Warum Lehrer sich medizinisch bilden sollten

April 2012

Inklusion beschäftigt die Pädagogen und die Gesellschaft intensiv. Ein Wandel steht bevor, der die Anforderungen an die Lehrer stark verändern wird. Wenig Aufmerksamkeit wird jedoch »normalen« Schülern zuteil, obwohl immer mehr unter gesundheitlichen Beeinträchtigungen leiden.

Erziehungskunst | Herr Creyaufmüller, Sie unterrichten seit 24 Jahren als Oberstufenlehrer an der Freien Waldorfschule in Aachen. Was beobachten Sie an ihren Schülern und Kollegen?

Wolfgang Creyaufmüller | Wie in der Gesamtgesellschaft häufen sich auch bei uns im sechsten Lebensjahrzehnt chronische Krankheiten, Krebs eingeschlossen. Bei den Schülern treten zunehmend »neue Kinderkrankheiten« auf, während die klassischen fast verschwunden sind. Allergien sind häufiger anzutreffen als vor 20 Jahren, Essstörungen ebenfalls. Es kommen aber auch verstärkt das Gesamtsystem des Menschen betreffende Krankheiten vor (Krebs, chronische Darmerkrankungen usw.), die in klassischer Sicht nicht ins Kindheits- oder Jugendalter gehören.

EK | Rudolf Steiner beschreibt die erzieherische Tätigkeit unter anderem als eine heilende. Was können Lehrer tun, um ihren diagnostischen Blick zu schärfen?

WCR | Es klingt vielleicht banal, aber auf vieles wird man erst im kollegialen Kleingespräch aufmerksam. So führten die Klagen einer Klassenlehrerin über deutlich nachlassende Gedächtnisleistungen ihrer Kinder dazu, dass ich auf die generelle Aluminiumbelastung aufmerksam wurde, die über das Regenwasser ins Trinkwasser gelangt. Je nach Alter sind die Auswirkungen verschieden, aber Aluminium und Barium gehören einfach nicht in unsere Köpfe, denn sie beeinträchtigen den Hirnstoffwechsel in Richtung Alzheimer. Man sollte sich innerkollegial über seine Arbeit und Beobachtungen mehr austauschen und fortbilden. Hier werden gerade jene Fortbildungen fruchtbar, die nichts mit der klassischen Lehreraufgabe zu tun haben. Seit meiner Ausbildung zum Heilpraktiker hat sich mein Blick auf die Jugendlichen verändert. Ich bemerke jetzt viel schneller, ob eine »Abweichung vom Üblichen« noch mit pädagogischen Mitteln zu bewältigen ist. Lehrer geben sich viel zu oft mit Situationen ab, die längst in den medizinischen oder psychologischen Bereich hineinreichen. Hier bedarf es verstärkter therapeutischer Kompetenz.

EK | Was kann man gegen diesen Mangel tun?

WCR | Jede Waldorfschule sollte einen Schularzt haben, am besten vor Ort während der Schulzeit. Dann sind die Rollen zwischen dem medizinischen und pädagogischen Bereich klar verteilt. Ich vermute, dass die Mehrzahl der Schulen keinen Schularzt mehr hat. In einer solchen Situation wäre ein Heilpraktiker besser als gar kein medizinisch ausgebildeter Mensch. Rechtlich darf im Schulbüro keine Medizin vergeben werden, abgesehen von der Notversorgung durch Pflaster bei kleinen Verletzungen. Ein Heilpraktiker darf prinzipiell behandeln. Ein Zweites ist die Ausbildung: Wenn die derzeitige grundständige Ausbildung zum Waldorflehrer von vier auf fünf Jahre wegen der Umstellung auf das Bachelor-Master-System verlängert wird, sollte das Medizinische stärker gewichtet werden. Die Seminar­leitungen sollten prüfen, ob eine begleitende Ausbildung möglich wäre.

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