Was erwartet die Wirtschaft von Berufsanfängern?

Von Michael Rogowski, Oktober 2011

Wenn gegen Ende der Schulzeit die Entscheidung für eine berufliche Erstausbildung oder einen dualen Studiengang ansteht, ist der Entscheidungsprozess für die jungen Menschen und ihre Eltern nicht so einfach. Was möchte ich gerne machen? Wo sind meine Stärken? Werde ich in dem Beruf erfolgreich sein?

Auch die Firmen, die Ausbildungsplätze anbieten und Bewerbungen erhalten, haben ähnliche Fragen. Hat der Bewerber die Stärken beziehungsweise das Potenzial, das für diese Berufsrichtung entscheidend ist? Wird er erfolgreich die Ausbildung absolvieren? Passt er zu uns?

1. Hürde: Bewerbung

Für Antworten auf diese Fragen und um sich über die Bewerber ein Bild zu verschaffen, vermitteln auch heute noch die schriftliche Bewerbung, die formalen Zugangsvoraussetzungen und das entsprechende Zeugnis einen ersten Eindruck. Generell gilt, dass Noten in Hauptfächern und in auf das spätere Berufsbild bezogenen Schlüsselfächern bei der ersten Sichtung von Bewerbungen eine zentrale Rolle spielen. Noten erlauben einen Rückschluss auf Wissen und Intelligenz sowie auf Fleiß, Engagement, Leistungsbereitschaft, die Fähigkeit zum Denken in Zusammenhängen, Neigungen und Stärken.

Noten sind ein wichtiges Selektionskriterium im Bewerbungsprozess. Je nachdem wie begehrt eine bestimmte Ausbildung ist, desto höher liegt der Notendurchschnitt in den berufsrelevanten Fächern. So liegt zum Beispiel bei der Voith GmbH der Notendurchschnitt bei Bewerbern für das duale Studium als Maschinenbauingenieur bei 2,5 in den Fächern Mathematik und Physik, Deutsch und Englisch.

2. Hürde: Eignungstest und Vorstellungsgespräch

Um den Erfolg einer Ausbildung besser prognostizieren zu können, verwenden viele Firmen heute Testverfahren. In den Testverfahren werden einerseits kognitive Fähigkeiten wie zum Beispiel analytische Fähigkeiten, Denken in Prozessen, Kombinations- und Abstraktionsfähigkeit sowie Selbstmanagement gemessen und andererseits Persönlichkeitsfaktoren wie Frustrationstoleranz, Selbstvertrauen und Zielorientierung.

Während Testverfahren nicht überall eingesetzt werden, führt an dem persön­lichen Vorstellungsgespräch kein Weg vorbei, das heute auch oft in Form eines gemeinsamen Auswahltages durchgeführt wird. Hier geht es darum, den zuvor gewonnenen Eindruck durch vertiefende Fragen – zum Beispiel in Bezug auf die soziale Kompetenz – abzurunden. Dazu gehören das Auftreten, die Zusammenarbeit und der Umgang mit Anderen, persönliche Interessen, Hobbys, das Enga­gement in Vereinen und Institutionen. In dieser Phase spielt auch die Frage, ob der Bewerber und die Firma zueinander passen, eine wichtige Rolle.

Wenn der entsprechende Mix aus fachlichen und sozialen Kompetenzen stimmt, spielt es keine Rolle, aus welchem Schultyp der Bewerber kommt. Ich selbst war Waldorfschüler und habe es – alles in allem – nicht bereut. Zumindest vermute ich, dass gerade dieser Schultyp wesentlich zur Entwicklung einer authentischen Persönlichkeit beitragen kann.

Dr. Michael Rogowski, Vorsitzender des Stiftungsrates der Hanns-Voith-Stiftung, langjähriger Vorsitzender des Voith-Konzerns und ehemaliger Waldorfschüler.

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