Wechselgesänge Nummer drei

Von Michael Walter, Januar 2013

Der Band »Wechselgesänge III« von Stephan Ronner enthält 53 Kanons, übersichtlich gegliedert, in gut lesbarem Notentext gestaltet. Das Besondere dieser Lieder ist, dass sie alle aus der musikalischen Arbeit mit Kindern und Jugendlichen entstanden sind. Kinder möchten sich in ihren Impulsen und Wünschen, in ihren Gesten und Gebärden, also in ihrem Kindsein immer wieder in einen Zusammenhang mit der Welt bringen: mit ihrer eigenen Welt und mit der großen Welt der Erwachsenen. Die Lieder von Stephan Ronner schwingen in einem musikalischen Rhythmus, der ihnen gerade dies ermöglicht.

Schauen wir auf den Zusammenhang der drei großen Kriterien Melodie, Harmonie und Rhythmus, wie sie in »Wechselgesänge III« ihren Ausdruck finden: Die Melodien schwingen in einem freien Metrum, ohne sich rhythmisch zu verlieren. Sie bedienen sich der Dreiklänge, ohne dass sie an irgendeiner Stelle ins Sentimentale abrutschen. Das Harmonische zeigt sich in den Kanons in vielen Spannungsklängen, ohne je die sensible Innenwelt des Kindes zu zerstören oder zu kränken. Es ist also immer ein Ringen um eine Mitte, kein Kompromiss, sondern eine Überhöhung der einzelnen Bereiche.

Überraschend bei dem anspruchsvollen Liedgut ist die imposante Auswahl der Texte. Sind die Dichterworte von nicht Geringeren als Hesse, Rilke, Keller, Storm, Nietzsche und anderen nicht etwas zu hoch gegriffen? Wer solches denkt, wird im musikalischen Umgang mit diesen Liedern eines Besseren belehrt. Das gemeinsame Singen, das melodische Strömen und Schwingen vor dem Hintergrund dieser Dichterworte zeigt einmal mehr: für Kinder erscheint das Beste gerade gut genug.

Stephan Ronner: Wechselgesänge III. 53 Kanons (mit Arbeitshinweisen), kart., 48 S., EUR 18,–, edition zwischentöne, Weilheim 2012

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