Waldorfpädagogik in Kirgistan – Hoffnung für Ausgegrenzte

Von Susanne Pühler, November 2009

In Kirgisien kämpft das Ehepaar Schälike seit mehr als 20 Jahren dafür, dass behinderte Kinder und Jugendliche wie Menschen behandelt werden und Förderung bekommen. Jetzt hat die Deutsche Karla Maria Schälike dafür das Bundesverdienstkreuz am Bande erhalten.

Nomadenzelte und Bundesverdienstkreuz: Waldorfpädagogik in Kirgisien. Foto: Wolfgang Auer

Was fällt einem zu Kirgisien ein: Viele wissen, dass Bischkek die Hauptstadt der Kirgisischen Republik ist, einigen ist schon einmal die Flagge des zentralasiatischen Landes mit der Jurte, dem Nomadenzelt, aufgefallen, und mancher kennt den großen Schriftsteller Tschingis Aitmatow. Damit erschöpft sich bei uns oft das Wissen über Kirgisien. Und doch ging in diesem Jahr das Bundesverdienstkreuz in diese zentralasiatische Republik: Bundespräsident Horst Köhler verlieh der Leiterin des Kinderrehabilitationszentrums »Nadjeshda«, Karla Maria Schälike, das Bundesverdienstkreuz am Bande »in Anerkennung ihrer lang- jährigen Tätigkeit zum Wohle behinderter Kinder in der Kirgisischen Republik«.

Vor mehr als 30 Jahren ist Karla Maria Schälike (1943 in Deutschland geboren) ihrem Mann Igor, Physiker in Frunse, heute Bischkek, in dessen Heimat gefolgt. Zehn Jahre lang unterrichtete die ausgebildete Lehrerin zunächst an der dortigen Universität Deutsch. Bei der Entbindung ihres ersten Kindes musste sie 1985 im Krankenhaus erleben, wie wenig behinderte Kinder geachtet wurden. Weil sie »bildungsunfähig« seien, hätten sie auch kein Recht auf Förderung, wurde den Müttern dort beschieden und empfohlen, die Kinder aufzugeben.

Mitgefühl und Trauer darüber waren daher die ersten Impulse, die Karla Maria Schälike dazu brachten, eine Förderinitiative für behinderte Kinder ins Leben zu rufen. 1989 gründete sie mit ihrem Mann das Kinderrehabilitationszentrum Ümüt-Nadjesda, auf Deutsch: Hoffnung. Mit Spendengeldern aus aller Welt und auch der Unterstützung des deutschen Bundesentwicklungsministeriums ist es dem Ehepaar Schälike und seinen Helfern seitdem gelungen, das Kinderzentrum Nadjeshda zu einer angesehenen Einrichtung aufzubauen. Karla Maria Schälike wurde deshalb 2005 im Rahmen des Projektes »1000 Frauen für den Frieden« für den Nobelpreis nominiert.

Die Initiative wächst und braucht qualifizierte Mitarbeiter

Etwa 70 schwer oder mehrfach behinderte Kinder und Jugendliche im Alter zwischen zwei und 24 Jahren erfahren im Kinderzentrum Zuwendung, Bildung und Therapie basierend auf der Waldorfpädagogik. Zunächst handelte es sich um Waisen oder um Kinder, deren Eltern nicht in der Lage sind, sich um sie zu kümmern; inzwischen kommen sie auch aus Familien, die für diese Förderung bezahlen können. Seit 1993 ist das Zentrum staatlich anerkannt. Heute gehören ein Kindergarten, eine Grundschule sowie Werkstätten und Wohngruppen für die Jugendlichen und jungen Erwachsenen zu Nadjeshda. Die kleine integrative Gert-Michael-Waldorfschule ist 1991 als erste Waldorfschule in das Projekt der Assoziierten Schulen der UNESCO aufgenommen worden.

Damit sind wichtige Meilensteine erreicht, eine Herausforderung aber besteht weiter: die pädagogische Qualifizierung der Mitarbeiter. In diesem Sinne wirkt eine auf zwei Jahre ausgelegte Blockausbildung für Dozenten an heilpädagogischen Seminaren in den ehemaligen Sowjetrepubliken Kirgistan, Russland, Ukraine und Georgien, genannt KRUG – nach den Anfangsbuchstaben der Länder. Sie ist vom Internationalen Ausbildungskreis für Heilpädagogik initiiert worden und hilft bei der weiteren Qualifizierungsarbeit.

Zentralasiatisches Forum für Waldorfpädagogik gegründet

Um die Waldorfpädagogik in der Region und bei den Mitarbeitern des Kinderzentrums in Bischkek zu verankern, organisiert Igor Schälike schon seit 2004 ein Zentralasiatisches Forum und Seminar für Waldorfpädagogik – mit personeller und finanzieller Hilfe der Freunde der Erziehungskunst, der IAO (Internationale Assoziation osteuropäischer Waldorfschulen) und der IASWECE (International Association for Steiner/Waldorf Early Children Education). Lehrerinnen und Erzieherinnen aus Kasachstan, Kirgisien und Tadschikistan kommen alljährlich im Juni in Bischkek zusammen, um ihre Kenntnisse in den Grundlagen der Waldorfpädagogik zu vertiefen, künstlerische und methodische Fähigkeiten zu erweitern – oder um die Waldorfpädagogik überhaupt erst kennen zu lernen. 2009 nahmen 85 Interessierte teil. Aus Deutschland unterstützten Elke und Wolfgang-M. Auer, Marie Luise Compani, Doris Feucht und Monika Pannitschka als Dozenten die Arbeit.

Auch die Universität Bischkek interessiert sich für die Waldorfpädagogik

Im Herbst 2007, nach dem 4. Zentralasiatischen Forum, zeigten sowohl das zuständige Ministerium als auch die Universität in Bischkek Interesse an der Waldorfpädagogik; sie suchten nach Alternativen, das immer noch sowjetisch geprägte Erziehungssystem umzugestalten. Die Waldorfpädagogik bot dazu eine Möglichkeit. An der Pädagogischen Fakultät der Universität Bischkek startete ein zweijähriger berufsbegleitender Kurs in Waldorfpädagogik: mit 35 Erzieherinnen und Kindergartenleiterinnen aus Kirgisien, Kasachstan und Tadschikistan sowie den Dozenten Peter Lang und Marie-Luise Compani aus Stuttgart. Im Oktober 2009 wurden den Absolventen ihre Abschlussurkunden überreicht. Darüber hinaus sollen die neuen Waldorferzieherinnen vor Ort, also in den Einrichtungen, in denen sie tätig sein werden, eine fachliche Begleitung bekommen, damit sie das Gelernte festigen und vertiefen können – weiterhin mit tatkräftiger Unterstützung von erfahrenen Waldorferzieherinnen aus Deutschland.

Vorschriften verbieten Holzspielzeug

Trotz dieser Erfolgsmeldungen hat Nadjeshda mit einer Reihe von Problemen zu kämpfen: Dazu gehören zum einen »Kulturbrüche«, die sich schon im Seminaralltag zeigen: Legt der Waldorfpädagoge Wert auf Holzspielzeug und Blumen auf dem Tisch, verlangen kirgisische Vorschriften Hygiene, denkt die Erzieherin an gesundes Essen, verkünden die Gesetze exakte Mengen- und Kalorienangaben. Aus dieser Klemme kommen Kindergärten und Schulen, an denen die Waldorfpädagogik umgesetzt werden soll, nur heraus, wenn für sie die bestehenden strengen Vorschriften gelockert werden: Ein Experimentalstatus verhilft ihnen zu einem größeren methodisch-didaktischen Freiraum.

Nadjeshda freut sich über jede Form der Unterstützung. Die Ehrenpräsidentschaft von Tschingis Aitmatow bis zu seinem Tod im Juni 2008 war eine wertvolle Hilfe, kündete sie doch von der wertvollen Arbeit der Einrichtung und sorgte für Bekanntheit im In- und Ausland.

Doch die finanziellen Sorgen bleiben. Nadjeshda, die Hoffnung in Kirgistan, ist auf die Hilfe westlicher Spender angewiesen.

Weitere Informationen: www.nadjeschda.org

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