Waldorfschulen zur Zeit der NS-Diktatur

Von Michael Birnthaler, März 2018

Die vom Bund der Freien Waldorfschulen angeregte Studie von Uwe Werner ist in vielerlei Hinsicht verdienstvoll. Zum einen natürlich, da mit dem anstehenden 100-jährigen Jubiläum der Waldorfschule eine objektive Auseinandersetzung mit ihrer Geschichte ansteht. Aber auch, da es immer wieder, besonders seit den 1990er Jahren, hartnäckige Gerüchte um eine vermeintliche Affinität der Waldorfbewegung zu der Ideologie der NS-Diktatur gibt.

Zum anderen liegt das Verdienst darin, dass mit dem verstörenden politischen Erdrutsch hin zu rechtspopulistischen Positionen in Deutschland und zahlreichen anderen Ländern, eine erneute intensive Auseinandersetzung mit völkischem Gedankengut notwendig ist.

In wohltuender Sachlichkeit trägt Uwe Werner auf über 150 Seiten vor, wie sich die Verantwortungsträger der Waldorfbewegung und der einzelnen Schulen gegen die Demagogie des Naziregimes gestellt haben. Er diskutiert, warum die damals acht Waldorfschulen erst 1938 oder später geschlossen wurden, oder warum eine Selbstschließung aus ideellen Gründen ambivalent war. Ebenso offen legt er dar, dass die überwältigende Mehrheit der Waldorflehrer und Waldorfeltern nicht der nationalsozialistischen Doktrin anhingen. Im Gegenteil: Nach den erhellenden Ausführungen von Uwe Werner ergibt sich vielmehr das Bild, dass die meisten Waldorflehrer und Waldorfeltern keine Mitläufer waren. Wo sie konnten, haben sie versucht, es den Machthabern schwer zu machen, ohne allerdings ein übergroßes Risiko in Kauf zu nehmen.

Genauso unvoreingenommen schildert Werner schließlich auch Beispiele, die zeigen, dass vereinzelt Waldorflehrer und anthroposophische Autoren offen mit der NSDAP sympathisierten. Viele von ihnen haben das Werk Rudolf Steiners falsch verstanden. Sie erkannten nicht, dass sich Steiner eindeutig gegen die Rassentheorie geäußert hatte. Oder sie machten sich nicht klar, dass er niemals den (michaelischen) Zeitgeist mit der deutschen Volksseele zur Deckung gebracht hatte.

Abgerundet wird die Monografie mit einem substantiell kommentierten Überblick über die einschlägige Forschung seit 1983. Man hätte dem Werk nur eine optisch etwas ansprechendere Aufmachung gewünscht, so dass es eine möglichst große Verbreitung finden könnte. Denn diese Publikation widerlegt in sachlicher Weise die Anwürfe, die eine Nähe der Anthroposophie oder Waldorfpädagogik zu den Inhalten der NS-Schreckensherrschaft unterstellen – was die politische und ethische Glaubwürdigkeit der Waldorfschulbewegung untermauert.

Und sie trägt zur noch immer nicht abgeschlossenen Aufarbeitung dieser Ära der Unmenschlichkeit bei.

Uwe Werner: Waldorfschulen im nationalsozialistischen Deutschland. Eine kleine Monografie, Hamburg 2017

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