Plastikschule am Goetheanum

Von Norbert Sedlmeier, Karin Ruegsegger, September 2016

Die Plastikschule am Goetheanum in Dornach gibt es seit 1952. Dort werden Werklehrer und Bildhauer für Waldorfschulen, Sonderschulen und heilpädagogische Institute ausgebildet.

Voraussetzung ist eine abgeschlossene Berufslehre oder ein Hochschulabschluss. Zusätzlich braucht es ein fundiertes Schreinerpraktikum. Im Zentrum steht das bildhauerische Gestalten in Holz, Ton und Stein, dann Kunstgeschichte und Zeichnen, schließlich die Hospitationen und Praktika an Schulen.

Der Bildhauer Raoul Ratnowsky entwickelte neben seinem eigenen bildhauerischen Schaffen diesen Lehrgang und leitete die Schule lebenslang. Dem plastischen Gestalten in unterschiedlichen Materialien liegen die Metamorphoseformen der Kapitelle des ersten Goetheanums zugrunde. Sie dienen als Vorbild, Verwandlungsprozesse, die es in der geistigen und sichtbaren Natur gibt, wahrzunehmen und zu schulen. Die »Allgemeine Menschenkunde« Rudolf Steiners bildet die Grundlage der pädagogischen Arbeit. Seine vielseitigen Ausführungen über das Kind in seiner Entwicklung versuchen wir Werklehrer in der Praxis des Schulalltags durch passende Modellier- oder Schnitzübungen künstlerisch immer wieder neu umzusetzen. Die Plastikschule hat seit ihrer Begründung rund dreihundert Werklehrer ausgebildet, die weltweit arbeiten, die meisten in Deutschland an Waldorfschulen und in anthroposophischen Heimen.

Hier der Bericht einer Ehemaligen:

Durch Hochs und Tiefs

Kritisch betrachte ich mein Gegenüber. Stille umgibt mich, das Holzschnitzmesser ruht auf der Werkbank. Nach vielen Stunden, Wochen, Monaten liegt es jetzt arbeitslos da. Ich fühle, wie eine wohltuende Wärme durch meinen Körper fließt, wie ich mich langsam entspanne und mir Bilder vom Entstehungsprozess erscheinen.

Vor einem dreiviertel Jahr begann ich mit Vorübungen nach Anleitungen meines Lehrers. Ich bearbeitete den Ton und dessen Widerstand forderte mich beim Hoch- und Herunterschieben heraus. Mit Hilfe der Kraft aus meinen Beinen, dem Rücken und den Armen formte ich die Masse mit meinen Händen. Nach einer Weile begann ich, mich mit meiner Arbeit eins zu fühlen. Der Ton unter meinen Händen wurde plastischer und ich konnte die Erdenschwere überwinden. Eine Urform meines Leuchters entstand. Bis das Tonmodell zu einem Ende kam, durchlief ich Hochs und Tiefs. An manchen Tagen stand ich gegenüber meiner Arbeit und glaubte, keinen Zugang mehr zu finden, es fehlte mir an Mut, die Form zu verändern. Unzufrieden arbeitete ich weiter und plötzlich, wie aus dem Nichts, begann die Kraft in meinen Händen wieder zu fließen. Die Freude am Schöpfen ließ mich die schmerzhaften Krämpfe vergessen.

Unterstützend war das gemeinsame Betrachten und Besprechen des Leuchters mit meinem Lehrer. Interessante Gespräche über die Formgebung entstanden, die mir neue Blickwinkel eröffneten und mir weiter halfen. Anschließend setzte ich das Tonmodell eins zu eins in Birkenholz um. »Tock, tock, tocktock, tock, ...« schallte es in den folgenden Wochen durch den Schnitzraum und durch das ganze Gebäude. Bei der Arbeit mit Klöpfel und Schnitzmesser erklang mit den Mitstudenten zeitweise ein wunderbarer gemeinsamer Rhythmus. Erst holte ich die Form grob heraus. In der ersten Phase waren Mut, Fleiß und schwere körperliche Arbeit  angesagt. Große Holzschnitzel spickten kreuz und quer durch die Werkstatt. Bei der Schnitzarbeit am Leuchter halfen mir die vielen Erfahrungen, die ich mir bei vorausgehenden Übungen in der Werklehrer-Ausbildung angeeignet hatte. Das Erlebnis, dass das Holz durch das Wegschnitzen wächst, wie es an Kraft und Wärme gewinnt, das versetzte mich immer von neuem in Staunen. Tausende Male tastete ich mein Modell mit den Augen ab und tausende Male beobachtete ich mit meinen Händen die Oberfläche, verglich den Tonleuchter mit dem Holzleuchter. Das Schnitzen forderte ein ganzheitliches Vorgehen.

Kritisch betrachte ich den zu Ende geschnitzten Leuchter. Es dauert, bis ich meinen konzentrierten Blick vom Detail lösen und das Werkstück annehmen kann. Langsam komme ich zur Ruhe und leise steigt Zufriedenheit und Glück auf.        

Karin Ruegsegger

Zu den Autoren: Nobert Sedlmeier bildet angehende Werklehrer an der Plastikschule in Dornach aus, er ist in der Erwachsenenbildung an der HFHS in Dornach tätig und unterrichtet seit 26 Jahren als Werklehrer an Rudolf Steiner Schulen.

Karin Ruegsegger ist Keramikerin, absolvierte ihre Ausbildung an der Plastikschule im Dezember 2015 und macht nun die weiter-führende Ausbildung zur Kunsttherapeutin an der Plastikschule.

www.plastikschule-am-goetheanum.ch

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