionen der Schüler beschäftigt. Dort wird es darum gehen, Verständnis für die Anderen zu entwickeln und Wertschätzung für das Eigene zu erfahren.

JT | Wie wird die Sprachförderung an der »Bunten Schule« aussehen?

AB | Der Unterricht wird natürlich auf Deutsch stattfinden. Zusätzlich gibt es Englischunterricht ab der ersten Klasse. Die zweite Fremdsprache wird, anders als in Waldorfschulen üblich, erst ab der 4. Klasse unterrichtet. Vorher steht die Förderung der deutschen Sprache an sowie das spielerische Kennenlernen anderer Sprachen im Fach »Begegnungs­kultur«.

JT | Waldorfschulen werden zwar vom Staat gefördert, aber nicht voll finanziert. Normalerweise bezahlen die Eltern daher Schulgeld für ihre Kinder. Ist das auch für die »Bunte Schule« vorgesehen?

ZB | Die Finanzierung unserer Schule muss anders aussehen. Es ist uns wichtig, dass kein Kind aufgrund der sozialen Situation seiner Familie ausgeschlossen wird. Daher setzen wir neben den Familienbeiträgen, die sich an der realen Finanzsituation der Eltern bemessen, auf andere Einkommensquellen. Wir werden versuchen, finanzkräftige Investoren ins Boot zu holen, die unsere Schule fördern. Zu diesem Zweck haben wir gemeinsam mit der Freien Hochschule Herdecke ein Informationsheft für Firmen zusammengestellt, in dem wir ein Bildungsversprechen an Firmen formulieren, die später mögliche Arbeitgeber für unsere Schüler sein können. Wir garantieren den Sponsoren darin, die Schüler mit wichtigen Kompetenzen fürs Arbeitsleben auszu­statten. Eine Spende an die »Bunte Schule« ist aus dieser Perspektive für die Firmen eine nachhaltige Investition in die Personalentwicklung. Mit den Schülern der höheren Klassen planen wir, Schülerfirmen zu gründen, welche die Jugend­lichen einerseits ans Berufsleben heranführen und die andererseits zur Finanzierung der Schule beitragen können.

JT | In welchem Stadium befindet sich Ihr Projekt?

AB | Wir haben schon einige verbindliche Anmeldungen und werden auf jeden Fall im nächsten Schuljahr mit der ersten Klasse starten. Mit Unterstützung unseres Oberbürgermeisters sind wir momentan auf der Suche nach einer geeigneten Immobilie in der Nordstadt. Die Verhandlungen laufen bereits. Das »interkulturelle Haus der Familie«, das der Schule angegliedert werden soll, wird ein Ort des Lebens sein, in dem sich mehrere Generationen zusammenfinden, um zu lernen und Freude zu haben an kulturellen Begegnungen. Dort wird es auch Deutschkurse für Eltern geben und Hilfe bei Behördengängen. 

Link: www.bunte-schule-dortmund.de

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