Was heißt denn hier frei?

Von Philip Kovce, Juli 2019

Was hat es mit der Freiheit freier Waldorfschulen eigentlich auf sich? Darüber lohnt es sich nachzudenken, wenn man deren 100. Geburtstag nicht nur feiern, sondern auch verstehen will.

Foto: © Juttaschnecke/photocase.de

Wer Rudolf Steiners Lebensgang überschaut, der blickt auf ein Werk, das bereits von Anfang an zu verbinden sucht, was heute noch allenthalben getrennt scheint: Theorie und Praxis. Steiners philosophisches Frühwerk liefert keineswegs bloß die theoretischen Grundlagen einer späteren anthroposophischen Praxis.

Nein, es ist vielmehr selbst schon ein Werk, das – wie es in der »Philosophie der Freiheit« heißt – nicht allein auf den Erkennenden oder Handelnden, sondern auf den »aus Erkenntnis Handelnden« abzielt. Umgekehrt gilt, dass Steiners Spätwerk keine bloße Umsetzung längst erlangter höherer Erkenntnisse darstellt, sondern anhand neuer Aufgaben und Herausforderungen ganz neue Erkenntnisse gewinnt.

Was Steiners Früh- und Spätwerk unterscheidet, ist also nicht die Differenz zwischen Theorie und Praxis; eher ist es die Differenz zwischen »kleiner« und »großer Welt«. In der »kleinen Welt« ist es Steiner, der als Hauslehrer der Wiener Familie Specht erste pädagogische Erfahrungen sammelt und mit seiner »Philosophie der Freiheit« ein Buch schreibt, in dem alles »persönlich gemeint«, nichts »lehrhafter Natur« sowie »willkürlich, ganz individuell manche Klippe übersprungen ist« (so heißt es in einem Brief 1894); in der »großen Welt« geht es Steiner konsequenterweise um die »Freiheitsgestalt des sozialen Organismus« (Wilhelm Schmundt), darum, pädagogische und sonstige freie Initiativen zu fördern, und in Bezug auf seine »Philosophie der Freiheit« betont er nun eine »in sich streng gegliederte Gedankenfolge«, ja einen »gegliederten Organismus«, der dem Leser als je individuelle Selbstschulung »innere Trainierung« abverlange (so heißt es in einem Vortrag 1908).

Zu der »großen Welt« des »sozialen Organismus«, die Steiner besonders nach dem Ende des Ersten Weltkriegs inspiriert, zählt auch das Schulwesen. Steiner unterstützt den Stuttgarter Industriellen Emil Molt bei der Gründung einer »freien Schule« für die Kinder der Arbeiter seiner Zigarettenfabrik. Freiheit heißt für Steiner hier vor allem: Selbstverwaltung der Bildungseinrichtung. Weder Staat noch Wirtschaft hätten über pädagogische Belange zu entscheiden – kein Lehr- und kein Businessplan. Allein das individuelle Urteil der Lehrer sei in pädagogischen Fragen zielführend. Zweifelsohne existieren Schulen nicht im rechts- oder wirtschaftsfreien Raum, doch deren rechtliche und finanzielle Fragen seien von den pädagogischen sauber zu trennen und in einem ebenfalls je selbstverwalteten Rechts- und Wirtschaftsleben zu behandeln. Kurzum: Frei von politischer und ökonomischer Fremdbestimmung, frei zu pädagogischer Selbstbestimmung – das ist es, was »freien Schulen« gemäß Steiner ermöglichen soll, Schüler aus Freiheit, in Freiheit und zur Freiheit zu erziehen.

Sinneserfahrung und Seelentätigkeit

Der institutionellen Selbstverwaltung »freier Schulen« entspricht auf Seiten der Schüler, Lehrer und Eltern deren persönliche Selbsterziehung. Wobei Lehrer und Eltern ihre Selbstschulung in Sachen Erziehungskunst in den Dienst der Schüler stellen, denen sie dabei helfen, ihre Freiheit altersgemäß und individualitätsgerecht zu entfalten. Als entscheidend für die Selbsterziehung der Schüler zeigt sich nicht zuletzt die Bildung der Sinne, deren Tätigkeit »vor und zwischen allen positiven Wissenschaften«, in einem »Niemandsland zwischen den etablierten Disziplinen« (Herbert Hensel) liegt. Jeder einzelne Sinn birgt in sich eine ganz eigene »Philosophie der Freiheit«, die jeweils ein Tor zu ganz bestimmten Selbsterfahrungen öffnet. Bereits ein Kleinkind, das die ersten eigenen Schritte wagt, erlebt die sinnlich vermittelte Freiheit des aufrechten Gangs. Sinnbildung erweist sich in diesem Sinne als Selbstbildung. Sie bildet die Voraussetzungen, Leib und Leben in Freiheit ergreifen zu können.

Sinneserfahrungen sind nicht übertragbar. Sie stellen Erfahrungen dar, die ich zwar anderen mitteilen und bestenfalls sogar mit ihnen teilen kann, die sich aber nicht von dem Selbst ablösen lassen, das sie erfährt. Gleiches gilt für die Seelentätigkeiten Denken, Fühlen und Wollen: Ich kann nicht für andere denken – wohl aber mit ihnen; ich kann nicht für andere fühlen – wohl aber mit ihnen; ich kann nicht für andere wollen – wohl aber ihre Ziele teilen. Schüler darin zu bestärken, mittels Sinnes- und Seelentätigkeiten ein freies Verhältnis zu sich selbst zu gewinnen, das ist hohe Erziehungskunst.

Und wie sieht die dazugehörige Erziehungswissenschaft aus? Sie ließe sich als eine »Wissenschaft in der Du-Perspektive« (Robin Schmidt), als eine Wissenschaft der »Freiheit des anderen« beschreiben. Weit mehr als darum, aus der Es-Perspektive allgemeingültige Schlüsse zu ziehen oder aus der Ich-Perspektive individuelle Urteile zu fällen, geht es ihr darum, das Du tatsächlich als ein Ich wahrzunehmen, das sich selbst gleichermaßen Rätsel und Lösung ist. Es-Perspektive und Ich-Perspektive liefern dafür bestenfalls hilfreiche Indizien, schlimmstenfalls verstellen und verdrängen sie das Ich des Du. Wann immer dies der Fall ist, lässt sich die pädagogische Parzival-Frage: »Was fehlet dir bei der Selbsterziehung?« nicht sinnvoll beantworten.

»Lebendig werdende Wissenschaft! Lebendig werdende Kunst! Lebendig werdende Religion! – das ist schließlich Erziehung, das ist schließlich Unterricht.« So formuliert es Rudolf Steiner in seiner Ansprache zur Eröffnung der ersten Freien Waldorfschule 1919. Wissenschaft, Kunst und Religion werden lebendig, wenn an die Stelle von Theorien, Stilen und Dogmen der Forschungsdrang, die Gestaltungskraft und die Ich-Bildung des Einzelnen treten und sich im Rahmen »freier Schulen« frei entfalten können. Solange dieses Freiheitsversprechen von freien Waldorfschulen immer wieder eingelöst wird, wird deren Zukunft jedes Jahr aufs Neue wieder eingeschult werden.

Zum Autor: Philip Kovce ist Ökonom und Philosoph. Er forscht am Basler Philosophicum sowie an der Universität Witten/Herdecke und gehört dem Think Tank 30 des Club of Rome an.

Dieser Beitrag ist die Zusammenfassung einiger Motive, die der Autor im Rahmen zweier Vorträge im April 2019 an der Freien Waldorfschule Uhlandshöhe Stuttgart entfaltet hat.

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