Was ist das Religiöse in der Erziehung?

Von Stefan Grosse, Dezember 2018

Das Religiöse wird seit geraumer Zeit als Privatsache behandelt, weil es auf den Bekenntnisinhalt und Glauben des Einzelnen reduziert wird. Damit verschiebt man das Religiöse ebenso ins Private, wie den Musikgeschmack oder kulinarische Präferenzen und verwehrt ihm mehr und mehr eine kulturfördernde Bedeutung in der Gesellschaft. Diese Reduktion spiegelt ein zu eng gefasstes Verständnis des Religiösen wieder.

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Was hier in den Blick genommen werden soll, könnte man auch nennen: die Entwicklung des freien und ethischen Handelns. Ganz bewusst soll dies aus dem bekenntnishaften Kontext herausgelöst und trotzdem als religiös bezeichnet werden. An einer biografischen Episode Albert Schweitzers soll das Gemeinte geschildert werden. Albert Schweitzer, mit 24 Doktor der Theologie, mit 27 Professor in Straßburg, verfasste einen Überblick über die Leben-Jesu-Forschung und erkannte, dass sie ihren Forschungsgegenstand verloren hatte. Er sah wohl, dass es gelungen war, die Gestalt Jesu aus der Überfrachtung von Dogmatik und Mythenbildung zu befreien und ihr bis zu einem gewissen Grad wieder Leben einzuflößen, aber ihm wurde auch klar, dass man insgesamt nicht mehr erkannt hatte, als was man über einen beliebigen Bewohner Palästinas zur Zeitenwende erfahren konnte. Die Forschung, so Schweitzer, »löste die Bande, mit denen er seit Jahrhunderten an den Felsen der Kirchenlehre gefesselt war, und freute sich, als wieder Leben und Bewegung in die Gestalt kam, und sie den historischen Menschen Jesus auf sich zukommen sah. Aber er blieb nicht stehen, sondern ging an unserer Zeit vorüber und kehrte in die seinige zurück. Das eben befremdete und erschreckte die Theologie der letzten Jahrzehnte, dass sie ihn mit allem Deuteln und aller Gewalttat in unserer Zeit nicht festhalten konnte, sondern ihn ziehen lassen musste.« Mit anderen Worten: Diese Art von Theologie führte nicht zu einem Erleben des Wirkens Christi in der Gegenwart.

Für Schweitzer lag darin die Weichenstellung, dass die Begegnung mit dem lebendigen Christus der Gegenwart nicht länger in der Theologie, sondern im freien und ethischen Handeln als Arzt in Lambarene zu suchen sei.

In einer späteren Überarbeitung seines Werkes ergänzt er: »Im letzten Grund ist unser Verhältnis zu Jesus mystischer Art. Keine Persönlichkeit der Vergangenheit kann durch geschichtliche Betrachtung oder durch Erwägungen über ihre autoritative Bedeutung lebendig in die Gegenwart hineingestellt werden. Eine Beziehung zu ihr gewinnen wir erst, wenn wir in der Erkenntnis eines gemeinsamen Wollens mit ihr zusammengeführt werden. … Als ein Unbekannter und Namenloser kommt er zu uns, wie er am Gestade des Sees an jene Männer, die nicht wussten, wer er war, herantrat. Er sagt dasselbe Wort: Du aber folge mir nach! und stellt uns vor die Aufgaben, die er in unserer Zeit lösen muss. ... Und denjenigen, Weisen und Unweisen, welche ihm gehorchen, wird er sich offenbaren in dem, was sie in seiner Gemeinschaft an Frieden, Wirken, Kämpfen und Leiden erleben dürfen, und als ein unaussprechliches Geheimnis werden sie erfahren, wer er ist.« Hier wird nun vollends deutlich, dass Schweitzer zwar ein religiös motiviertes, jedoch nicht mehr ein an Bekenntnisse gebundenes Handeln meint.

Die Gefühlsgrundlage der Religion – Hingabe und Vertrauen

Um das Ausbilden dieses freien Handelns geht es, und es sei religiös genannt, auch wenn die Wortwahl ungewohnt erscheinen mag. Für die Erziehung stellt sich die Frage, wie und unter welchen Bedingungen sich die Fähigkeit zum freien und ethischen Handeln entwickelt. Das Religiöse ist in erster Linie ein tiefsitzendes Gefühl, das stark mit dem Seins-Empfinden und dem Gemüt verbunden ist. Es erfährt in der Entwicklung des Kindes und des Jugendlichen im Wechsel Phasen der Apparenz und Latenz.

Das Religiöse ist die gefühlte Gewissheit, dass höhere Kräfte als die natürlichen und weisere als die menschlichen in der Welt wirken, und es ist der Wunsch, sich mit ihnen zu verbinden. Es ist die Gewissheit, dass die Welt zu einem beträchtlichen Teil von diesen Kräften gestaltet wird, und die Annahme, dass durch sie eine Entwicklung zum Guten hin möglich ist. Dieses Gefühl gibt Lebenssicherheit und Geborgenheit. Es nimmt die Angst und den Zweifel. Es ist das Grundgefühl des seelisch gesunden kleinen Kindes und auch noch des Schulkindes. Aus diesem Gefühl des Vertrauens und der Hingabe ahmt das kleine Kind die Menschen nach.

Vertrauen und Hingabe sind im Kern religiöse Gefühle. Im Nachahmen ist das Kind mit allen Sinnen an die Welt hingegeben in der Grundannahme, dass sie gut sei. Das Kind lebt ein sinnliches Frommsein. In der Hingabe an die Welt lebt eine unausgesprochene und untergründige Geste der Dankbarkeit, die mit geringem Aufwand vom Erzieher in ein artikuliertes Danksagen übergeführt werden kann, was eine hohe Bedeutung für das Kind hat, denn es lernt dadurch, seiner Empfindung angemessen Ausdruck zu verleihen.

Es gibt jedoch auch eine der Hingabe entgegenwirkende zweite Kraft in der frühen Kindheit. Anders als das zuerst beschriebene Lebensgefühl, das sich eher in einem gleichmäßigen Dahinströmen entfaltet, tritt diese Kraft als Einschlag auf. Die hier gemeinte Persönlichkeitskraft beginnt in dem Augenblick, in dem das Kind zu sich »ich« sagt. Von diesem Moment an entsteht die Fähigkeit der Erinnerung, die von nun an einen stetig wachsenden abgeschlossenen Innenraum in der Seele ausbildet. Auch hier hilft das Danken, indem es immer wieder das Heraustreten aus diesem Innenraum in die Welt ermöglicht.

Die große Ernüchterung – Rubikon

Die religiöse Empfindung der Hingabe an die Welt ebbt entwicklungsbedingt ab, der seelische Innenraum und das Vorstellungsleben nehmen zu, was schließlich zur Schulreife führt. In dieser Zeit tritt das Religiöse in eine gewisse Latenz, erscheint jedoch in der Mitte der Kindheit mit einer gewandelten Fragestellung neu.

Wie schon im dritten Lebensjahr, wenn durch das Ich-Sagen einschlagartig ein Persönlichkeitsimpuls auftritt, so auch wieder um das zehnte Lebensjahr: Es gibt einen stillen Moment in der Kinderseele, in dem sie zum ersten Mal und von da an immer deutlicher fühlt, dass Ich und Welt nicht eins sind, dass das eigene Seelenleben von ganz anderer Art ist als die Natur und auch das Seelenleben der Mitmenschen. Dieses Ereignis ist eigentlich das Ende der Märchenwelt-Kindheit und so unumkehrbar, wie es einstmals für Cäsar das Überschreiten des Grenzflusses Rubikon mit bewaffneten Truppen für ihn und die römische Republik war, weshalb man gewohnt ist, unumkehrbare Ereignisse Rubikon zu nennen – eine Bezeichnung, die Rudolf Steiner für diesen Moment der Kindheit in die Pädagogik eingeführt hat.

Nun entsteht für das Kind die drängende Frage: »Wie ist meine Teilhabe an der Welt, am gemeinschaftlichen Leben und an der Natur?« Es bildet sich wieder eine »religiöse« Frage aus: Wem kann ich mich anvertrauen, damit er mich in die Welt einführt, mir den richtigen Weg weist? Und: »Leben die Kräfte, die in meiner Seele sind, auch in der Welt?« Für diese eminent wichtigen Fragen sucht sich das Kind seinen persönlichen Begleiter aus, nicht mehr irgendeinen, sondern jemanden, von dem es spürt, dass er souverän im Leben steht, auch und nicht zuletzt deshalb, weil er seinen Leitstern gefunden hat, zu dem er aufblickt, so wie das Kind zu seinem Begleiter aufblickt. Um was es hier für das Kind geht, sei an zwei gegensätzlichen Anekdoten veranschaulicht.

Der irische Schriftsteller Frank McCourt erzählt in seiner Autobiografie »Die Asche meiner Mutter«, wie er in der Zeit vor seinem zehnten Lebensjahr, immer dann, wenn er das häusliche Elend, das durch Armut, den trinkenden Vater und die ständig kranke Mutter entstand, nicht mehr ertrug, in den stinkenden, heruntergekommenen Hausflur ging und sich auf die siebte Treppenstufe setzte. Die elende Umgebung nahm er nicht wahr, denn auf der siebten Stufe kam der Engel und sprach zu ihm, tröstete ihn und schenkte ihm Licht. Das half immer. Als er zehn geworden war, änderte sich das schlagartig. Es war zu Hause wieder eine Situation eingetreten, die ihn ins Treppenhaus trieb. Wie gewöhnlich saß er auf der siebten Stufe – aber der Engel kam nicht! Im Gegensatz zu früher roch er jetzt den Gestank und sah, wie baufällig das Haus war. – Der Rubikon war überschritten, aber da war niemand, der ihm das Gefühl von Lebens­sicherheit und Vertrauen in die Welt geben konnte.

Über den Komponisten Jean Sibelius wird folgende Anekdote kolportiert: Sibelius komponierte gerne abends und rauchte dabei Zigarre. Die Töchter konnten nicht einschlafen, weil sie Fragen über »Gott und die Welt« umtrieben. Immer wieder gingen sie zum Vater und rissen ihn mit ihren Sorgen aus dem künstlerischen Schaffen.

Anfänglich noch geduldig, beantwortete er ihre Fragen, so gut er konnte. Als sie ihn wieder störten und die Frage stellten: »Was ist hinter dem Ende der Welt?«, antwortete Sibelius liebevoll, aber leicht gereizt: »Da sitzt der Vater und raucht Zigarre.« Das war die entscheidende Antwort! Sie gab die ersehnte Sicherheit, und die Kinder konnten beruhigt einschlafen.

Remo Largo hat den Erfolg pädagogischen Handelns einmal lapidar mit dem Satz umrissen: »Beziehung kommt vor Erziehung«. Diese Wahrheit lässt sich an der Sibelius-Anekdote treffend ablesen. Wenn es sich für das Kinderschicksal glücklich fügt, und sich zwischen dem Kind und dem Erwachsenen eine ungetrübte Zuneigung entwickeln kann, dann liegen darin die stärksten Kräfte der Seelenentfaltung. Kein Ehrgeiz, kein Neid, keine Gewalt, keine Angst vermögen Vergleichbares zu leisten. In einer mittlerweile vielleicht etwas altertümlich anmutenden Sprache könnte man diese Kraft die reine, von allen denkbaren Konnotationen freizusprechende Liebe nennen. Sie muss ein Kind im Rubikon erfahren, um Lebenssicherheit ausbilden zu können. Auch dieses Gefühl kann man religiös nennen.

Der zweite Rubikon – das zwölfte Lebensjahr

Mit 12 gibt es nun einen starken Rückbezug auf die Zeit des Rubikons, sozusagen mit umgekehrten Vorzeichen: Das Erlebnis und Bewusstsein, dass die Naturgesetze in mich und mein Seinsgefühl in nicht geringem Umfang hineinragen. Äußere physikalische und chemische Abläufe spielen sich in mir ab und bestimmen das Erlebnis meiner Kraft (Hebelgesetze in den Gliedmaßen), oder meines Wohlbefindens (Metabolismus der Leber, des Blutes), oder meines Orientiertseins (Akkommodation der Linse, Gleichgewichtsorgan im Innenohr). In der Regel ergreift ein gesunder Zwölfjähriger mit Begeisterung den neuen Blick auf die Natur.

Sehr latent und sehr allmählich bildet sich aber eine kaum artikulierte und in diesem Lebensalter nur schwer artikulierbare Frage heraus: Die Natur unterliegt den Naturgesetzen. In ihnen können keine moralischen Kräfte wirken. Auch im Menschen wirken die Naturgesetze. Bestimmen diese Gesetze auch meine Seele? Ist die Seele ein Stoffwechselprodukt, das Ergebnis chemischer Reaktionen? Gibt es mich als Individualität überhaupt, oder ist das Ich ein Märchen, eine Täuschung, hervorgerufen von Stoffwechselvorgängen im Gehirn?

In diesem Moment liegt eine mögliche Bruchstelle der Biografie mit Bezug auf das Religiöse: Das gesamte Seinsgefühl kann in diesem Moment eine Weichenstellung hin zu einem existenziellen Reduktionismus erfahren. Mit existenziell ist gemeint, keine argumentierte, sondern die gelebte Weltsicht: Mit dem Urknall fing alles an und mit dem Wärmetod wird alles enden; der Mensch ist ein intelligentes Tier, das aus dem Kampf ums Dasein und zufälligen Mutationen so geworden ist, wie es geworden ist.

Mit 12 Jahren wird diese Weltanschauung selbstverständlich nicht begrifflich expliziert, aber die Abzweigung kann an dieser Stelle geschehen. Warum? Weil in der Rubikonzeit eine Erfahrung gefehlt hat und deshalb nicht zur Gewissheit werden konnte: die Erfahrung, dass Menschen sich gegenseitig Sicherheit und Halt geben können, dass eine Seelenkraft für den Menschen bedeutungsvoller ist als alle Naturkräfte – die Liebe.

Wiederaufgang des Religiösen in der Oberstufe

Mit der Oberstufenzeit beginnt wieder eine Latenzphase des religiösen Stromes. Die Urteilsreife wird ausgebildet. Der reiche Bilderschatz der Unterstufe aus Märchen, Mythen, Sagen und Geschichte lebt wieder auf. Nun werden die Bilder verstanden, gedeutet und Ideen und Ideale aus ihnen entwickelt. Aber je schärfer der Verstand die Welt durchdringt, desto drängender rückt für den reifen Oberstufenschüler die Frage ins Bewusstsein: Welche Bedeutung hat der kleine Mensch auf dem Sandkorn Erde in einem unermesslichen Kosmos, dessen zentrifugale Kräfte diesen immer weiter auseinandertreiben?

Hier ereignet sich der dritte Impuls der Persönlichkeitsverdichtung. Dieses Erlebnis birgt die Gefahr der Dissoziation von Ich und Welt. Im Lehrplan der 11. Klasse – dies sei pars pro toto zu der Art, wie der Lehrplan die Fragestellungen der Entwicklung des Individuums erfasst, angeführt – sind deshalb ursprünglich zwei Epochen angesetzt, die die latenten Lebensfragen aufgreifen: Astronomie und Parzival; die großartige Ordnung des Kosmos in der Astronomie und die sinnvolle, weise gelenkte Entfaltung der Biografie im Parzival, die zur Erkenntnis führt, dass das Menschenleben sich sinnstiftend in das Weltganze einfügen kann. Die Suche nach den Impulsen der eigenen Biografie endet dann nicht in dem Erlebnis der Nichtigkeit des Menschenlebens, sondern führt zu der Frage: Was will ich in der Welt bewirken?

In dem Moment vollzieht sich in der Biografie des Jugendlichen statt der Dissoziation von Ich und Welt der Entschluss, die gefassten Ideale in Freiheit handelnd in der Welt zu realisieren. Das ist das ethische Handeln. Es entspringt nicht Geboten und sittlichen Normen, sondern der freien Individualität. Dieses Handeln ist nicht egoistisch und hat den Fortschritt des Ganzen im Blick. Von seiner ganzen Intention her ist es einem höheren Ziel verpflichtet – mit einem Wort: religiös. Welches Bekenntnis und welche Organisation den Rahmen hierfür setzen, ist nicht von zentralem Interesse, auch nicht, ob es Einrichtungen dafür überhaupt braucht. Die kulturstiftende Bedeutung dieser Art von »religiösem« Handeln kann allerdings kaum in Zweifel gezogen werden. Ob man hier an den 24-jährigen Boyan Slat mit seinem Ocean-clean-up-Projekt, an Wangari Maathai und das Green Belt Movement oder an eine Stella Deetjen mit ihrer Straßenklinik für Leprakranke denken mag – der Beispiele, bei denen junge Menschen, aus ihren Idealen handelnd, die Welt nachhaltig verbessert haben, gibt es unzählige.

Das Religiöse in der kindlichen Entwicklung erscheint als sinnliches Frommsein in der Hingabe an die Welt beim kleinen Kind, als Sympathiegeste in der Beziehung zum geliebten und geachteten Erwachsenen beim jüngeren Schulkind und als freies ethischen Handeln aus Erkenntnis und daraus entwickelten Idealen beim reifen Jugendlichen.

Zum Autor: Stefan Grosse ist seit 1984 Klassenlehrer und Lehrer für freien Religionsunterricht an der Freien Waldorfschule Esslingen. Mitglied im internationalen und im deutschen Religionslehrergremium. Seit 2014 Vorstandsmitglied des Bundes der Freien Waldorfschulen

Literatur: A. Schweitzer: Gesammelte Werke Bd. III, München 1974 | R. Steiner: Erziehung zum Leben, Selbsterziehung und pädagogische Praxis, GA 297a, Dornach 1998 | R. Steiner: Die gesunde Entwicklung des Menschenwesens, eine Einführung in die anthroposophische Pädagogik und Didaktik, GA 303, Dornach 1987 | F. McCourt: Die Asche meiner Mutter, München 2013

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