Lernen an der Erde

Von Peter Guttenhöfer, Juli 2019

Die Persönlichkeitskräfte bilden sich an der Erde. Der heutige Zivilisations­prozess behindert diese Bildung. Welche Therapie wäre nötig?

Foto: © Elena Beleites

Der Mensch inkarniert sich in die physischen und ätherischen Bedingungen des Planeten Erde. In der Begegnung mit ihren Kräften und Stoffen bildet er sich seinen Leib zum Instrument seiner Intentionen. Eine Voraussetzung dafür ist, dass er auf dem Weg durch Kindheit und Jugend der Mannigfaltigkeit der irdischen Stoffe und Kräfte auch wirklich begegnet, mit allen Sinnen, mit Händen und mit Füßen. Sonst wird er die Erde nicht kennenlernen und keine wirklichkeitsgemäße und menschenwürdige Tätigkeit in seinem Leben entfalten können. Immer mehr Errungenschaften der modernen Zivilisation aber hindern uns und besonders die heutigen Kinder daran, die volle Realität des physischen Daseins auf der Erde  überhaupt zu erleben und zur Kenntnis zu nehmen, so dass sich eine liebevolle Beziehung zum eigenen Leib und ein empathisches Verhältnis zur Welt kaum mehr ausbilden können. Die Folgen sind unermesslich und haben begonnen, sich in der Verwahrlosung des Planeten zu zeigen.

Die traditionelle Schule bekräftigt den Prozess der Entfremdung des Jugendlichen von der Erde systematisch; mit der Waldorfpädagogik ist von Rudolf Steiner vor 100 Jahren ein Impuls gegeben worden, der eine gesunde Inkarnation fördert und stützt. Die Lebensverhältnisse jedoch haben sich seitdem so radikal gewandelt, dass all jene Elemente der Erziehung, die der Entwicklung des Kindes die Richtung zur Erde hin geben können, verstärkt werden müssen. Idee und Praxis der Handlungspädagogik gehen aus dieser Einsicht hervor.

Die Aufgabe heißt also: Erziehung zur Erde. Kinder brauchen eine Umgebung, in der alle Naturreiche anwesend sind: lebendiger Boden, Pflanzen, Tiere und der mit ihnen arbeitende Mensch. Eine solche vollständige Umgebung (Goethe), die in idealer Weise auf dem biologisch-dynamisch geführten bäuerlichen Hof gegeben ist, wirkt erzieherisch auf das Kind, und zwar besonders tief, wenn es nicht nur praktikumsweise zu Gast ist, sondern in die Tätigkeiten der Erwachsenen allmählich mit hereingenommen wird: vom spielenden Nachahmen bis zum Mittragen der Verantwortung für die Naturwesen.

Diese Idee des Novalis' führt uns zu einem um Land-, Wald- und Gartenbau, um die mannigfaltigen Bereiche der Hauswirtschaft und um die Handwerke erweiterten Lernplan, um der Erlösung des in der Schulwelt verkümmerten Lernbegriffs willen: Lernen an der Erde, in der unmittelbaren Welt-Begegnung, nicht nur am Buch und am Lehrer! Auch der Begriff »Schule« kann gelöst werden von den alten Bildern wie Schulbank, Tafelkreide, Noten. Selbst das Bild des »Lehrers« wird sich verwandeln, vielleicht sogar verschwinden: Er hat selbst ein Tätiger zu werden in den Lebensfeldern, worauf Steiner in den Vorträgen über Volkspädagogik schon vor der Schulgründung 1919 hingewiesen hat.

Diese Verwandlungen läuten den Paradigmenwechsel ein, auf dessen Gelingen es ankommen wird: nicht »Schule auf dem Bauernhof«, nein, der Hof als »Schule«! Das bedeutet auch, dass Hof und Hofgemeinschaft unter ganz neuen Vorzeichen leben und arbeiten werden. In der Stadt, wo es keinen Bauernhof gibt, bieten sich als Übungsfelder für die Handlungspädagogik an: Hauswirtschaft, Handwerke, Künste.

Erziehung und Leben wollen sich wieder vereinigen unter Steiners Devise für uns Erwachsene und unsere Kinder: Ich will lernen, ich will arbeiten! Ich will lernend arbeiten! Ich will arbeitend lernen! Lasst uns Üb-Orte erschaffen, an denen solches in bescheidenem Format geübt werden kann.

Dr. Peter Guttenhöfer war Oberstufenlehrer an der Freien Waldorfschule Kassel für Deutsch, Geschichte, Kunstgeschichte; Mitbegründer des Lehrerseminars für Waldorfpädagogik Kassel und Lehrbeauftragter an der Universität Kassel; weltweit tätig in der Lehrerbildung und Schulberatung.

www.handlungspaedagogik.org

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