Peripherie

Sich wieder menschlich begegnen

Stefan Böse
Foto: © photocase 4485860

Das plakatierte Motto lautete »In Beziehung sein«. In Anbetracht der anhaltenden Lage stellten wir uns Fragen: Wie geht nochmal Beziehung außerhalb des Mikroumfeldes in Pandemiezeiten? Habe ich genug Respekt, Toleranz und Offenheit, mich in Präsenz »zwischenmenschlich« begegnen können? Einmal vorweg: Wir wurden in den drei Tagungstagen zu einer Makrofamilie. Unser zentrales Anliegen an die Schulgemeinschaft – bestehend aus den Kindern, Pädagogen und Eltern: Wie wird jeder einzelne zu einem Beziehungskünstler? Die Zukunft braucht diese Menschen, die dieses leisten können. Wir sind uns einig, dass man es erlernen kann. 

Offizielle Eröffnung am Freitagabend – aber ganz ehrlich, die Begrüßungen mit vielen alten und neuen Bekannten waren das eigentliche eröffnende Element. Allen Unkenrufen zum Trotz: Waldorf kann sich auch unter Coronabedingungen treffen und gut miteinander umgehen, vielleicht gerade mit dem Hinweis, dass man dieses Thema einfach einmal ausschweigt und sich wieder dem Menschen zuwendet.

Die Waldorfschule Heidenheim an der Brenz ist von ihrer Lage und Größe eine wahre Augenweide. Trotz Nebels erscheint die Schule thronend auf einem Bergmassiv gegenüber der Burg Hellenstein. Die Lage hat sie einem spendablen Fabrikbesitzer zu verdanken, der den Standort nach dem Zweiten Weltkrieg zur Verfügung stellte, nachdem er persönlich noch Rudolf Steiner vor Kriegszeiten kennenlernen durfte. Der Schulgarten krönt das gesamte Ensemble und eine Linde und weitere Baumgeister reihen sich schützend an der Felswand.

Dieses und vieles mehr konnte man erfahren, wenn man an einem der Workshops teilnahm: Gesprächskreise, Open Spaces, Führungen und kreatives Arbeiten standen zur Auswahl, so konnte jeder nach seinem Gusto etwas finden und im Nachgespräch in dem beeindruckenden Festsaal preisgeben, was erfahren oder geschaffen wurde:

Franca Bauer, Dozentin für Geomantie, Pflanzenheilkunde und Mineralkunde lud zu »In Beziehung sein – Wesensbegegnungen mit der Natur« ein. Parthena, Delegierte der Bundeselternkonferenz in Rheinland-Pfalz, schreibt: Ich habe mir noch nie Gedanken darüber gemacht, auf welchem Grund-Boden ich geboren und aufgewachsen bin und auf welchem ich lebe. Wie sehr mich dieser beeinflusst hat und weiterhin beeinflusst. Auch die Tatsache, dass unsere Schulen irgendwo stehen und was das für unsere Schulgemeinschaft bedeuteten kann. Verbunden sind wir nicht nur mit Menschen an den Orten, an denen wir leben, sondern auch mit den Tieren oder Pflanzen, mit Landschaften oder kraftvollen Orten in der Natur, mit unserem Heimatland und wir sind Teil der Menschheit. ... Wir sind verbunden mit der Natur eines lebendigen Erdorganismus und mit dem Kosmos, der uns umgibt.

Dann gab es eine Arbeitsgruppe »Monotypie – eine Einführung in die Welt der Druckgrafik« von Romina Ferrarotti, einer Künstlerin aus Argentinien. Monotypien (auch Monoprint) sind Unikate, die nach ihrer Fertigstellung kein zweites Mal gedruckt werden können. Spielerisch wurden wir in diese unbekannte Technik eingeführt.

Jens Hänelt-Meyer, Delegierter der Bundeselternkonferenz aus Nordrhein-Westfalen gab einen Kurs über das »Systemische Konsensieren«. Es gibt in den Schulen bei wichtigen und richtungweisenden Themen oft knappe Pro-Contra-Entscheidungen, die die Gemeinschaft spalten können. Im seinem Workshop »Verbindung schaffende Entscheidungen« stellte er dieses neue Entscheidungsfindungsmodell vor und spielte es am Beispiel eines Turnhallenbaus durch. Es zeigt sich immer wieder, es fehlen wichtige Informationen, manchmal werden nicht alle Interessen und Bedürfnisse miteinbezogen, um eine Entscheidung tragfähig zu fällen. Das »Systemische Konsensieren« gibt Möglichkeiten an die Hand, für alle Beteiligten die bestmögliche Entscheidung zu finden (siehe Beitrag von Edzard Keibel in Erziehungskunst 11/2021).

Stefanie von Laue, Delegierte der Bundeselternkonferenz Hamburg und Niedersachsen, gab einen Kurs zum Thema »Eltern-Lehrer*innen-Zusammenarbeit in schwierigen Situationen – Möglichkeiten und Grenzen der Mediation« – ein Mix aus theoretischem Hintergrund und vielen praktischen Übungen zur Eigenreflektion. Die Gruppe sammelte schwierige Eltern-Lehrer*innen-Situationen und ordnete diese mit Hilfe der Eskalationsstufen von Friedrich Glasl in die Schwere des Konfliktes ein. Es wurde den Fragen nachgegangen, wie Konflikte generell lösbar sind, wie ein guter Konsens oder Kompromiss im Waldorf- und Mediationskontext gefunden werden kann. Dazu wurden verschiedene »Werkzeuge« ausprobiert. Die neu gewonnenen Erkenntnisse können sowohl im Schulkontext als auch im privaten Umfeld angewendet werden.

Die Zwölfklässler organisierten eine Cocktailbar, in der nicht nur ein bunter Abend, sondern auch die Farbvielfalt eines Goethekreises in flüssiger Form geboten wurde.

Morgens gab es Bothmer-Gymnastik oder es wurde mit Abstand schön gesungen.

Stefan Grosse, Vorstandsmitglied des Bundes der Freien Waldorfschulen, führte uns in die Vorstandsarbeiten, die zur Zeit auf der Agenda stehen, ein: Dazu gehörte das Vier-Wege-Modell der zukünftigen Lehrerausbildungsfinanzierung, ein Haushaltsüberblick und die Auflistung, was mit den jährlichen Einnahmen geleistet wird, ein Konzept zur Gewaltprävention sowie die Bemühungen um die Qualitätssicherung an den Waldorfschulen. Er schloss seine Ausführungen mit den Worten: »Tradition ist das Bewahren des Feuers und nicht das Bewundern der Asche.«

Im Anschluss wurde die Frage vor dem Hintergrund, dass die Bundeselternkonferenz ein Wahrnehmungsorgan des Bundes der Freien Waldorfschulen sein soll: Was bewegt die Eltern? Angedacht sind hier Themen wie Schulsozialarbeit, Vernetzung der Waldorfschulen, Klimaneutrale Waldorfschulen oder die gute Zusammenarbeit zwischen Pädagogen, Eltern und Schülern.  

Stefanie von Laue (ELR Hamburg) vertiefte das Thema der Qualitätssicherung und stellte deren Instrumente vor, die da sind: Grundsätze der Zusammenarbeit, Standards der Waldorfpädagogik an den einzelnen Schulen und der Kontrolle durch den Bund der Freien Waldorfschulen. Sie ist auch Mitglied der Initiative »Zukunft. Machen« (Zu.Ma), eine weitere Gruppe, die sich des Qualitätsthemas annimmt und wie ein Thinktank agiert. Die Arbeitsgruppe wurde von einzelnen Vorstandsmitgliedern des Bundes der Freien Waldorfschulen initiiert und hat das Ziel, den Impuls der Zukunft mittels Techniken, Strategien, Workshops und begleitenden Entwicklungsprozessen für die Menschen und Bildungsorte der Waldorfpädagogik nachhaltig zu unterstützen. Sie setzt sich aktiv ein für die Entwicklung von Konzepten, Ideen und Umwandlungsprozessen ein, welche durch die Leitidee der Waldorfpädagogik getragen sind und sich mit der Grundfrage befassen: Wie können Zukunftsimpulse in der Waldorfpädagogik aufgegriffen, (weiter)entwickelt und umgesetzt werden? (www.zukunftmachen.org)

Stimmung zu erzeugen, das sei die Schlüsselkompetenz, die ein Pädagoge für einen gelungene Unterricht braucht. Christof Wiechert kann das und so lauschen wir gebannt seinem Vortrag, seinen Gedanken und amüsieren uns über seinen Humor. Es ist nichts Neues, wenn man hört das »Kunst von Können« kommt, aber es ist auch die Wahrheit, dass ein Künstler sich tagtäglich neu erfinden muss, um zu überleben, gerade in einer Klasse von über 30 Schülerinnen und Schülern. Er empfiehlt die Klassengröße zu überdenken und ein Duo die Klasse führen zu lassen. Heutzutage könne eine Lehrkraft es kaum noch meistern, die Balance zwischen den Anforderungen der Kinder, den Erwartungen der Eltern und den Wünschen der Großeltern, Freunden und Nachbarn herzustellen. Daher braucht es vielmehr einen Beziehungskünstler, der sich auf all diese Befindlichkeiten einstellen kann und mag. Ein direktes Einwirken in die Erziehung des Elternhauses wirke dagegen sektenhaft und darf nicht sein und stört das ganze Konstrukt.

Wenn dies gelingt, generiert der Pädagoge daraus die nötige Energie für eine gelungene zufriedene Schulzeit in Koexistenz der genannten Beziehungen.

Ein weiteres wichtiges Anliegen von Christof Wiechert ist es, dass sich die Schulen zur Gesellschaft hin öffnen. Weg mit den Zäunen im Kopf, auf dem Schulhof- und Garten. Keine Isolation der Schulgemeinschaft, keine Selektion bei der Einschulung, denn schon Rudolf Steiner sagte, die Waldorfschulen seien für alle Kinder da und das Wesen der Waldorfschule sei nicht die Anthroposophie, sondern die Methodik. Gerade die interkulturellen Waldorfschulen bergen die Chance auf Horizonterweiterung und das perspektivische Lernen von Anderen. Ein Tipp des Vortragenden am Ende: Steinertexte könne man nicht lesen, sondern man müsse sie wirken lassen … im Schlaf als Transformationswerkzeug So ginge die Anthroposophie in die Muskeln und Knochen über und werde nicht nur gedacht.

Es wirkte wie abgesprochen, als Manfred Spitzer, Neurowissenschaftler und Psychiater aus Ulm, anschließt: »Das Denken endet nicht mit dem Zuklappen des Buches.« Die Synapsenbildung im Gehirn sei die beste Vorbeugung von Demenz und lebenslanger Lernfähigkeit. Bis zum 25. Lebensjahr sollte man wenigstens schon etwas gelernt haben, ansonsten hat das Gehirn nie gelernt zu lernen. Es gilt als gesichert, dass, wenn man bereits mehrere Sprachen gelernt habe, es durchaus vorstellbar sei, noch einige mehr zu erlernen, denn anders als ein Computer, sei die menschliche Festplatte nie voll.

In puncto Digitalisierung zeigt sich Spitzer gnadenlos und plädiert für eine Smartphoneverbot bis zum 18. Lebensjahr. Nicht nur dass Smartphones gesundheitsschädlich auf das Wachstum des Augapfels wirkten (Kurzsichtigkeit), sie behinderten auch das Lernen allein dadurch, dass das Handy während der Konzentrationsphase sich im selben Raum befindet. Eine weitere Gefahr sei das Auslagern von Wissen, denn es hilft nur als Informationsquelle, wenn man wenigstens ansatzweise etwas über das Thema weiß, welches man zu erweitern versucht. Die wichtigste und grundlegendste Bildungseinrichtung sei deshalb der Kindergarten. Vorgelesen, Ausprobieren, Fingerspiele, Herumtoben und Behütetsein seien Aspekte, die den Grad der Bildung für das gesamte Leben bestimmten. In der Schule seien deshalb die wichtigsten Fächer Sport, Musik, Theater und alles, bei dem man etwas mit den Händen tut.

Die nächste Bundeselternratstagung wird vom 29. April bis 1. Mai in Hamburg/Wandsbek stattfinden.

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