Wenn Waldorfpädagogen sich selbst erforschen

Von Jürgen Peters, Januar 2019

Seit gut zehn Jahren erforschen Waldorfpädagogen im Rahmen des Studiengangs »Pädagogische Praxisforschung« an der Alanus Hochschule Themen aus ihrem pädagogischen Arbeitsfeld. Während der Schwerpunkt »Schule und Unterricht« auf die Berufstätigkeit als Waldorflehrer vorbereitet, wendet sich der Schwerpunkt »Praxisforschung« an bereits tätige Pädagogen, die ihre Professionalisierung berufsbegleitend vertiefen wollen.

Dabei werden nicht nur Forschungskompetenzen vermittelt. Die Ergebnisse der praxisbezogenen Studien eröffnen auch einen neuen Blick auf das eigene pädagogische Handeln. Zum anderen besteht die Möglichkeit, im Rahmen einer Masterarbeit pädagogische Projekte der Schule oder der Kita zu evaluieren, was dann der ganzen Einrichtung zugutekommt. Wenn mehrere Kollegen aus einer Schule oder Kita zugleich studieren, bietet der Studiengang die Chance, durch die Bearbeitung der Forschungsthemen gezielte Organisationentwicklung für die Einrichtung zu betreiben.

Die meisten Themen beziehen sich auf die Arbeit mit Schülern und das pädagogische Handeln sowie auf die Organisation von Waldorfschulen. Insbesondere stehen dabei Themen zur Mediennutzung im Mittelpunkt. Das Studium der Praxisforschung ist so aufgebaut, dass die Pädagogen sich ein Thema für die Masterarbeit suchen, das aus ihrer täglichen Praxis stammt. Eine Auswahl der bisherigen Masterarbeiten ist auf der Homepage der Alanus Hochschule als Volltext verfügbar.

Die Forschungsfragen sind vielfältig und werden meist mit qualitativen Methoden erschlossen. Für den Schulbereich steht dabei vor allem der Unterricht im Mittelpunkt, zum Beispiel: Welche Bedeutung hat die Notengebung für die pädagogische Beziehung? Welche Erfahrungen machen Schüler mit Migrationshintergrund in der Schule? Wie können Gewaltprävention und Medienerziehung im Unterricht besser verankert werden? All diese Themen wurden jeweils an kleinen Stichproben innerhalb einer Schule oder im Rahmen eines Projekts untersucht. Der Blick richtet sich dabei auch auf die Zeit nach der Schule, insofern der Übergang von Schule zur Ausbildung betrachtet wurde und welche Berufswahlmotive sich bei den Schülern im Laufe der Schulzeit entwickelt haben.

Mit Blick auf die Lehrer wurde vor allem zu Belastungen und Ressourcen von Lehrkräften und Erziehern geforscht. Hierbei stellte sich oft heraus, dass es in der Regel nicht die »harten Faktoren« sind, die eine übermäßige Beanspruchung erzeugen, sondern dass die inneren Haltungen und Einstellungen der Pädagogen den ausschlaggebenden Faktor darstellen. Weiterhin wurde in einem Projekt die Bedeutung der pädagogischen Stimme untersucht und was Lehrkräfte dafür tun, diese gesund zu erhalten und zu entwickeln. Nicht zuletzt beschäftigte sich ein Forschungsprojekt mit der Frage, wie waldorfpädagogische Lehrkräfte im Spannungsfeld von eigenen pädagogischen Ansprüchen und dem Alltag im Klassenzimmer oder im Kindergarten umgehen (vgl. Erziehungskunst, Mai 2018).

Einige Masterarbeiten untersuchen spezifische Themen, wie zum Beispiel Jahresarbeiten oder Feldmesspraktika. Dabei entstand ein übergreifendes Bild, wie diese waldorfspezifischen Aspekte in der Praxis an den Schulen durchgeführt werden – für die Jahresarbeiten in NRW und für das Feldmessen in ganz Deutschland (Urbantat, 2017). Ferner waren der Musik- und Eurythmieunterricht sowie die Kooperation mit einem landwirtschaftlichen Betrieb Gegenstand von Untersuchungen. Einen weiteren Schwerpunkt bildete die Selbstverwaltung, insbesondere mit der Fragestellung nach der Durchführung von Delegation und Führung – sowohl aus der Perspektive von Lehrkräften als auch aus der Sicht von Beratern.

Brennpunktschulen waren ebenfalls Gegenstand von einzelnen schulspezifischen Studien, insbesondere wurde dabei auch die Situation von Kindern mit Fluchterfahrungen in den Mittelpunkt einzelner Untersuchungen gestellt. Schließlich wurde eine Metastudie durchgeführt, die Daten aus verschiedenen größeren Erhebungen aus Waldorf- und Montessorischule sowie aus Freien Alternativschulen und Gesamtschulen verglich. Insbesondere bei der Frage nach einem »Interesse erweckenden Unterricht« und bei den Lehrer-Schüler-Beziehungen schnitten Waldorfschulen dabei recht gut ab. Auch der angeblich hohe Aufwand an Nachhilfestunden an Waldorfschulen reduziert sich, wenn bei dem Vergleich die Prüfungsjahrgänge berücksichtigt werden.

Themen, die sich auf den Schauplatz Kindergarten bezogen, hatten vielfach Übergänge zum Gegenstand (Gelitz 2018). Aber auch die Partizipation von Eltern trat als Thema auf. Insbesondere die Bedeutung des Spiels wurde intensiv betrachtet. Aber auch die Professionalisierung von Erziehern sowie deren Ressourcen und Belastungen wurden mehrfach erforscht und zwar mit dem Ergebnis, dass diesem Feld in der Zukunft mehr Aufmerksamkeit zukommen sollte als bisher.

Innerhalb der Förderpädagogik beschäftigten sich die Masterarbeiten nicht nur mit verschiedenen therapeutischen Maßnahmen, sondern auch die Mediennutzung wurde in einer größeren Studie untersucht (Faber 2016). Auch ressourcenorientierte Diagnoseverfahren und Fallstudien zu Hochbegabung und ADHS wurden im Rahmen von Abschlussarbeiten genauer analysiert.

All diese Beispiele aus den Abschlussarbeiten und studentischen Forschungsprojekten der letzten zehn Jahre zeigen, dass die empirische Forschung auf vielfältige Weise nicht nur einen Erkenntnis- und Kompetenzgewinn für die Studenten liefert, sondern auch für die Weiterentwicklung der jeweiligen Einrichtung.

Literatur:

V. Urbantat, Feldmessen, edition waldorf, Stuttgart 2017

P. Gelitz: Von der Waldorfkrippe in den Waldorfkindergarten, In: RoSE, Vol 9 No 2, September 2018

G. Faber: Gefangen im Netz?, Ibbenbüren 2016

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