Warum Waldorflehrer meditieren

Von Claus-Peter Röh, November 2018

Die Frage der unterschiedlichen Qualität der beiden Meditationen für Waldorflehrer und -erzieher ist untrennbar mit der Frage der Identität und der Intentionalität dieses Berufes verbunden. Sie entstanden beide im historischen Kontext der Gründungssituation der ersten Waldorfschule. Beide tragen das Kernanliegen dieser pädagogischen Bewegung in sich.

Erste Lehrermeditation, Faksimile der Originalhandschrift Rudolf Steiners,

Den Erzieher- und Lehrerpersönlichkeiten als Grundlage für ihr tägliches Unterrichten im Jahr 1919 eine Meditation für die innere Arbeit zu übergeben, das kam in jener Nachkriegszeit einer pädagogischen Revolution gleich. Rudolf Steiner gab keine Gebrauchsanweisung oder Richtlinie dazu, sondern er vertraute jeder einzelnen Lehrerpersönlichkeit, dass sie einen individuellen Zugang zu diesen Meditationen finden könne. In jener Vertrauensgeste sprach sich das Anliegen der Anthroposophie und der Waldorfpädagogik aus, dass jedem Menschen ein freier Zugang zum Geistigen möglich ist.

Für die Durchführung und Wirkung der Meditation ist dieses innere Freiheitsmoment entscheidend. In späteren Vorträgen bekräftigt Steiner diese Qualität: »Die Meditation muss etwas völlig Klares sein in unserem heutigen Sinne. […] Wenn der Mensch einmal beginnt, Meditationen zu machen, so vollzieht er damit die einzige wirklich völlig freie Handlung in diesem menschlichen Leben.«

99 Jahre oder drei Generationen nach Beginn dieser Entwicklung stehen wir in Bezug auf das Thema Meditation in einem verwandelten Lebensumfeld. So heißt es 2009 bei Arthur Zajonc in seinem Buch Aufbruch ins Unerwartete aus wissenschaftlicher Perspektive: »Inzwischen ist die Wirkkraft kontemplativer Übungen klar erwiesen. Hunderte wissenschaftlicher Studien belegen den Wert der Meditation mit vielfältigen positiven Einflüssen auf die Gesundheit.« In populären Journalen stehen heute zum Thema Achtsamkeit Sätze wie: »Zeit für die Seele«, »Erkennen, was wirklich wichtig ist« oder »Der Geist sucht eigene Wege«.

Im Spannungsraum von Sinneswelt und Ich

Als die erste Lehrermeditation wenige Tage nach Schulgründung den Lehrern übergeben wurde, standen diese als Pioniere vor pädagogischem Neuland: Nichts war aus vorherigem Wissen oder Erfahrung zu greifen. Diese Herausforderung entsprach in ihrem Kern ganz dem methodischen Ansatz der Waldorfpädagogik: Aus der Wahrnehmung der Kindesentwicklung, der Klassensituation und der Unterrichtsthemen gilt es, den nächsten originären Schritt erst hervorzubringen. Die pädagogische Geste, sich aus freier Initiative in den Entwicklungsraum des Unterrichts hineinzustellen, war im ersten Lehrerkurs vorbereitet worden.

In der Allgemeinen Menschenkunde zeigte sich das zentrale Anliegen Rudolf Steiners, Entwicklungsmomente als Polaritäten darzustellen. Diese führten nicht zu einem »Entweder-Oder«, sondern zur aktiven Neuschöpfung des »Sowohl als auch« oder des »Dazwischen«:

• Am Vorabend wird die Waldorfschule als lebendiger Organismus zwischen höchsten menschlichen Idealen und notwendigen Eingeständnissen an die umgebende Welt beschrieben.

• Der Mensch entwickelt sich zwischen der Polarität von geistigen und körperlichen Kräften.

• Die seelische Mitte des Fühlens lebt zwischen dem wach-bewussten Denken und dem tätigen Willen.

• Diese Polarität findet ihren leiblichen Ausdruck im Nervensystem einerseits und im Blutsystem andererseits.

• Das menschliche Leben entfaltet sich im rhythmischen Wechsel von Schlafen und Wachen.

­Im Schein des Sinnewesens
Da lebt des Geistes Wille,
Als Weisheitslicht sich gebend
Und innere Kraft verbergend;

Nach dieser Hinwendung an das Licht der Sinneswelt wendet sich der Blick im nächsten Abschnitt um und richtet sich polar dazu nach innen, auf das Ich des Meditierenden. Dieses hat die Möglichkeit, aus sich selbst heraus Willenskräfte zu entwickeln. Vom Ich geführt, kann der Wille neben den Handlungen auch das bewusste Denken ergreifen.

Im Ich des eignen Wesens,
Da scheinet Menschenwille,
Als Denkens Offenbarung,
Auf eigene Kraft sich stützend;

Von entscheidender Wichtigkeit für die Kraft dieser Meditation ist es, ob und wie es gelingt, eine intensive Spannung zwischen der ersten und der zweiten Strophe aufzubauen. Erst durch die real erlebte Gegensätzlichkeit zwischen äußerem Sinneserleben und eigenem Frage- oder Denkwillen wird die Neuverbindung und Steigerung beider möglich:

Und eigene Kraft dem Lichte
Der Weltenweisheit machtvoll
Geeinet zu dem Selbste:

Wird diese neue Stufe erreicht, verwandelt sich das gewöhnliche Zuschauer- oder Beobachterbewusstsein zu einer tieferen Verbindung mit dem Erleben. Auf dieser Ebene wendet das menschliche Ich oder Selbst sich suchend an die geistigen Kräfte, die den Erziehungsprozess begleiten:

Gestaltet mich, der ich mich
Zum Göttlich-Hohen wende,
Erleuchtungskräfte suchend.

Indem die erste Lehrermeditation diesen horizontalen Pendelschlag zwischen Welt und Ich wie in einem Urbild vollzieht, kann sie sozusagen Pate stehen für die alltägliche Unterrichtssituation. Wo neue Sinneseindrücke, Schilderungen und Themen im Klassenraum aufleben, stellt sich aus der entstehenden Spannung heraus für jeden jungen Menschen unmittelbar die Frage nach der inneren Verbindung damit und nach dem tieferen Sinnzusammenhang. Wie eine Art innerer Kompass führt der Umgang mit dieser ersten Meditation zu einer feineren Wahrnehmung der Polarität von Sinneseindruck und sich daran entwickelndem Denken. Dazu ein Beispiel aus der fünften Klasse: Deren Gemeinschaft ist gerade von Phasen der Spannung geprägt, als bei stürmischem Wetter eine Radtour zur Küste unternommen wird. Schon durchnässt, finden wir hinter einer Deichhütte den ersehnten Windschutz mit Blick auf die Marsch. Unerwartet erscheint der Vogelwart, der von seinen Beobachtungen und schließlich vom Brutverhalten der Gänse erzählt: Die Brandgans nistet sich auch in bewohnte Fuchsbauten ein. Für die Zeit der Aufzucht herrscht zwischen Fuchs und Gans ein »Burgfrieden«. Zunächst verwunderte, dann nachdenkliche Gesichter in der fünften Klasse. Eine Schülerin sagt: »Davon könnten wir was lernen.«

Komposition und Dynamik der zweiten Lehrermeditation

Vier Jahre später durchlebte die erste Waldorfschule eine Krise, deren Ursache Steiner in der Schulkonferenz als einen Verlust des inneren »Kontaktes« – vor allem zu den älteren Schülern – beschrieb.

Am Ende eines weiteren Lehrerkurses am 15. und 16. Oktober 1923 entwickelte er im Blick auf die Entwicklungssituation das Bild des Kampfes Michaels mit dem Drachen. Gerade in der Pädagogik bestehe die Dramatik darin, eine Kultur des toten, abstrakt gewordenen Wissens durch Enthusiasmus und größte Lebendigkeit im Unterricht zu überwinden. Das Bild dieser Auseinandersetzung wolle er dem Kollegium am nächsten Tag in einer Formel für die Meditation überbringen. Diesem Entstehungsmoment entsprechend beginnt die zweite Meditation mit einem Einschlag in das geistige Wesen des Menschen hinein:

            Geistiges Blicken,
            Wende dich schauend nach Innen;

Deutlich hingestellt ist damit das erste Thema dieser pädagogischen »Symphonie« als Aufforderung, den Blick auf das individuelle Geistige des Menschen zu richten. Ganz unmittelbar folgt auch hier der Aufbau einer Polarität in Form eines ganz anderen zweiten Themas: Nun lautet die Aufforderung, aus der Herzenskraft heraus das Seelische des Menschen fühlend, tastend wahrzunehmen. So stehen sich die beiden Kernthemen dieser Meditation noch unverbunden gegenüber:

            Geistiges Blicken,
            Wende dich schauend nach Innen;
            Herzliches Tasten,
            Rühre am zarten Seelen-Sein;

Nun folgt die symphonische Durchführung, in der beide Themen erweitert und miteinander verwoben werden: Zwischen der ahnenden Intuition des Geistigen und der »herzlichen« Wahrnehmung des Seelischen, zwischen dem Oben des Geistigen und dem Unten des Physischen bildet sich unser menschliches Bewusstsein:

Im ahnenden Geistes-Blicken,
Im herzhaften Seelen-Tasten,
Da webt sich Bewusst-Sein.

Bewusst-Sein, das aus dem Oben
Und dem Unten des Menschen-Wesens
Bindet Welten-Helle
An das Erden-Dunkel.

Nach dieser Vorstellung beider Themen in ihrer Polarität führt der zweite Teil der Meditation in eine dramatische Auseinandersetzung. Steigerung heißt hier fast Verschmelzung beider Themen zum inneren Kern des menschlichen Wesens. In diesem höheren Selbst trägt der Mensch das Potenzial der schöpferischen, Neues hervorbringenden Willenskraft in sich:

Geistiges Blicken
Herzliches Tasten
Erblicke, Ertaste
Im Menschen-Innern
Webende Welten-Helle
In waltendem Erdendunkel:
Mein eigenes
Menschen-Bilde-Kraft
Zeugendes
Krafterschaffendes
Willentragendes
Selbst.

In ihrer vertikalen Spannung vom Einschlag der ersten Zeilen bis zur Verwandlungsdynamik des Willens am Ende beschreibt diese zweite Meditation ein Urbild des Menschen. Verbinden wir uns als Erzieher mit diesem Bild, indem wir es in uns aufbauen und die Umwandlung der beiden Themen durchleben, kann die Wirkung dieser Tätigkeit sich auf unterschiedliche Weise zeigen: Eine erste Qualität wird manchmal schon während oder unmittelbar nach dem Vollzug der Meditation als Gefühl des Bewegt-, Berührt- oder Verwandeltseins erlebbar. Eine tiefere, nachhaltigere Wirkung zeigt sich dort, wo die Berührung und das Bewegen jenes Urbildes in der Arbeit des Schulalltags wieder auftaucht

• in Begegnungen mit Schülern, die uns zunächst vor unlösbare Rätsel stellen,

• im Erleben von Entwicklungssituationen, in denen der Zugang zum Lernen und zur individuellen Hilfestellung noch gesucht wird,

• im Gespräch mit Eltern über solche Entwicklungssituationen,

• oder im kollegialen Ringen um das Verständnis eines Schülers, z.B. in einer Kinderbetrachtung oder einer Klassenkonferenz.

In ihrer vertikalen Bewegung bildet diese zweite Lehrermeditation eine Art Schlüssel zum erweiterten Verständnis des Menschen und befruchtet die tägliche Begegnung mit ihm.

Was einander jetzt als horizontal in der ersten und als vertikal in der zweiten Meditation sich gegenübersteht, bildet in sich selbst wiederum eine Polarität. Zu erforschen wäre, in welchem Zusammenklang eine Steigerung beider möglich ist. Ein verbindender Mittelpunkt in beiden ist auf jeden Fall das Bild des sich entwickelnden Menschen. ‹›

Zum Autor: Claus-Peter Röh war 28 Jahre Klassen-, Musik- und Religionslehrer an der Freien Waldorfschule Flensburg; heute leitet er zusammen mit Florian Osswald die Pädagogische Sektion am Goetheanum in Dornach.

Literatur: R. Steiner: Die geistig-seelischen Grundkräfte der Erziehungskunst, GA 305, Dornach 1991; R. Steiner: Anregungen zur inneren Durchdringung des Lehr- und Erzieherberufes, GA 302a, Dornach 1983; | A. Zajonc: Aufbruch ins Unerwartete, Stuttgart 2014

Hinweis: Vom 6. bis 14. Juli 2019 führt die Pädagogische Sektion am Goetheanum eine Tagung zur Gesamtgestalt des ersten Lehrerkurses durch.

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