Warum Jungs keine Männer mehr werden

Von Michael Birnthaler, März 2010

Als langjähriger Kinderarzt und Entwicklungspsychologe hat Leonard Sax dramatische Veränderungen in der heutigen Jungengeneration festgestellt und erforscht. Der Grund zur Besorgnis ist in seinen Augen, dass die schwächer werdenden Jungs später als Jugendliche oder erwachsene Männer nicht wieder aufholen. Im Gegenteil: Sind sie dann einmal 30 oder 35 Jahre alt, jobben sie als Kellner oder Taxifahrer, haben drei abgebrochene Ausbildungen hinter sich, besitzen statt einer Sportausstattung eine Playstation, wohnen weiter im Hotel Mama und ballern lieber virtuelle Gegner in Videospielen ab, als stabile soziale Kontakte, Beziehungen oder gar eine Partnerschaft einzugehen. Ihr Hauptproblem sei, dass sie keine Ziele im Leben finden und jede Spur männlichen Ehrgeizes vermissen lassen.

Die Ursachen lassen sich auf fünf Komplexe konzentrieren. Das sind die Verkopfung des Lernens im Kindergarten und der Schule und das Schwinden von echten Abenteuern und einer gesunden Wettkampfkultur; die Überschwemmung des Marktes mit Videospielen, die Nutzer sozial isolieren und sie verdummen lassen; der allzu schnelle Griff zu Medikamenten wie Ritalin, die laut neuesten Untersuchungen als Spätfolge die natürliche männliche Antriebskraft lähmen können; das Fehlen männlicher Vorbilder und vor allem wirksamer kultureller oder pädagogischer Modelle, die in der Lage sind, aus einem »Jungen einen Mann zu machen«.

Nach Sax stellt die Rückkehr zu alten Übergangsriten und überkommenen Jugendweihen keine Lösung dar. Stattdessen berichtet er anhand eines konkreten Beispiels, wie eine Schule in Maryland, USA, das Problem der »Mannwerdung« ihrer jugendlichen Schüler aufgreift. Jedes Jahr werden im Rahmen eines fünfwöchigen Programms namens »Somos Amigos« (»Wir sind Freunde«) Gruppen von 16 Jungen und vier erwachsenen Männern ins Hochland der Dominikanischen Republik geschickt, wo sie mit armen Bauern zusammen leben und auf dem Boden schlafen. Es gibt Ratten und kein Internet. Das Buch setzt streckenweise auf leichte Verständlichkeit ohne Skrupel vor Plakativität und Unterhaltung, was seine Bedeutung jedoch nicht schmälert.

Leonard Sax: Jungs im Abseits. Die aufrüttelnde Analyse eines Kinderarztes. 288 S., geb. EUR 17,95. Kösel-Verlag, München 2009.

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