Was brauchst Du, um nicht auszurasten?

Von Angelika Ludwig-Huber, Januar 2010

Die Mediatorin und Waldorflehrerin Angelika Ludwig-Huber zeigt in ihrem Beitrag an Praxisbeispielen, wie Schüler in einer Ausbildung zum Streitschlichter den Umgang mit Gewalt und Achtsamkeit lernen.Wie lernen Schüler, durch Konflikte zu führen?

Foto: Matthieu Spohn

Foto: Wolfgang Schmidt

Streitschlichter auszubilden heißt, Schülern zu helfen, sich selbst zu helfen, also sich gegenseitig wahrzunehmen, zu verstehen und aufeinander zu achten – besonders im Konfliktfall. Das geht nicht ohne Interesse am anderen Menschen. Nur ein verstehendes Interesse kann verhindern,dass Gewalt entsteht.
Wenn wir uns klar machen, wie wir selbst reagieren, wenn wir uns ohnmächtig, verunsichert oder gar wertlos fühlen, dann führt uns diese Frage zunächst zu unseren eigenen Gewaltanteilen: dem vorschnellen Urteil über den anderen, dem Zuschreiben von Schuld für irgend etwas …

Gewaltprävention: Verstehen, was in uns vorgeht

Gewaltprävention als eine Aufgabe von Peer-Mediation, also Mediation mit und durch Gleichaltrige, setzt beim eigenen Erleben und Verstehen an, beim Annehmen dessen, was sich in mir und beim Anderen abspielt, wenn wir uns bedroht oder überfordert fühlen.

Streitschlichter lernen mit der Sprache so umzugehen, dass sie für die eigenen wie die fremden Bedürfnisse eintritt. Das kann zum Beispiel bedeuten, einem wütend schreienden Mitschüler zu sagen: »Kann ich etwas für Dich tun? Ich fühle mich nicht wohl, wenn Du schreist.« Statt: »Hör endlich auf mit Deinem ewigen Gekreische!« Wer das für sich selbst gelernt hat, kann Andere unterstützen.

Methoden sind dabei hilfreich, aber nicht das Entscheidende, denn es geht um eine innere Haltung – die Haltung des Verstehen-Wollens, des selbstlosen Interesses »für alles, was Menschen meinen und was an mich herantritt, und wenn ich es noch so sehr für Irrtum halte …« (Rudolf Steiner).

Es geht um ein Verstehen aus dem Herzensbereich, das dem Anderen Wärme und Verständnis entgegenbringt, auch dem vielleicht schwer Verständlichen, um daraus Lösungen für ein Problem zu gewinnen. Wer sich gehört und angenommen fühlt, muss keine Gewalt ausüben, sondern kann reden oder verhandeln über das, was ihm wichtig ist.

Dass dies ein Anliegen unserer Jugendlichen ist, zeigt die Tatsache, dass sich immer mehr junge Menschen in ihrer freien Zeit genau diesem Thema und einer solchen Ausbildung widmen. Befragt nach ihrem Motiv geben sie Antworten wie: »Ich will etwas gegen Gewalt tun. Ich will andere besser verstehen. Ich will mit Konflikten besser umgehen können und anderen genau dabei helfen, wenn das geht. Ich möchte, dass wir friedlicher miteinander umgehen, mehr Respekt füreinander aufbringen…«

Wie kann man Streitschlichten lernen?

14. November 2009: 21 Schüler und Schülerinnen sind es an diesem Samstag, die sich vier Stunden Zeit nehmen. Es ist ein ganz neues Projekt: eine Streitschlichtergruppe mit Schülern aus drei Schulen, die im gleichen Stadtteil von Karlsruhe liegen und zwischen deren Schülern es immer wieder Konflikte, auch gewalthaltige, gab und gibt. Das Projekt, von der Waldorfschule initiiert und geleitet, umfasst Schülerinnen und Schüler aus den Klassen 6-8, also Mittelstufe. Es läuft anders als in einer neunten Klasse, das ist deutlich, aber es läuft auf eine herrlich erfrischende und ursprüngliche Weise.

Was geschieht, wenn ein Seelenzustand sichtbar wird

Wir spielen zu Beginn ein beliebtes Spiel, durch das erlebt wird, was mich mit anderen verbindet: Der Wind weht für alle, die jetzt auch noch – so wie ich – ein bisschen müde sind, oder er weht für alle, die sich mit mir zusammen auf diesen Tag gefreut haben. Oder er weht einfach für alle, die heute rote Schuhe anhaben. Und immer die, die ein gemeinsames Merkmal haben, sausen durch den Raum auf neue Plätze. Es ist Bewegung im Raum– das erfrischt – und wir spüren Gemeinsamkeiten und Unterschiede, und das macht Freude.

Erlebnisse aus dem Alltag rekonstruieren

Dann bitte ich die Schüler, sich Situationen vorzustellen, die sich im Alltag ereignen. Zum Beispiel: »Du betrittst morgens dein Klassenzimmer. Alle Mitschüler verstummen plötzlich, auch Deine Freundinnen wenden sich ab von Dir und würdigen Dich keines Blickes. Keiner sagt etwas. Dir fällt plötzlich ein, dass da gestern etwas Seltsames im Schüler-VZ über Dich zu lesen war …«

Die Schüler sollen sich jetzt als mögliche Betroffene in diese Situation hineinversetzen und sich in einen der Kreise stellen, der ihnen gefühlsmäßig am nächsten kommt in dieser Situation.

Es gibt drei Möglichkeiten, die verschiedene Seelenzustände widerspiegeln:

  1. das ist echt gechillt und ruhig,
  2. das könnte interessant werden, ich fühle mich herausgefordert,
  3. ich fühle mich überfordert und halte das gar nicht aus.

Man kann beobachten, wie sie in sich hineinfühlen und sich dann in den für sie richtigen Kreis stellen. Und sie stehen ganz unterschiedlich. Das ist die erste Überraschung: Gewalt kann unterschiedlich erlebt werden. Dann kommt das Interview: »Warum stehst du da?« Und dann schildern die Schüler, wie es ihnen da geht, wenn sie sich die genannte Situation vorstellen. Im roten Kreis (ich fühle mich überfordert und halte das gar nicht aus) frage ich besonders nach:»Wie fühlt sich das an? Was hättest Du jetzt gebraucht?« Und dann sprudelt es: »Klarheit, worum es geht, Sicherheit, Freunde, Kontakt, Ehrlichkeit, Freunde, Gespräch …«

Wir erzählen weitere Beispiele: »Du hast eine schlechte Mathearbeit geschrieben, obwohl du lange dafür gelernt hast. Ein Mitschüler sagt zu Dir: ›Du bist ja echt ein bisschen beschränkt‹«.

Wieder stehen die Schüler in unterschiedlichen Kreisen: den einen belustigt so eine Äußerung eher, ein anderer lässt das an sich abperlen, eine Dritte steht im roten Bereich und erklärt, sie hätte jetzt Anerkennung,Wertschätzung und vor allem Mitgefühl oder Trost gebraucht, aber nicht so eine Abwertung.

Und so geht es weiter, mit Beispielen, die die Schüler selbst nennen, und sie spüren, wie unterschiedlich sie Botschaften empfangen, wie unterschiedlich sie diese erleben und dass es genau dies anzuerkennen gilt. Dass hier nicht die Frage entscheidend ist, wer »Recht hat«, dass eine ganz andere Frage gestellt werden muss, nämlich:

Wie es sich anfühlt, gedemütigt oder beschuldigt zu werden

Der nächste Schritt ist das bewusste Erleben im roten Bereich: Was passiert da mit mir? »Ich bin wütend, möchte am liebsten abhauen, nichts damit zu tun haben, fühle mich ohnmächtig und – ja – ich könnte sogar zuschlagen.«

Wir merken alle, wie sich das anfühlen kann, wenn ich ausgegrenzt, gedemütigt oder auch beschuldigt werde und wie wenig Möglichkeiten uns zur Verfügung stehen, souverän zu reagieren.Wir können plötzlich gut verstehen,wie es dazu kommen kann, dass jemand schreit oder um sich schlägt – oder auch sich völlig zurückzieht.Das heißt,wir verstehen an dieser Stelle, dass hier Gewaltgefahr besteht, und dass sich Teufelskreise entwickeln können, wenn nicht etwas anderes passiert. Zum Beispiel, dass einer kommt, der sich für mich interessiert und mich verstehen will.

Das Entscheidende ist, dass die Schüler erleben, was jemand, der gerade seelisch in Not ist, eigentlich gebraucht hätte. An diesem Punkt kommen wir auf die elementaren menschlichen Bedürfnisse zu sprechen: Nahrung, Sicherheit, Schutz, Anerkennung, Freunde, Kontakt, Respekt, Trost, Zuneigung, Wertschätzung, Freiheit, Sinn ...

Dieses Nachspüren, wie es sich anfühlt, wenn man sich ohnmächtig oder gedemütigt fühlt, wie das Gefühl in die Fäuste gehen kann oder aber alles in sich zusammenfallen lässt, das ist gemeint mit Verstehen aus dem Herzen heraus. Denn nicht Ächtung von Gewalt alleine hilft aus der Situation heraus, sondern die Fähigkeit, mit der ich (oder ein anderer) dafür sorgen kann, dass diese ungestillten, schreienden Bedürfnisse erfüllt werden können, ohne dass die Beteiligten in die Gewaltspirale geraten.

Wut ausdrücken, ohne herabzusetzen

Ich muss eine Sprache finden, die meine Wut,meinen Ärger ausdrückt, ohne dem Anderen etwas zu unterstellen oder ihn herabzusetzen. Es muss eine Sprache sein, die sich auf den Anderen zubewegt im Sinne eines Dialogs: Ich-Botschaft kann das heißen. Letztlich heißt es zu lernen, ohne Gewalt mein Anliegen achtsam zum Ausdruck zu bringen und mit dem Anderen ins Gespräch darüber zu kommen. Wir probieren das aus und merken schnell, dass es einen Unterschied macht, ob ich sage: »Du Idiot,musst Du immer meine Sachen mit Absicht in den Dreck werfen? « oder: »Ich möchte meine Sachen nicht im Dreck haben, sondern bitte Dich, mir meine Jacke wiederzugeben.« In dem einen Fall habe ich meinem Gegenüber verallgemeinernd etwas unterstellt, im anderen Fall bin ich für mein Bedürfnis eingetreten.

Das muss man üben, und bei diesem Üben erinnern wir uns auch, wie wir selbst irgendwo Gewalt miterlebt, aber auch schon ausgeübt haben. Und darüber wird gesprochen. Nicht im Sinne eines Vorwurfs, sondern mit der Frage, was dieser Mensch in seiner Not gebraucht hätte und wie wir vielleicht hätten helfen können, dies gemeinsam mit ihm zu erforschen und zu artikulieren. Im Spiel versuchen wir, Eingreifmöglichkeiten für solche Situationen zu entwickeln.

Das ist noch ganz schön schwer, aber es ist ja auch erst das vierte Treffen. Eines jedoch ist als Grund gelegt: das Bemühen um Wahrnehmung und Verständnis und das Interesse am anderen, auch demjenigen gegenüber, der gerade so »voll daneben liegt«. Und auf dieser Basis ist Vieles andere dann möglich, aber vor allem eines: Achtsamkeit aus einem verstehenden Herzen heraus.

Link: www.interesse-ev.de

Folgen