Vater Molt

Von Tomás Zdrazil, Juli 2018

Es war der Stuttgarter Unternehmer Emil Molt, der die seit 1906 bekannten pädagogischen Erkenntnisse Rudolf Steiners als Erster in die Praxis umsetzte. Die untersetzte Gestalt mit großem Kopf und kräftigem Kinn verrät einen Menschen mit starkem Willen.

Emil Molt

Seine Augen hatten einen intelligenten und durchdringenden, energischen Blick, so beschreibt ihn der Pädagoge Rudolf Grosse. Mit seinem Unternehmen, der Waldorf-Astoria-Zigarettenfabrik, war er ganz eins, auch mit den Angestellten und Arbeitern und ihren Familien. »Vater Molt« wurde er von ihnen genannt. Sie fühlten sich von ihm wahrgenommen und wertgeschätzt. Molt hat Erholungsheime für seine Arbeiter gegründet und deren Kinder mit frischer Milch versorgt. Als Unterhaltungs- und Bildungsmittel für die Arbeiter entstanden die »Waldorf-Nachrichten« und eine Arbeiterbildungsschule. Molt strotzte vor Tatendrang und Kreativität. Er hatte ernstlich die Idee bewegt, aus den Erträgen seiner Firma ein Kinder-, Altersheim oder eine Schule zu gründen. Er entschied sich für Letzteres.

Am 23. April 1919 stellte er Rudolf Steiner seine Idee vor und bat ihn, die Rolle des pädagogischen Leiters anzunehmen. Zwar blickte Molt zu diesem Zeitpunkt bereits auf etliche Jahre der Bekanntschaft mit Steiner zurück, doch nun begann eine intensive Zusammenarbeit. Es folgten zahlreiche Beratungs- und Krisengespräche im engsten Kreis, viele Stunden gemeinsame Autofahrten zwischen Dornach und Stuttgart, unmittelbare menschliche Nähe, aber auch schmerzliche Entfremdung. Was sie beide besonders verbunden hat, war die Eigenschaft, die höchsten geistigen Erkenntnisse und das praktische äußere Leben als Einheit zu betrachten. Molt machte sich den mahnenden Hinweis Steiners zu eigen, dass die Anthroposophie ihre zivilisatorische Mission erst dann erreichen kann, wenn sie auch in architektonischen Formen ihren Ausdruck findet. So war er beteiligt an allen Versuchen um den anthroposophischen Bauimpuls. Auch für die Waldorfschule hat er ein erstes Gebäude gefunden und gekauft, Grundstücke erworben und Baracken sowie das erste große Schulhaus maßgeblich finanziert.

Die Schuleröffnungsfeier am 7. September 1919 war für ihn ein biographischer Höhepunkt. Das Gedeihen der Waldorfschule betrachtete er als größtes Geschenk seines Lebens und nahm intensiv an allen ihren Entwicklungen Anteil. Seine Frau Berta, »die Seele seines Lebens«, gehörte zum Kollegium als Handarbeitslehrerin. Sein Sohn Walter brachte ihn als Schülervater in manch peinliche Situation, nicht nur durch fleißiges Verteilen von Zigaretten unter Mitschülern.

Molt pflegte ein inniges religiöses Leben. Ein Anliegen waren ihm nicht nur gute Beziehungen der Waldorfschule zu beiden großen Kirchen, sondern insbesondere die Einrichtung des freien Religionsunterrichtes mit den Sonntagshandlungen. Ebenfalls begleitete er die Gründung der Christengemeinschaft mit starker innerer Anteilnahme. Nach der Machtergreifung Hitlers sorgte er vorbildlich und weitsichtig für eine kompromisslose Haltung der Schule und schützte sie bis zu seinem Tode 1936 vor den Übergriffen der Machthaber.

Literatur: T. Zdrazil: Freie Waldorfschule Stuttgart 1919-1925. Rudolf Steiner und das erste Kollegium, Stuttgart 2019; D. Esterl: Emil Molt 1876-1936, Tun, was gefordert ist, Stuttgart 2012

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