Warum Lehrer Eltern brauchen

Von Regine Basfeld, September 2020

Die Beziehung zwischen Eltern und Lehrern verwandelt sich im Laufe der Schulzeit eines Kindes. In gewissem Sinne spiegeln Nähe und Distanz der Eltern zu den Lehrern die Verbundenheit der Eltern mit ihrem Kind und auch ihre Einflussversuche wider. Geprägt wird die Sicht der Eltern auf die Lehrer durch das Kind, das von seinen Erlebnissen zu Hause erzählt und sie durch seine Augen, Ohren und sein Verständnis an den Erlebnissen in der Schule teilhaben lässt.

Foto: © Charlotte Fischer

Phasen der Elternmitwirkung 

In den ersten beiden Schuljahren sind Eltern und Kind noch eine Einheit. Der Lehrer bildet für das Kind das Tor zur Welt. Es ahmt ihn meist mit Hingabe nach und ist voller Vertrauen, dass alles so sein muss, wie es der Lehrer macht und sagt. Auch die Beziehung zwischen Eltern und Lehrer ist in dieser Zeit in der Regel von gegenseitigem Vertrauen und Zuversicht geprägt, die gemeinsamen Jahre zu meistern. Sie tauschen sich noch über viele Geschehnisse in Elternhaus und Schule und die Befindlichkeiten des Kindes aus.

Während des dritten und vierten Schuljahres kommt es oft zu einer entwicklungsbedingten Krisenzeit, dem sogenannten Rubikon, in der die Verbundenheit des Kindes mit den Erwachsenen nachlässt. Dem Lehrer treten dessen Stärken und Schwächen deutlicher ins Bewusstsein und er artikuliert sie gegenüber den Eltern. Diese werden dann oft unsicher, ob Schule und Lehrer die richtigen für ihr Kind sind, ob es falsch eingeschätzt oder angesprochen wird. Wenn hierüber das Gespräch in gegenseitigem, anerkennendem Verständnis aufrecht erhalten werden kann, bildet dies eine gute Beziehungsgrundlage für die weitere Schulzeit. Das Kind wird nach der Verunsicherung einen neuen Stand finden und den Erwachsenen gegenüber selbstbewusster auftreten. Die Eltern ziehen sich mehr zurück, nach dem Motto, wenn man nichts hört, läuft alles gut und man sieht sie hauptsächlich auf dem Elternabend. Diese werden jetzt nicht mehr ganz so zuverlässig besucht, man informiert sich über die Info-Mappe. Die Berufstätigkeit der Eltern weitet sich meist wieder aus und bei rund einem Drittel der Kinder haben sich die Eltern getrennt.

In den weiteren Schuljahren stellt der Heranwachsende unbewusst die Frage an die Lehrer: Bist du es wert, dass ich dir nachfolge? Bist du ein Kenner und Könner auf deinem Fachgebiet, besitzt du Autorität im besten Sinne des Wortes? Es kommt die Zeit, in der Grenzen ausgelotet und eingefordert werden. Der Jugendliche sucht Orientierungspunkte. In diesen Turbulenzen ist es für Eltern nicht leicht, den Anker zu bilden, aus Angst, durch Strenge und Regeln die Liebe des Kindes zu verlieren. Lehrer haben es hier leichter, klare Maßstäbe zu setzen und fordern diese auch von den Eltern, was zwischen beiden zu Konflikten führen kann. Im Laufe der Mittelstufe löst sich mehr und mehr das Band: Man betrachtet sich distanzierter.

Wie die Kinder den Eltern gegenüber werden auch die Eltern der Schule gegenüber autonomer und erzählen nicht mehr alles – bis dahin, dass der Wahrheit nicht immer genüge getan wird.

In der Oberstufe regelt der Schüler seine Belange hauptsächlich selbst und wird mehr und mehr zum Informationsträger zwischen Schule und Elternhaus. Die Eltern überlassen dem Jugendlichen überwiegend und in Absprache die Gestaltung seiner Schulverpflichtungen und auch seine Freizeitgestaltung und verlassen sich auf seine Vernunft. Der direkte Kontakt zwischen Lehrer und Eltern wird, neben dem weiter abnehmenden Besuch von Eltern­abenden und Schulveranstaltungen, überwiegend nur noch bei individuellen Schwierigkeiten gesucht.

Bedingungen für gelingende Eltern-Lehrer-Beziehungen

Jede gute Beziehung lebt vom vertrauensvollen und wertschätzenden Gespräch. Hierfür braucht es Zeit und Räume der persönlichen Begegnung. Eine aktive Elternarbeit und Beteiligung der Eltern am Lernprozess des Kindes, die themenorientiert und nicht problembezogen ist, bildet sehr gute Voraussetzungen für eine Erziehungspartnerschaft.

An erster Stelle sind sicherlich die regelmäßigen Elternabende zu nennen, in denen die jeweilige Entwicklungsphase der Kinder besprochen wird. Auch Beispiele aus dem Unterricht zu erleben, lässt Eltern die Situation des Kindes besser verstehen. Den Lehrer und seine Beziehung zur Klasse lernen die Eltern gut durch die Art seines Erzählens kennen. Hier werden keine Handlungsanweisungen, sondern Denkanstöße gegeben, die als Entscheidungshilfen dienen können. Eltern sind keine homogene Gruppe. Man hat eine Vielfalt von Lebensentwürfen vor sich, die alle respektiert werden möchten.

Ein für Eltern offener Unterricht wird in der Regel gerne wahrgenommen. Hier können sie den Lehrer in (Inter-)Aktion mit den Schülern erleben. Das eigene Kind in der Klassengemeinschaft zu erleben, ist eine besondere Situation. Mit den Fragen: Ist mein Kind sozial gut integriert, wird es ausgelacht und kann es dem Unterricht konzentriert folgen, gehen alle Eltern um. Nicht wenige bringen deshalb morgens ihr Kind bis an seinen Sitzplatz und bleiben noch eine geraume Zeit vor der Tür des Klassenzimmers stehen, um zu erleben, wie der Lehrer seine Schar zur Ruhe bringt und wie das eigene Kind sich einfangen lässt. Dies kann insbesondere für neue und junge Lehrer zur Belastung werden.

Das Angebot eines Elternsprechtages, an dem Einzelgespräche zwischen Lehrer und Eltern möglich sind, wird meist gerne angenommen. Hier steht das Kind ganz im Mittelpunkt und Eltern können nach allem fragen und eventuelle Sorgen und Bedenken äußern. Zu beachten ist, dass die Themen und Inhalte nur nach einer Entbindung von der Schweigepflicht an Kollegen weitergegeben werden dürfen.

Zeigt sich ein Kind in mehreren Unterrichtsfächern auffallend und störend, lassen sämtliche Maßnahmen der Lehrer keine Verbesserung erkennen und werden die Fragen zum Kind und seinem häuslichen Umfeld drängend, ist eine Klassenkonferenz sinnvoll, an denen die Eltern teilnehmen sollten. Hier schildern alle Kollegen ihre Beobachtungen und Erfahrungen. Die Eltern schildern die häusliche Situation. Aus einer genauen gemeinsamen Betrachtung und Beschreibung des Kindes in seinem Umfeld lassen sich häufig schon neue Umgangsweisen und Handhabungen ableiten. Gemeinsame Verabredungen werden getroffen, die eingehalten werden sollten. Auch sollte darauf geschaut werden, ob die gemeinsamen Bemühungen zum Erfolg führten oder weiterer Gesprächsbedarf besteht.

Werden die Jahresarbeiten präsentiert, wird von Klassenfahrten berichtet oder auch auf Monatsfeiern, erleben die Eltern ihr eigenes Kind, wie es sich ein Thema erarbeitet hat und sie können sich ein Bild vom Niveau der Klasse machen und das eigene Kind im Verhältnis dazu sehen. Dies hat eine ganz andere Aussagekraft als ein Zeugnis und trifft die Eltern unmittelbar in ihrem Gefühlsleben. Oftmals ist dies der Auslöser für eine neue Sichtweise auf ihr Kind. Manche beruhigt das Erlebte, andere werden wach und suchen Unterstützung.

Eltern stellen ihr Können in der Regel gerne zur Verfügung und unterstützen Lehrer bei Klassen- und Schulprojekten. Für die Kinder ist es eine besondere Erfahrung, die Eltern in »ihrem« Lernumfeld nicht nur verbal, sondern auch handelnd zu erleben.

Andere Eltern begleiten die Klasse ihres Kindes bei Ausflügen und Klassenfahrten. Hierbei ist es eine besondere Herausforderung für die Eltern, die Balance zwischen der Aufmerksamkeit für alle Kinder der Klasse und der besonderen Verbundenheit zum eigenen Kind zu finden.

Schulfeste und den Adventsmarkt zu organisieren, sind Aktivitäten, die oft das ganze Jahr beanspruchen. Man trifft sich regelmäßig, es begegnen sich Eltern aus den verschiedenen Jahrgangsstufen und sie bekommen Einblick in die Themen anderer Klassenstufen. Dies gilt auch für die Mitarbeit in der Elternlehrerkonferenz, die sich intensiv mit strukturellen und inhaltlichen Themen einer Schule befasst. Um eine gemeinsame fachkundige Grundlage zu schaffen und daraus Handlungsstrategien zu entwickeln, kann es sinnvoll sein, eine Fortbildungsveranstaltung mit Referenten und Arbeitsgruppen für Eltern und Lehrer zu organisieren. Die Mitsprache der Eltern sollte bei sämtlichen Themen selbstverständlich sein. Nicht die Weisung und Belehrung, sondern die Eigenaktivität und das eigene Entdecken führen zu Verständnis, Einsicht und Unterstützung.

Für die Vorstandstätigkeit werden Eltern benötigt, die auf wirtschaftlichem und rechtlichem Gebiet mit ihren Kompetenzen in der Lage sind, sich in den Dienst der Schulgemeinschaft zu stellen. Sie setzt eine Identifizierung mit dem Leitbild der Schule voraus.

Die Mitgliederversammlung ist für alle Eltern offen und eine gute Möglichkeit, sich über die aktuelle Situation und die Zukunftsvision zu informieren. Hier keimt oftmals auch der Wille zur Mitarbeit auf.

Die Möglichkeit für Eltern, am Schulleben ihrer Kinder Anteil zu nehmen und es mitzugestalten, führt zu einer großen Zufriedenheit und Verbundenheit mit der Schule. Sie erhalten Einblick in die Strukturen der Schule und können sie durch ihr Ehrenamt unterstützen.

Die »Wunscheltern«

Immer wieder erleben Eltern jedoch auch, dass ihr Engagement nicht aufgegriffen oder gar zurückgewiesen wird. Für einen gelingenden Austausch sind alle Beteiligten zur Reflexion ihres eigenen Antriebs und Handelns gefragt.

Die unausgesprochene Übereinkunft, gemeinsam den Erziehungsauftrag zu erfüllen, bietet eine solide Grundlage für das Gelingen. Mit Eltern, die Verständnis für den Entwicklungsprozess ihres Kindes mitbringen, den Lehrer unterstützen und ihm als Fachkraft vertrauen, ist eine gute Zusammenarbeit möglich. Wenn Lehrer und Eltern in ihrem (und nicht in dem des anderen) Zuständigkeitsbereich Hand in Hand arbeiten und sich gemeinsam um das Kind stellen, weben alle am gleichen »Teppich«.

Niemand ist unfehlbar. Wir lernen und entwickeln uns laufend im Austausch mit unserer Umwelt und sind auf Rückmeldungen angewiesen. Ein positives Feedback beflügelt uns und steigert die Motivation. Auch kritisches Feedback anzunehmen, will gelernt sein. Hierbei kommt es auf die Art und Weise der Rückmeldung an. »Professionelles Feedback bedeutet, Rückmeldungen nicht wertend, sondern als Beobachtung zu formulieren; konstruktiv zu fragen (sokratisches Prinzip), d.h. kompetent weitgehend offene Fragen zu stellen mit dem Ziel, eigenständiges Gestalten und Lernen zu fördern; […] Vertrauensvorschuss zu geben statt Defizit-Orientierung; (Nicht) zuletzt auch mögliche eigene Versäumnisse zu identifizieren« (Spychiger & Cada 2019).

Im gemeinsamen Bemühen um die Erziehung und Entwicklung des Kindes und eine Begegnungskultur mit wohlwollendem Bestreben um Resonanz und Dialog kann Erziehungspartnerschaft gelingen.*

*Der vollständige Artikel ist in dem Buch Elternstudie, hrsg. von Heiner Barz, nachzulesen.

Literaturhinweise: H. Barz (Hrsg.): Bildung und Schule – Elternstudie 2019. Münster 2019 | M. Spychiger, & S. Cada: »Fehler-Kultur & Feedback-Kultur«. In: Takt 19/1, Magazin der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst, Frankfurt am Main 2019, S. 27. | Zur Autorin: Regine Basfeld ist Eurythmielehrerin an der Freien Waldorfschule Frankfurt a.M., Mitglied des freien Frankfurter Eurythmie Ensembles FEE

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