Zwei Jahren ohne Schule, jetzt endlich wieder treffen

Von Lina Masek, Juni 2022

Peru zählt zu den am stärksten von der Pandemie betroffenen Ländern. Da für viele Familien das Einkommen weggebrochen ist, kommen zur Angst vor einer Erkrankung Existenzsorgen hinzu. Für die Kinder war es besonders belastend, während der fast viermonatigen strengen Ausgangssperre das Haus nicht verlassen zu dürfen.

In dieser Zeit sind die Fälle häuslicher Gewalt stark gestiegen. Zwei Jahre gab es keinen Präsenzunterricht; viele Kinder und Jugendliche hatten seit Beginn der Pandemie kaum Kontakt zu Gleichaltrigen. Viele leiden noch unter den Folgen der schwierigen Zeit: Die Zahl der Depressionen und Angststörungen bei Kindern und Jugendlichen ist stark gestiegen, ebenso wie die Mediensucht.

Ich habe vor einigen Jahren einen zweijährigen Freiwilligendienst im Dorf Andahuaylillas in Peru gemacht und hatte auch während der Pandemie viel Kontakt zu den Familien dort. So konnte ich einen Einblick in die Situation vor Ort und in die Sorgen der Menschen bekommen. Mittlerweile bin ich Waldorferzieherin und habe mich gefragt, wie ich die Kinder und Jugendlichen in Peru am besten unterstützen kann. Da den Kindern vor allem Begegnungen, das Erlebnis einer Gemeinschaft und besonders Momente der Freude fehlen, kam mir die Idee, in den Ferien ein Projekt mit den Kindern durchzuführen. So stieg ich an Weihnachten ins Flugzeug, im Gepäck hatte ich einige Zirkusmaterialien, Farben, Bastelmaterial, vor allem aber viele Ideen, Spiele und Lieder.

Angst vor Gleichaltrigen

Am ersten Tag warteten die Kinder schon gespannt, aber auch etwas zögerlich. Eine Mutter berichtete, ihr zehnjähriger Sohn habe vor Beginn des Projektes Angst gehabt, den ganzen Tag mit Gleichaltrigen zu verbringen, da er die letzten zwei Jahre zumeist alleine mit seiner Mutter zu Hause gewesen sei. Wie in vielen Teilen der Welt haben auch die peruanischen Kinder einen Großteil ihrer Freizeit in der Pandemie mit digitalen Medien zugebracht. Dies und die fehlenden »realen Kontakte« mit anderen Kindern haben bei einigen Kindern soziale Ängste erzeugt.

Nach den ersten Tagen mit vielen Spielen zum Kennenlernen und gruppenstärkenden Aktivitäten wuchs die Gruppe von bis zu 20 Kindern immer mehr zu einer Gemeinschaft zusammen. Hauptsächlich kamen Kinder im Alter von fünf bis 15 Jahren, deren Mütter in dem Projekt Q’ewar, in welchem Waldorfpuppen hergestellt werden, arbeiten. Die Frauen verdienen damit ihren Lebensunterhalt und werden so finanziell unabhängig. Die Puppen werden in Europa, den USA und in Australien verkauft

Ich nutzte Elemente der Notfall- und Zirkuspädagogik, sowie viele musikalische und künstlerische Methoden. Rhythmische Übungen und gemeinsames Musizieren halfen den Kindern nach überwiegenden Erlebnissen in der virtuellen Welt, sich wieder gut mit ihrem Körper zu verbinden und in der »realen Welt« anzukommen. Gerade die Bodypercussion bereitete ihnen große Freude und auch in den Pausen sah man sie auf dem Klettergerüst und sogar beim Wippen mit Begeisterung klatschen und schnipsen.

Sich gegenseitig spüren

Auch dDie Zirkuspädagogik wirkte bei diesem Prozess unterstützend. Besonders Elemente aus der Partnerakrobatik oder das Pyramidenbauen halfen den Kindern dabei, sich gegenseitig zu spüren, Vertrauen aufzubauen und sich mehr und mehr auf die anderen zu verlassen. Auch künstlerische Elemente kamen im Projekt zum Einsatz. Durch das leistungsorientierte peruanische Schulsystem war es für die Kinder anfangs ungewohnt, zu malen oder zu zeichnen, ohne dafür bewertet zu werden. Oft wurde ich gefragt, ob das Bild so gut sei, oder ob es mir gefalle. Im Lauf der Zeit erlangten die Kinder hier mehr Selbstvertrauen und konnten sich in ihren Bildern mit zunehmender Freiheit ausdrücken.

Besonders große Freude hatten sie an handwerklichen Tätigkeiten. Durch die Erfahrung, etwas Eigenes herzustellen und das fertige Ergebnis in den Händen zu halten, wurde die Selbstwirksamkeit der Kinder gestärkt und sie erlebten sich als geschickt und fähig. Ein Schwerpunkt des Projekts waren Bewegungsspiele. Durch die lange Zeit zu Hause hinter dem Bildschirm waren einige Kinder übergewichtig, etwas unbeholfen oder hatten Rückstände in der Bewegungsentwicklung. Die Spiele machten ihnen nicht nur viel Spaß, sondern unterstützten sie auch darin, mehr Sicherheit im motorischen Bereich zu erlangen. Mit der Zeit wurden sie immer geschickter und ausdauernder.

Viele positive Rückmeldungen

Mittags kochten Frauen des Projekts mit den Kindern ein Mittagessen. So lernten sie, gesunde Gerichte aus heimischen Produkten zu kochen und für die Eltern war das angebotene Essen eine finanzielle Entlastung. Während des Projekts erhielt ich viele positive Rückmeldungen der Eltern. Sie berichteten, dass Kinder, die sonst nur sehr ungern das Haus verließen, sie schon um fünf Uhr morgens mit dem Rucksack in der Hand weckten, um zu ihrem »Unterricht« zu gehen.

Am letzten Tag des Projekts begrüßte der neunjährige Roy-Fabián die Eltern stolz zur Abschlussaufführung und hielt eine kleine Ansprache. Voller Konzentration führten die Kinder ihre Pyramiden, Räder und Brücken auf, es wurde getanzt, jongliert, getrommelt und gesungen. Als die Eltern begeistert klatschten, verbeugten sich die Kinder stolz, um im Anschluss daran die Eltern durch die kleine Ausstellung der gemalten Bilder und gebastelten Kunstwerke zu führen.

Micaela berichtete zum Abschluss des Projekts, dies seien die besten Ferien ihres Lebens gewesen. Und die 15-jährige Sumiska sagte: »Das Projekt war meine Rettung. Für uns ist es nicht immer leicht, ich hatte niemanden, mit dem ich über die Schwierigkeiten reden konnte, die ich zu Hause hatte. Außerdem müssen wir zu Hause sehr viel mitarbeiten. Während des Projekts konnte ich mich ein bisschen von meinen Sorgen ablenken, hatte Zeit zum Spielen und konnte einfach mal Spaß haben.«

Auch wenn das Projekt nur vorübergehend war, denke ich, dass es bei den Kindern einen dauerhaften Eindruck hinterlassen hat und vor allem viele Erlebnisse voller Freude und Unbeschwertheit, in denen sie sich in der Gemeinschaft sicher aufgehoben gefühlt haben. Ich hoffe, dass die Erinnerungen an diese Momente ihnen auch in schwierigen Zeiten in der Zukunft Kraft und Lebensfreude schenken können.

Autorin: Lina Masek, Waldorferzieherin im Waldorfhaus in Wuppertal, gründete 2019 den Verein »Cantuta – für Kinder in Peru« um solche Projekte durchzuführen und um den Kindergarten Wawa Munakuy in Peru zu unterstützen.

Weitere Informationen

Kontakt: cantuta-peru(at)outlook.de

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