Keine Schule – Bunte Schule. Ein waldorf-sozial-pädagogisches Angebot in Dortmund

Von Antje Bek, Oktober 2020

Mitten in Dortmund, in der »Nordstadt« befindet sich eine waldorfpädagogische Einrichtung, die von Kindern im Alter von sechs bis zwölf Jahren besucht wird, deren Eltern nach Deutschland migriert sind. Die meisten sind erst seit ein, zwei oder drei Jahren hier und kamen ohne jegliche deutschen Sprachkenntnisse an. Sie stammen aus Marokko, Spanien, Syrien oder Rumänien. Sie sind vor dem Krieg geflohen oder suchen hier nach besseren Lebensbedingungen – vor allem auch für ihre Kinder.

Ausflug in die »Bolmke« – Waldgebiet in Dortmund. Foto: © Bunte Schule Dortmund.

Als die Initiatoren, Lehrer und Eltern, das Interkulturelle Familienhaus »Bunte Schule« gründeten, war von vornherein klar, dass die Grundlage für die Arbeit mit den Kindern die Waldorfpädagogik sein sollte. Da wir ein möglichst niederschwelliges, freiwilliges Angebot im Nachmittagsbereich schaffen wollten, stellte sich uns immer wieder die Frage, was denn eigentlich den Kern der Waldorfpädagogik ausmache. Waldorfpädagogik wird ja in der Regel mit Institutionen wie Kindergarten und insbesondere Schule in Zusammenhang gebracht und erzeugt dadurch Vorstellungen, die auf unsere Einrichtung nicht zutreffen konnten. Keine lasierten Klassenräume, keine homogene Altersgruppe, keine verpflichtende tägliche Anwesenheit, sondern Freiwilligkeit in jeder Hinsicht, kein Epochenunterricht, keine Epochenhefte, keine schönen Tafelbilder.

Waldorfpädagogik selbst verstanden und verstehen wir als eine Pädagogik, die vom Kind und seinen Bedürfnissen ausgeht. Sie verwirklicht sich auch in den genannten Institutionen, beschränkt sich jedoch nicht auf sie. Eine Pädagogik, die den Entwicklungsschritten von Kindern gerecht wird, kann an jedem Ort der Welt zu jeder Zeit stattfinden. Dabei sind uns im Laufe der Jahre vier Säulen besonders wichtig geworden.

Die menschliche Beziehung

Zu Beginn unserer Arbeit hatten wir ganz auf ehrenamtliche Mitarbeiter gesetzt. Schnell bemerkten wir jedoch, dass die Anwesenheit ständig wechselnder Menschen keine fruchtbare Arbeit zuließ. So haben wir im Lauf der Zeit zwei feste Stellen geschaffen. Fast von Beginn an war Sami Kbaier als Sozialpädagoge dabei, der inzwischen zu einer »Institution« für Kinder und Eltern geworden ist. Tatkräftig steht ihm Henrike Kleingräber, Studentin für Soziale Arbeit, zur Seite. Zur Beziehungsbildung tragen die individuelle Begrüßung und Verabschiedung der Kinder genauso bei, wie der tägliche Umgang mit ihnen. Darüber hinaus finden regelmäßig »Kinderbesprechungen« in unseren Konferenzen statt, bei denen sich das Team der Mitarbeiter, zu dem weitere ehrenamtliche Mitarbeiter gehören, mit einzelnen Kindern beschäftigt. Dabei stoßen wir immer wieder auf die Frage, was wir tun können, um durch pädagogisches Handeln gerade dieses Kind in seiner Entwicklung zu unterstützen. Die positive Wirkung dieser Besprechungen auf die Kinder, aber auch auf die Beziehung der Pädagogen zu ihnen, hat sich sehr oft sehr zeitnah gezeigt. Auch für die Eltern, zu denen Kontakt besteht, ist Sami Kbaier wichtiger Ansprechpartner und bietet Unterstützung zum Beispiel bei Elterngesprächen in der Schule oder bei bürokratischen Angelegenheiten.

Gemeinschaftsbildung

Gemeinschaftsbildung, das heißt, die Entwicklung von sozialem Miteinander und sozialen Kompetenzen in einer Einrichtung wie der »Bunten Schule« hat uns immer wieder vor große Herausforderungen gestellt. Wie gelingt es, ein Gefühl von Gemeinschaft entstehen zu lassen, wenn Kinder nur sehr unregelmäßig kommen? Wie gelingt das, wenn die Kinder noch kaum Deutsch sprechen und sich daher untereinander in ihrer Muttersprache verständigen? Wie gelingt das, wenn – auch dadurch bedingt – Grüppchen entstehen, die sich voneinander abgrenzen oder einzelne Kinder – auch aufgrund ihrer Herkunft – ausgrenzen? Hierbei waren viele Elemente, die in der Waldorfpädagogik eine Rolle spielen, sehr hilfreich: Im Lauf der Zeit entwickelten sich Regeln und Rituale, die auch neu hinzukommenden oder unregelmäßig anwesenden Kindern einen sicheren Rahmen bieten. Künstlerische Angebote wie Singen, Eurythmie, Wasserfarbenmalen oder kleinere handwerkliche Tätigkeiten bringen die Kinder in einen gemeinschaftlichen Entwicklungsprozess, der zudem ihrer individuellen Entfaltung viele Möglichkeiten bietet. Ausflüge in die nähere oder weitere Umgebung schaffen gemeinsame Erlebnisse, ebenso wie Feste oder Aufführungen (Eurythmie, Musik, Theater) vor kleinem oder größerem Publikum.

Freiwilligkeit

Der Besuch der »Bunten Schule« erfolgt völlig freiwillig und ist für die Eltern kostenlos. Inzwischen haben viele ihre Kinder bei uns angemeldet, um sicher zu sein, dass sie nachmittags auch einen Platz bei uns finden. Wir halten jedoch auch immer Plätze frei für Kinder, die sich spontan entschließen, zu kommen und die nicht angemeldet wurden. Für viele Eltern ist wichtig, dass die Kinder bei uns ihre Hausaufgaben erledigen, da sie selbst ihnen nicht wirklich helfen können. Viele Kinder nehmen dieses Angebot gerne wahr, zumal wir möglichst pro Kind einen Erwachsenen für die Begleitung der Hausaufgaben einsetzen. Die persönliche Zuwendung und Aufmerksamkeit ist dabei mindestens ebenso wichtig, wie die Bearbeitung der schulischen Aufgaben. Die Beteiligung an den sich anschließenden Angeboten oder Projekten ist ebenfalls freiwillig. Allerdings handhaben wir es so, dass ein Kind, das sich nach einer Probephase für ein Angebot entschieden hat, damit auch eine Verpflichtung für die weitere Teilnahme eingeht. Dieses Vorgehen hat sich in vielerlei Hinsicht bewährt.

Flexibilität

Unser wichtigstes Konzept ist, dass wir kein Konzept haben. In der Gestaltung versuchen wir, uns immer wieder an die sich ständig wechselnden Situationen anzupassen. Nichts bleibt wie es ist, weil immer wieder andere Kinder kommen, die andere Erfahrungen, Bedürfnisse und Voraussetzungen mitbringen. Auch wir Mitarbeiter entwickeln uns weiter, die ehrenamtlichen Mitarbeiter wechseln zuweilen und jeder von ihnen bringt etwas anderes, ein anderes Angebot, ein anderes Projekt in die »Bunte Schule« ein. Diese Flexibilität ermöglichte es, uns während der Corona-Zeit, als die Spielplätze wieder öffnen durften, gleich wieder mit unserer Tätigkeit zu beginnen und die Kinder zu gemeinsamen (Bewegungs-) Spielen anzuregen, an dem Ort, an dem unsere Arbeit ursprünglich begonnen hatte: Auf dem Spielplatz an der Düppelstraße.

Zur Autorin: Antje Bek war Klassen- und Sportlehrerin an der Rudolf-Steiner-Schule Dortmund und ist seit 2013 Dozentin in der dualen Klassenlehrerausbildung am Institut für Waldorf-Pädagogik Witten Annen.

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