Rosia-Rothberg. Ein rumänisches Roma-Dorf will nach Europa

Von Klaus J. Schulz, Oktober 2015

Die Gestaltung der Zukunft Europas ist eine zentrale Aufgabe der Jugend. Auf der Suche nach einem sinnvollen Beitrag fanden Schüler der Rudolf-Steiner Schule München-Schwabing das Dorf Rosia, lernten die Kultur der Roma kennen und leisten seit 2002 aktiv Hilfe. Nun wollen sie mehr verändern.

Abschlussfest mit den Romas

Elend zum Greifen nah

Verbreitetes Verkehrsmittel

25 Jahre nach dem Systemwechsel

»Der ärmste Roma ist sechsmal ärmer als alle übrigen Armen.« Diese Aussage aus einer Untersuchung über Roma in Serbien drängt sich unwillkürlich auch in Rosia auf. Im Dorf leben 2015 rund 1.500 Menschen, 500 Rumänen, 1.000 Roma und fünf Deutsche.

Angelegt im 13. Jahrhundert von Siebenbürgener Sachsen, ducken sich die beiden Teile des Dorfes, nahe Sibiu-Hermannstadt, an einen Geländerücken. Die vielen prächtigen Bauerngehöfte des oben gelegenen Straßendorfes, in denen nach den Deutschen nun Rumänen leben, sind zusammen mit der Kirchenburg prägend für eine markante, klare Ortsstruktur.

Die Straßenräume sind eindrucksvoll geschlossen, die dörflichen Baukörper individuell und vielfältig gestaltet; Fassaden, Fenster, Türen, Hoftore liebevoll geschmückt. Höfe und Kirche schmiegen sich in eine bewegte Topografie mit herrlichen Blicken auf den Karpatenbogen.

Im Unterschied zum vergangenen Reichtum des Oberdorfes leben im Haufendorf unten im Tal die bitterarmen, kinderreichen Roma-Familien ihr kärgliches Leben. Tiefe, schlammige Furchen prägen die Wege, das Wasser ist frisch, aber ungesund und Fäkalien laufen in offenen Gräben zu Tal und schließlich in den Dorfbach.

Wegen ihrer tragischen Entwicklungsgeschichte mit 500 Jahren Leibeigenschaft haben die Roma nie eigene Strukturen bäuerlich-handwerklicher Gemeinschaften entwickeln können. Ihre Traditionen, Fähigkeiten und bäuerliche Kultur sind offensichtlich verloren. Vermutlich waren es zusätzlich die Landreform von 1945 und der Systemwechsel von 1989, die den Verlust noch beschleunigt und die jüngsten, tiefgreifenden Verwerfungen hinterlassen haben.

Selbst heute, 25 Jahre nach dem Systemwechsel, kämpfen die Roma ums Überleben. Ohne Aussicht auf Arbeit fristen die Menschen im Unterdorf ihr Dasein. Sie werden vom Staat karg mit Kindergeld alimentiert, um mit diesem Minimum den Lebensunterhalt ihrer Familien zu bestreiten. Kaum ein Erwachsener hat eine Ausbildung, einen Beruf – sie leben mit ihren vielen Kindern in den Tag hinein. Roma-Kinder gingen lange Zeit nicht zur Schule.

Selbst heute, wo sie dies tun, können sie an die Schule keine Berufsausbildung anschließen, weil ihnen drei Jahre Unterricht fehlen – und die tägliche Busfahrt ins Lyceum in Sibiu ist finanziell nicht zu stemmen. Damit bleiben viele Roma-Kinder auch weiterhin in der »Armutsfalle« gefangen.

Das Alphabetisierungsprogramm

Um einen Ausweg zu öffnen, startete 1998 der rumänische Verein Asociatia Waldorf Sibiu si Rosia ein Alphabetisierungsprogramm. Die Rudolf-Steiner-Schule München-Schwabing folgte 2002 mit einem Sozialprojekt. Wenigstens die Ausbildung bis zur 8. Klasse sollte gesichert werden. Mit privaten Mitteln wurden deshalb eine Waldorf-Schule und ein Kindergarten gebaut.

Weil die Roma-Kinder wenigstens einmal täglich warm essen sollen, wurde eine Mensa gebaut. Das Essen wird auch aus Bayern gesponsert.

Das Hausbauprogramm

Parallel zum Bildungs- und Sozialprogramm sollte den bedürftigsten Roma-Familien geholfen werden, ihre baufälligen Wohnhütten zu reparieren. Nicht selten kommt es vor, dass bis zu zehn Personen auf zwanzig Quadratmeter Fläche wohnen, kochen und schlafen. Unvorstellbar ist auch der bauliche Zustand vieler Kleinsthäuser: Die Wände sind eiskalt und ohne Wärmedämmung, die Dächer vielfach schadhaft, in Teilen ohne Deckung, die Öffnungen häufig ohne Gläser, die Fußböden aus gestampftem Lehm meist nass. Eine Latrine steht vor dem Haus.

Die Menschen waschen sich an einem Trog im Hof. Ihre Lebensbedingungen und die Ausweglosigkeit machen die Menschen krank. Ein Winter in diesen Hütten muss schrecklich sein.

Seit 14 Jahren fahren Schülerinnen und Schüler unserer Schule freiwillig ins Dorf und setzen sich einem Kulturschock aus, mit dem Ergebnis, dass die meisten den bitterarmen, herzlichen Roma und ihren Kindern mit Empathie helfen. Und so gut, wie sie es eben können, reparieren sie zusammen mit den Roma in den drei Wochen ihres Besuchs notdürftig deren Lehmhütten.

Das Dorfentwicklungsprogramm

Wie die Berichte über bettelnde Roma auf deutschen Straßen zeigen, muss unser Engagement noch ausgebaut werden, um die kulturellen, sozialen, ökologischen und ökonomischen Lebensverhältnisse der verarmten Menschen etwas zu verbessern. Das Alphabetisierungs- und Hausbauprogramm reichen nicht aus. Die krassen sozialen Verhältnisse erzwingen weitere Schritte. Mit einem Dorfentwicklungskonzept soll nun modell- und dauerhaft »Hilfe zur Selbsthilfe« geleistet werden.

2014 haben die Schüler begonnen, bei der Bevölkerung die sozioökonomischen Strukturen zu erkunden. Sie befragten die Bewohner, um ein Bild der Lebens- und Arbeitsbe­dingungen zu erhalten. Sie machten hochbauliche Bestandsaufnahmen, zeichneten Bestandspläne, untersuchten Funktionen und beurteilten den baulich-konstruktiven Zustand einer Vielzahl von Gebäuden und Freiflächen.

Schließlich zeichneten sie einen Gesamtplan (Maßstab 1:1000) von Rosia. Erfasst wurden zudem Probleme mit der Infrastruktur, insbesondere der katastrophale Zustand der Straßen und Wege, der Wasser-, Energie- sowie der medizinischen Versorgung bei den Roma-Familien. Ziel der jüngsten Aktionen ist, den Bewohnern Mut zu machen, selbst nachhaltige Strukturen aufzubauen.

Der Dorfentwicklungsplan

Gemeinderat und Bewohner haben sich 2015 das Ziel gesetzt, die anstehenden Probleme dauerhaft zu lösen. Bis 2030 sollen eine Reihe kultureller, sozialer, ökologischer und ökonomischer, aber auch baulich-räumlicher Ziele umgesetzt sein. Zusammen mit dem Verein »prorosia« will die Schule mithelfen, nachhaltige Sanierungsmaßnahmen zu realisieren. Allen ist klar: Das Dorf kann nur vorangebracht werden, wenn die Menschen gerne in ihrem Dorf leben und bei der Lösung der Aufgaben mithelfen. Ein Miteinander von Rumänen, Roma und der wenigen Deutschen muss aufgebaut, Vorurteile müssen überwunden werden. Ziel ist, die Ressourcen des Dorfes besser zu nutzen: Das Land muss repariert und wieder bewirtschaftet, Äcker und Wiesen von Einheimischen erworben, eine Landwirtschaft unter ökologischen Aspekten aufgebaut werden. Die verrottete Infrastruktur muss erneuert, die baufälligen Hütten müssen renoviert, umweltverträgliche Lebensweisen und Produktionsverfahren eingeführt werden.

Die Gemeinschaft kann die Ziele allerdings nur erreichen, wenn die Wirtschaft im Dorf funktioniert. Kleine Unternehmen und Arbeitsplätze sind zu schaffen. 2015 startete eine Schulwerkstatt für Metallberufe, für die aus der Schweiz Personal, Maschinen und ein Gebäude gestiftet wurden. Weitere Ausbildungsmöglichkeiten in anderen Berufen sollen folgen. Rosia-Rothberg wird dann gesunden, wenn breit gefächerte, eigenständige Potenziale aufgebaut sind. Um dies zu erreichen, arbeiten bei der »Hilfe zur Selbsthilfe« Rumänen und Roma mit Schweizern und Deutschen eng zusammen. Das Engagement der Beteiligten allein wird jedoch nicht ausreichen. Großzügige finanzielle Hilfen von außen werden in dieser Phase des Aufbaus dringend gebraucht, Paten für Rosia gesucht, die dieses Modellprojekt unterstützen.

Zum Autor: Klaus J. Schulz ist Stadtplaner, Architekt und Schülervater an der Rudolf-Steiner-Schule München-Schwabing. Er hat das Projekt »Integrierte Dorfentwicklung Rosia« mit initiiert.

www.schule-romakinder.ch/roma.html

Hinweis: Auf der Website www.waldorfschule-schwabing.de finden sich eine Broschüre und ein Film zum Dorfprojekt.

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