Waldorf-Oberstufe 2.0

Von Maria-Sibylla Hesse, Juli 2019

Wie kann Waldorfpädagogik im 21. Jahrhundert weiterentwickelt werden? Wie kann man den heutigen Jugendlichen gerecht werden und sie vorbereiten auf sich derzeit noch kaum abzeichnende Lebensbedingungen in 30 oder 60 Jahren? Mögliche Ansätze bieten der Austausch auf Augenhöhe, die Einsicht, dass wir alle Lernende sind, und projektförmiger Unterricht.

Schüler, Eltern und Lehrer überlegen gemeinsam, was an der Schule wie besser werden könnte.

Was sollten wir an unserer Oberstufe verbessern? Diese Frage stellte ich letzten Herbst gut 20 Schülern aus den Klassen zehn bis zwölf. Einer protokollierte an der Tafel, die bald vollgeschrieben war. Kritisiert wurden das Essen in der Mensa, zu viel Plastik und Müll ebenso wie fehlende Räume für Kleingruppenarbeit, als Zeitfüller erscheinende Projektthemen oder viel Frontalunterricht. Ich hatte empfohlen, sich keine Denkverbote aufzuerlegen. Nach einer Priorisierung gingen wir in unserem Projekt »Waldorfschule Potsdam 2.0«, das elf Wochen à vier Stunden dauerte, die drängendsten Punkte konkret an: eine bessere Ausstattung des PC-Raums zu planen, Sitzmöbel für Draußen zu entwerfen. Zudem haben wir unseren Projekt­unterricht in der Oberstufe evaluiert und eine Gangwand mit einem Zeitstrahl zur Neuzeit verschönert. Erfolglos blieb dagegen der Versuch, die Raumnutzung zu verbessern, weil nicht mehr Platz zu schaffen war.

Ein bescheidenes Resultat, könnte man einwenden. Andererseits mussten die Schüler zunächst lernen, wie man selbstverantwortlich ohne Vorgaben arbeitet: Ideen entwickeln, Ressourcen finden, Briefe an die Konferenz schreiben, umsetzen bis ins Detail, unerwartete Probleme und Rückschläge meistern, dokumentieren und zuletzt präsentieren.

Bedingungen im frühen 21. Jahrhundert

Arbeiten in Projektform wird den Berufsalltag vieler Absolventen bestimmen, wobei sie alle gängigen technischen Mittel nutzen. Die sind jedoch in unserer Schule zum Teil nicht erlaubt: einen Tafelanschrieb mal eben mit dem Smartphone abfotografieren, vielleicht auch für die Erkrankten? Noch verstößt das gegen unsere Hausordnung. Braucht letztere ein Update? Privat organisieren sich unsere Älteren in einem Klassen-Chat, worin an Termine erinnert, über ausfallenden Unterricht informiert oder die erledigte Hausaufgabe eingestellt wird – vermutlich mehr, als wir Lehrkräfte ahnen.

An diesem Beispiel zeigt sich ein bekanntes Dilemma. Einerseits legen wir großen Wert auf persönliche Begegnungen, andererseits ermöglicht uns das Internet, mit fast jedem weltweit in Verbindung zu treten – eigentlich ein wunderbares menschheitliches Ideal. Fake News und Hassreden kann man bejammern, aber man kann diese auch als Aufruf verstehen, Fähigkeiten zu entwickeln, Falsches von Wahrem, Gutes von Schlechtem und Hässliches von Schönem unterscheiden zu lernen.

Die gegenwärtigen Problemlagen – zum Beispiel Klimawandel, Hunger, Friedenspolitik – verlangen neue Lösungen und eine Zusammenarbeit über verschiedene Grenzen hinweg: geografisch oder generationell, von Tradition oder Trägheit determinierte. Und sie erfordern Mut, den die jungen Generationen mitzubringen scheinen, etwa wenn sie tabulos Verbesserungen gemäß ihrer Ideale einfordern, vehement für gleiche Chancen eintreten oder Verständnis für Schwächen zeigen. Vorbilder findet man zum Beispiel bei Joseph Beuys’ Forderung nach dem Sozialen als siebter Kunst oder bei dem Performance-Künstler Yves Klein »Sprung in die Leere«.

Wir Lehrkräfte haben das Rüstzeug dank der anthroposophischen Menschenkunde und unseres Interesses am Individuum, um als Zeitgenossen zusammen mit den Jungen Antworten zu suchen. In der Schule sollen Initiativkräfte geweckt werden, die Zukunftsimpulse in sich tragen und diesen Herausforderungen gewachsen sind.

Schüler bestimmen Inhalte und Methoden mit

Früher funktionierte die Schule nach dem Vorbild der Fabrik: Gleiche Klassenzimmer reihten sich an einem Gang hintereinander, auf erhöhtem Katheter saß der Repräsentant des Obrigkeitsstaates, mit Zuchtmitteln wie der Rute ausgestattet, und alle Schüler lasen die gleiche Seite im gleichen Buch. Heute fordern neuere staatliche Vorgaben, auf die Heterogenität der Schülerschaft einzugehen, aber weiterhin dominieren Hierarchie und mangelnde Einflussmöglichkeiten derjenigen, für die der Schulbetrieb organisiert wird.

Vor 100 Jahren muss die Waldorfpädagogik verrückt gewirkt haben. Schon der gemeinsame Unterricht der verschiedenen Gesellschaftsschichten, dann die Koedukation waren sehr gewöhnungsbedürftig. Buben sollten stricken und nähen? Ja – und die Gehirnforschung bestätigt heute das entwicklungsfördernde Potenzial dieses Ansatzes. Wie finden wir die Basis unserer Pädagogik, wie sie Rudolf Steiner vor 100 Jahren gemeint hat, unter der Kruste möglicherweise verfälschender Traditionen? Wie können wir wieder so innovativ, so radikal werden?

Ein Vorschlag, mit dem ich gute Erfahrungen mache, ist, den Jugendlichen mehr Mitspracherechte einzuräumen. Dafür haben wir vor kurzem ein Schulparlament gegründet. Um Demokratie einzuüben und uns alle als Lernende zu begreifen in der Begegnung auf Augenhöhe, stelle ich auch in einer Epoche Inhalte und Methoden in einem verantwortbaren Umfang zur Wahl, das heißt freilassend orientiert am Waldorflehrplan. Mut, Sich-Öffnen und Kritikfähigkeit sind zu entwickeln.

Wir brauchen eine positive Fehlerkultur

Betroffene zu Beteiligten zu machen wirkt einer konsumierenden und entfremdeten Haltung der Schule gegenüber entgegen. Ein wichtiges Element hierfür ist die Gesprächskultur. Reden wir gewaltfrei und wertschätzend miteinander, auch im Dissens? Die technisch Begabten helfen uns, zum Beispiel den Beamer richtig zu bedienen, aber lassen wir Erwachsenen uns durch sie auch sonst ergänzen in unserem Wissen und Können? Fragen wir, welche Impulse die Jugendlichen mitbringen, kehrt sich das Lernverhältnis um. Die Grundeinstellung, auch als Lehrkraft immer noch Lernender zu sein, bedarf einer von Freude getragenen Fehlerkultur. Finden unsere jungen Kollegen ein Klima vor, das ihnen Mut zum Ausprobieren gibt? 

Mein Ziel wäre, auch im Hauptunterricht öfter auf Wissens- und Fähigkeitsprüfungen zu verzichten und es beim Angebots-Nutzungs-Modell zu belassen, bei dem die Schüler in hohem Maße mitverantwortlich sind für ihren Erfolg. Dieses Aushandeln ist sicher nicht in allen Fächern und auf allen Stufen möglich, und es wird ein dauerndes Übfeld und eine Übung im Ausdauern sein. Mich beruhigt die Erfahrung, dass die Fokussierung mancher Jugendlichen auf den Abiturstoff einem Lebenslernen oder Erwerben von Lebenstauglichem nicht entgegensteht. Was Steuern seien, warum Philosophie so oft wegfalle, fragten sie in ihrer anfangs genannten Mängelliste ebenso, wie sie fremdsprachiges Theater oder fächerverbindende Themen vorschlugen.

Die Nöte der Gegenwart bieten Lernstoff

Zu Beginn des Schuljahres war in unserer elften Klasse für viele Politik kein spannendes Gebiet. Im Winter dagegen ließen sich einige mehrfach beurlauben: Sie gingen unter dem Banner »Fridays for Future« zum Landtag, um darauf aufmerksam zu machen, wie dringlich die Umweltpolitik sich anpassen muss. Sie nahmen ihre Bürgerrechte wahr. Den Leistungsstand per Test zu messen fand ich unnötig, weil sie, wie sie im Hefter reflektierten, ihre politische Mitverantwortlichkeit entdeckt hatten und tätig wurden.

Lernen, ans Leben anzudocken und das Nötige – zumindest in einem Mini-Ansatz – real und konkret zu tun, zeigt den Jugendlichen, dass sie ihr Potenzial entfalten und selbstwirksam sein können. 

Unterrichtende Schüler

Einen Schritt weiter geht der Versuch, zum Beispiel in Projekten einzelne Schüler als Lehrer einzusetzen. Die Schüler reagieren anders, wenn einer von ihnen die Leitung innehat: Sie verstehen Inhalte leichter, fühlen sich besser verstanden, sind oft motivierter und empfinden sich stärker als Team. Der von vielen geschätzte Rollenwechsel reduziert das Hierarchie-Gefälle, was die Selbstverantwortung stärken kann. Dieses Probehandeln birgt eine individuelle Herausforderung. Und vielleicht erwägen die Betreffenden nach dem Perspektivwandel sogar, eines Tages den Lehrberuf zu ergreifen?

Die Evangelische Schule Berlin Zentrum hat für die Acht- bis Zehntklässler das Fach »Herausforderung« fest im Jahresplan verortet: Drei Wochen lang allein oder in der Gruppe wandern, segeln, radeln oder arbeiten, übersetzen, sich um Menschen / Tiere kümmern … Im Vorfeld muss der Plan von der Schule genehmigt werden und unter 150 Euro liegen; das Erweitern eigener Grenzen wird erwartet.

Raus aus der Komfortzone, rein in die Herausforderung …

Wer in dieser Weise gelernt hat, selbstständig zu werden, bildet Resilienz aus, die ihn durch heute noch nicht absehbare Infragestellungen tragen kann. Dass es oft gelingt, die erworbene Selbstregulierung in den Schulalltag zurückzutragen, bemerken wir bei unseren fünfwöchigen Betriebs- (10. Klasse) und Sozialpraktika (11. Klasse).

Neu gewonnene Erfahrungen verflüssigen alte Vorstellungen, etwa dass Schulbesuch zum Abitur führen müsse oder dass am Schluss sowieso immer die Lehrkraft Recht hat. Oder dass uns eine Reduktion unseres Mülls nie gelingen werde. Alles ist verbesserbar. Lernend üben, übend lernen, immer im Gespräch bleiben: auf zum nächsten Versuch!

Maria-Sibylla Hesse unterrichtet Geschichte, Kunstgeschichte und Projekt an der Waldorfschule Potsdam. Das Projekt »Waldorfschule Potsdam 2.0« leitete sie zusammen mit einer Elftklässlerin und einem Zwölftklässler.

Literatur: Fach Herausforderung:

www.ev-schule-zentrum.de/projekte/herausforderung 

Dirk Randoll: Selbstverantwortliches Lernen an Waldorfschulen, in: RoSE – Research on Steiner Education, 2015, S. 154 ff. www.rosejourn.com/index.php/rose/article/view/275/269 

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