Was ist und was soll Ethik heute?

Von Marcus Andries, April 2016

Ob im Straßenverkehr, in der Politik, im Journalismus, in der Wirtschaft oder sogar in der Justiz, überall wird ein zunehmender Moralverlust beklagt. Gleichzeitig wird der gesellschaftliche Ruf nach Ethik immer lauter: Man fordert ein Ethos für Unternehmen, für Manager, für Banker … Ethikkommissionen erleben in den verschiedensten Zusammenhängen einen ungeahnten Aufschwung.

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Wertewandel

Die Postmoderne mit ihrem Pluralismus und die zunehmende Differenzierung und Individualisierung aller Bereiche des gesellschaftlichen Lebens – »anything goes!« – bietet der These vom sich beschleunigenden Verfall der Moral mannigfache Angriffspunkte. Als Konsequenz fragt sich mancher, ob Individualisierung grundsätzlich mit einem Verfall der Moral einhergeht. Vielleicht handelt es sich aber auch gar nicht um einen Verfall, sondern um einen notwendigen Wandel der Moralvorstellungen im Zuge der stetigen Modernisierung der Gesellschaft.

Dass sich Werte und Sitten tatsächlich immer wandeln, lehrt die Historie. Manchmal geschieht das unter lautem Getöse, zum Beispiel bei Revolutionen, häufiger allerdings langsam, schrittweise und für die allermeisten Betroffenen eher unmerklich in einer Art Evolution. Für die nachkommende Generation erscheint ein solcher Wandel dann häufig als Selbstverständlichkeit.

Begriff, Anspruch und Reichweite der Ethik

Ethik ist nicht gleich Moral. Vielmehr ist Ethik gegenüber der Moral als gelebter Sittlichkeit einer Gesellschaft oder eines Kulturkreises auf einer übergeordneten Ebene angesiedelt: Sie ist das Nachdenken über Moral und wird als Teildisziplin der Philosophie auch als Moralphilosophie bezeichnet. Ethik hat also Moral zum Gegenstand, wobei Moral den Komplex von Handlungsregeln und Wertmaß­stäben bezeichnet, der von einem Menschen oder einer Gesellschaft als gut und richtig anerkannt wird. Ethik in diesem Sinne bezeichnet eine Wissenschaft, in deren Zentrum das systematische Generieren, Überprüfen und Begründen von Moralprinzipien oder normativen Aussagen steht (wissenschaftliche Tätigkeit der Reflexion).

Andererseits werden mit dem Begriff »Ethik« aber auch fertige Konzeptionen von Moralprinzipien bezeichnet (inhaltlich in sich abgeschlossene Gedankengebäude). So spricht man beispielsweise von der »Kantischen Ethik« oder der »Utilitaristischen Ethik«. Ethik als Wissenschaft und als Gedankengebäude ist theorieorientiert, Moral dagegen ist handlungsorientiert. Das Handeln gemäß den von einer bestimmten Ethik aufgestellten Prinzipien führt dann zu einem moralisch richtigen Handeln nach der Auffassung dieser Ethik und in Abhängigkeit von deren Prämissen und Prioritäten hinsichtlich gewisser Werte.

Die philosophische Ethik versucht systematisch und rational argumentierend Antworten auf die Frage zu finden »Wie soll gehandelt werden?« (Sozialethik) oder »Wie soll ich handeln?« (personale Ethik).

Ethik umfasst neben einer Theorie moralischer Normen eine Konzeption gelungenen, glücklichen Lebens. Soweit es sich nicht um die bloß beschreibende Ethik handelt, sondern um die vorschreibende, normative Ethik, worunter die eigentliche Moralphilosophie verstanden wird, versucht sie ihrem Anspruch nach allgemeingültige Begründungen, im besten Falle sogar universell gültige Prinzipien für das sittlich richtige Handeln der Menschen zu entwickeln.

Ihr normativer Charakter drückt sich im Status ihrer Aussagen aus: Dieser kann von Ratschlägen wie bei der Aristotelischen Strebensethik bis hin zu unbedingten Imperativen wie bei der Kantischen Pflichtethik reichen.

Zwei zentrale Grundbegriffe der Ethik als Wissenschaft sind »Wert« und »Norm«. Unter Werten versteht die Ethik materielle oder ideelle Güter, also etwas, das es zu schützen gilt, wie das menschliche Leben oder die Wahrheit. Normen hingegen sind Handlungsvorschriften, die in imperativischer Form »Du sollst …!« angeben, wie mit dem jeweiligen Gut umzugehen ist. Im Beispiel »Du sollst nicht töten!« ist der zugrunde liegende Wert das menschliche Leben, von dem es heißt, dass es zu erhalten sei. Der Norm »Du sollst nicht lügen!« liegt die Wahrheit als Wert zugrunde, die, so die Vorschrift, immer gesagt werden soll.

Jede ethische Norm bezieht sich auf einen oder mehrere Werte. Einem System von Normen liegt ein Wertesystem zugrunde, das immer hierarchisch geordnet ist. Bewusst oder unbewusst werden Werte immer priorisiert – spätestens wenn gehandelt werden muss –, so dass es einen obersten Wert gibt, der an der Spitze des Wertesystems steht, wie im deutschen Grundgesetz die von Immanuel Kant her begründete Würde des Menschen, der alle anderen Werte (Freiheit, Selbstentfaltung usw.) nachgeordnet sind. Ein solcher oberster Wert könnte aber auch das menschliche Glück sein.

Im Unterschied zu Rechtsnormen, deren Erfüllung durch Androhung von Sanktionen erzwingbar ist, erwachsen Verbindlichkeiten in der Ethik immer nur aus Selbstverpflichtung, welche die freie Einsicht in die jeweiligen vernünftigen Gründe für diese Verbindlichkeiten voraussetzt. Andernfalls handelte es sich um einen Zwang durch Konventionen oder Gepflogenheiten. Dabei gilt stets, dass ethische Normen nur innerhalb des herrschenden Rechts einer Gesellschaft Geltung beanspruchen können. In Deutschland gibt vor allem das Grundgesetz diesen äußeren Rahmen vor, zu dem an erster Stelle das klare Bekenntnis zu den unveräußerlichen universalen Menschenrechten gehört. Innerhalb dieser Leitplanken können sich der ethische Diskurs und das aus diesem entspringende moralische Handeln der Menschen entfalten. Gleichwohl ist es in offenen und demokratischen Gesellschaften in der Regel so, dass die mehrheitlich herrschenden Moralvorstellungen durch die Legislative zeitverzögert zum geltenden Recht umgeschmolzen werden und dieses damit ein Spiegel der gelebten Moral einer Gesellschaft darstellt.

Selbst in unserem Grundgesetz verankerte Werte können mit wenigen Ausnahmen von einer Zweidrittelmehrheit des Bundestages und des Bundesrates geändert werden und somit einen zum Teil tiefgreifenden Wertewandel dokumentieren.

Die ethische Praxis

Immer dann, wenn es einen endlich großen »Kuchen« zu verteilen gilt, kommt es zu Interessenskonflikten. Verschiedene Positionen konkurrieren miteinander aufgrund verschiedener Wertesysteme und -hierarchien sowie aufgrund verschiedener, geltend gemachter Normen. Hier tritt die Ethik auf den Plan, häufig in Form von Ethikkommissionen, welche für die verschiedensten Auftraggeber ethische Expertisen zu verfassen haben. Ihre Aufgabe besteht in solchen Situationen darin, rationale und gerechte Kriterien zu entwickeln, nach denen die betroffenen materiellen Güter (Ressourcen) oder ideellen Güter (Rechte) zu verteilen sind. Im Aufeinanderprallen insbesondere von Partikularinteressen (einzelner Bürger) und Gemeinwohlinteressen (der Gesellschaft) muss ein Ausgleich für erzwungene Nachteile oder Schäden nach ethischen Kriterien definiert werden. Zu einer systematischen, ethischen Fallanalyse gehören folgende Schritte: 1. Situationsanalyse, 2. Interessen­analyse, 3. Werte- und Normenanalyse, 4. Güterabwägung und ethisches Urteil.

Zum Verhältnis von Ethik und Religion

Im Unterschied zur Religion sucht und begründet die Ethik Handlungsgrundsätze nicht vor dem Hintergrund einer obersten Autorität oder Instanz (Gott, Gewissen), auf der Grundlage von Offenbarungen (Heilige Schriften) oder der Tradition (Auslegungen). Alleiniges Kriterium für die Überzeugungskraft ethischer Prinzipien und Argumentationen ist in der Moralphilosophie die Vernunft des Menschen. Diesen Anspruch vertritt schon Sokrates, mit dem die abendländische Moralphilosophie anhebt, indem er stets die ausschließliche Orientierung am Logos geltend macht.

Immanuel Kant bezeichnet die Vernunft als den »letzten Probierstein der Wahrheit« und versteht unter dem aufgeklärten Selbstdenken, diesen letzten Probierstein in sich selbst zu suchen. In der Moderne hört sich die gleiche Stoßrichtung, formuliert von Jürgen Habermas, so an: Die Rationalität habe sich in einem herrschaftsfreien Diskurs als »eigentümlich zwangloser Zwang des besseren Arguments« zu entfalten.

Ethik versteht sich als weitestgehend voraussetzungsfrei und weltanschauungsneutral und insofern als ein allgemeinmenschliches Unternehmen. Nur weitestgehend deshalb, weil Ethik nicht absolut voraussetzungsfrei ist. Die Verpflichtung zur Rationalität als methodische Forderung der Ethik nimmt tatsächlich den Status eines Postulats ein, man kann es mit Kant das Postulat der Vernunft nennen oder auch das Aufklärungspostulat. Außer dem Vernunftpostulat gibt es in einer Art schmalem Seitenweg der Ethik noch gewisse Postulate der sogenannten Gefühlsethiken. Allerdings kommt dem Vernunftpostulat insofern eine herausgehobene Stellung zu, als eine Gesellschaft ohne verbindliche Normen, d.h. rationale Prinzipien bisher nicht funktioniert und weil das Aufklärungspostulat dasjenige Postulat darstellt, welches die größte interpersonale und interkulturelle Geltung beanspruchen kann.

Wie in den Religionen darf auch in der Ethik »geglaubt« werden. In der Ethik werden die »Glaubenssätze« in Form von Thesen aufgestellt. Da Ethik aber den Anspruch einer Wissenschaft erhebt, ergibt sich die Forderung, diesem Geglaubten das bloß Bekenntnishafte dadurch zu nehmen, dass man es mit guten Argumenten zu begründen versucht. Diese Form von »Glauben« in der Philosophie nennt Kant »Vernunftglauben«.

Ethik im Schulunterricht

Die Begründungsdimension macht das Spezifische des Philosophierens und damit auch der Ethik aus. Hieraus erklären sich auch die zentralen Ziele und Kompetenzen für den Ethikunterricht in der Schule: Neben dem ethischen Wahrnehmungsvermögen sind das vor allem die Argumentationsfähigkeit und die Urteilskraft. Es geht darum, ethische Konflikte zu erkennen, festzustellen, worin sie genau bestehen und welche Interessen und Werte berührt sind. In der situativ sachgerechten Gewichtung der betroffenen Werte und Normen ist dann ethische Urteilskraft gefordert.

Aus dem Selbstverständnis des Faches Ethik ergibt sich, dass es nicht darum gehen kann, instruktiv Werte zu vermitteln oder die Schüler moralisch zu ertüchtigen. Unmittelbar in eine bestimmte Richtung moralisch zu erziehen, verbietet sich schon aufgrund der Neutralitätsverpflichtung des Unterrichtenden sowie wegen des pädagogischen Überwältigungsverbotes. Moralische Erziehung von einem einzelnen Fach zu erwarten, wäre im Übrigen realitätsfern – dies gelingt bekanntlich nur durch die Wirkung des ganzen moralischen Umfelds von Schülern.

Mit dieser Auffassung vom dem, was Ethikunterricht leisten kann, ist allerdings ein Wagnis verbunden: Es gibt keine Garantie dafür, dass Schüler durch Ethikunterricht zwingend zu moralisch besseren Menschen werden – Ethikunterricht macht Ernst damit, dass auch moralische Bildung immer nur Selbstbildung bedeuten kann. Sie kann nur aus freiem, innerem Antrieb heraus entwickelt werden. Dies setzt Vertrauen seitens des Lehrers voraus.

Ethik als säkularer Humanismus bedeutet insofern eine Freiheitserfahrung. Einen Sinn muss jeder Schüler sich und seinem Leben – wenngleich unter behutsamer Begleitung durch den Lehrer – allmählich durch eigene Suche selbst geben. Das ist der notwendige Preis der Freiheit.

Plädoyer für einen säkularen Ethikunterricht für alle

In öffentlichen Debatten wird heute zu Recht vermehrt ein besonderes Augenmerk auf die ethischen Aspekte der gesellschaftlichen Probleme gerichtet, wobei die Hauptprobleme der Gegenwart nicht wirtschaftlicher, sondern sozialer und moralischer Natur sind. Der neoliberale Traum ist geplatzt: Auf die sich angeblich zum Wohle Aller selbstregulierenden Kräfte der unsichtbaren Hand des freien Marktes ist kein Verlass.

Aber auch eine vom Staat von oben verordnete Ethik hat bisher immer zu Unterdrückung und oder in eine Katastrophe geführt. Man denke beispielsweise an die rassistische NS-Ethik des III. Reichs, die »ideale« sozialistische Ethik Mao Zedongs, welche die Große Proletarische Kulturrevolution getragen hat, oder die wahhabitische, fundamentalistisch-islamische Ethik Saudi Arabiens und des IS. Ethiken dieser Art, welche antihumanistische, menschenrechtsfeindliche und radikal-dogmatische Züge tragen, werden zwar üblicherweise als Ideologien bezeichnet, entsprechen aber der Definition von »Ethik« als einem abgeschlossenen Gedankengebäude von Moralprinzipien.

In Zukunft muss zivilgesellschaftlich von unten an einer neuen Ethik gearbeitet werden, welcher als Perspektive für jeden Einzelnen Rudolf Steiners Ethischer Individualismus (»Die Philosophie der Freiheit«, GA 4) dienen kann.

Voraussetzung dafür ist allerdings ein noch viel stärkeres ethisches Bewusstsein und eine stärker ausgeprägte ethische Urteilskraft bei allen Mitgliedern unserer Gesellschaft, insbesondere aber in der nachfolgenden Generation, welche unsere Zukunft gestalten wird.

Außerdem mangelt es vielfach an fundierter, ethischer Bildung. Mir scheint deshalb die Forderung wohl begründet zu sein, dass alle Schüler, auch diejenigen, welche einen Religionsunterricht besuchen, in einem weltanschaulich neutralen Fach »Ethik« an der Schule die Möglichkeit erhalten sollten, systematisch und intensiv über die Fragen des sittlichen Handelns des Menschen nachzudenken.

Dazu bedarf es der Muße und eines interdisziplinären Denkens in Zusammenhängen.

Zum Autor: Dr. Marcus Andries unterrichtet Philosophie, Ethik, Mathematik und Klettern am Gymnasium Haigerloch (Baden-Württemberg). Außerdem ist er als Lehrbeauftragter für Philosophie/Ethik am Staatlichen Seminar für Didaktik und Lehrerbildung (Gymnasien) in Rottweil tätig.

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