Wenn Helfer Hilfe erhalten. Eine Zwölftklassfahrt zu Roma-Kindern in Makedonien

Von Angelika Ludwig-Huber, Dezember 2011

Wie wollen wir unsere gemeinsame Schulzeit abschließen? Welche Motive leiten uns dabei? Was wollen wir noch gemeinsam erleben, bevor wir uns in alle Winde zerstreuen? Mit solchen Fragen beschäftigte sich die 12. Klasse der Freien Waldorfschule Karlsruhe. Nachhaltig sollte die Unternehmung sein und sozial. Das Ergebnis: eine Fahrt zu einem Kindergartenprojekt in Makedonien, um Romakindern zu helfen.

Eine Nichtregierungs-Organisation – Fritz Hidding und die Schülermitverwaltung des Technischen Gymnasiums aus Sindelfingen – hat 2003 ein Projekt für Romakinder in Kriva Palanka in Makedonien gestartet, in dessen Rahmen 2006 ein Kindergarten eröffnet wurde. Das Projekt soll die Situation der Romafamilien und ihrer Kinder verbessern, indem sie durch gemeinsame Erziehung mit den übrigen Kindern der Gegend Bildung, insbesondere die Landessprache erwerben können. Die Roma stellen zwar eine große Bevölkerungsgruppe in Kriva Palanka dar, leben aber unter ärmlichsten Umständen und menschenunwürdigen Bedingungen. Da in den meisten der ärmlichen Behausungen die Wasseranschlüsse fehlen, können sich die Kinder nicht regelmäßig die Zähne putzen. Der Zustand ihrer Zähne ist entsprechend schlecht. Etlichen sieht man die Folgen von Mangel- oder Fehlernährung an. Hygienische Probleme haben auch im Sozialen Konsequenzen – es herrscht bei den makedonischen Familien kein großes Bedürfnis, sich mit den Roma »einzulassen«: Die Roma leben daher in Kriva Palanka ab- und ausgegrenzt. Ähnlich ist es mit dem Besuch der Schule. Die Kinder, denen alles fehlt, was ein Schulkind braucht: ordentliche Kleidung, Materialien, Hausaufgabenmöglichkeiten und vor allem die Landessprache, fühlen sich in der Schule nicht willkommen und besuchen sie oft nur unregelmäßig oder gar nicht.

Durch Kinder lernen Erwachsene

Hier könnte der Kindergarten langfristig Aufbauarbeit leisten. Er könnte den Kindern die makedonische Sprache, aber auch ganz alltägliche gesellschaftliche Gewohnheiten und Regeln im Miteinander mit den Nicht-Roma-Kindern nahe bringen. Die Devise lautet »Integration durch Bildung« und es besteht die Hoffnung, dass dies, wenn es bei den Kleinen gelingt, auf die Eltern überspringt und eine Annäherung zwischen Roma und Nicht-Roma-Familien bewirkt. Im Kindergarten werden nämlich neben den Roma-Kindern auch Kinder aus Nicht-Roma-Familien aufgenommen, deren Eltern sich den staatlichen Kindergarten nicht leisten können.

Hauptziel der Klassenreise war, für diesen Roma-Kindergarten einen Sandkasten zu bauen, der von seiner Größe her allen Kindern ein gemeinsames Spielen ermöglicht, sowie eine Wand im Eingangsbereich zu renovieren und mit einem Mosaik einladend zu gestalten. Außerdem wollten einige Schüler alle notwendigen Reparaturen am Haus und an Geräten erledigen. So war es geplant und so wurde es vorbereitet.

Wie alles war natürlich auch der erste Tag wohl durchdacht: Eine Schaukel sollte von der Klasse an einen anderen Ort transportiert werden, um den frei werdenden Platz unter dem einzigen Schatten spendenden Baum für den Sandkasten nutzen zu können. Gleichzeitig wollte eine andere Schülergruppe die Wand für das Mosaik vorbereiten. Für die Betreuung der Nicht-Kindergarten-Kinder, mit deren Erscheinen zu rechnen war, stand eine weitere Gruppe der Klasse zum Spielen bereit, damit die Arbeit der Klasse möglichst ungestört und zügig vonstatten gehen könnte.

Pläne reichen nicht aus

Pläne sind Pläne – auch das ist eine Erfahrung. Eine Erfahrung, die Konfliktpotenzial in sich birgt: Nicht alle Kinder wollten sich nämlich »bespielen« lassen – da gab es ganz andere Bedürfnisse: Mitmachen bei der Arbeit!

Wenn unterschiedliche Bedürfnisse aufeinander stoßen, zeigt sich, ob man Konfliktfähigkeit erworben hat, die es einem erlaubt, das, was einem da entgegenkommt, nicht als störend zu empfinden, sondern als Ausdruck eines tiefer liegenden Wunsches. Auch Roma-Kinder wollen nicht Adressaten von Wohltätigkeiten sein, sondern mitmachen, selbst machen, gestalten und sich dabei erleben. Nachdem wir dieses Bedürfnis anerkannt hatten, war es schnell möglich, wahrzunehmen, welche Kraft, welche Lust am Tun und welche Meisterleistungen zum Beispiel beim Sandschleppen da zu Tage traten.

Es scheint tatsächlich eine große Sehnsucht der Kinder und Jugendlichen nach Tätigkeiten mit intensiven Erlebnissen zu geben: Ob in der Erde graben oder Sand schleppen, in Kleinarbeit an dem großen Mosaik Stein für Stein an die Wand kleben oder an einem selbstgemachten Webrahmen Faden für Faden zu einem Webstück werden lassen – das Erlebnis, an etwas Sinnvollem mitzuwirken, die Wirksamkeit des eigenen Handelns einmal in einer Gemeinschaft gewürdigt zu sehen, ist elementar wichtig. Es schien ein unendlicher Hunger nach diesen Erfahrungen zu bestehen. Und das bot natürlich Anlass für etliche kleinere Konfrontationen. Aber: Das Anliegen der Klasse aus Deutschland war eben auch eine Kraft, die in der Lage war, das Unerwartete anzunehmen, die eigenen Vorstellungen und Pläne beiseite zu legen und an die Bedürfnisse der Kinder anzupassen.

Aus unterschiedlichen Vorstellungen wird ein gemeinsames Projekt

Dass wir diese Erfahrung machen konnten, hat zwar Manches ein wenig anders werden lassen als geplant, aber letztlich aus dem Projekt mehr entstehen lassen als einen Sandkasten, eine Mosaikwand und Reparaturen – nämlich ein Gemeinschaftswerk. Der Prozess und die Erfahrungen mit den Anliegen einer unbekannten Gruppe von Menschen waren mindestens genauso wertvoll wie das, was physisch am Ende sichtbar wurde.

Im Bild des Mosaiks, das nun den Eingang des Kindergartens schmückt, kann man das beschreiben, was wir als unsere Haupterfahrung mitnehmen durften: Jeder hat eigene Fähigkeiten, jeder unterschiedliche Vorstellungen und Anliegen – und doch wurde am Ende ein Gesamtkunstwerk geschaffen.

Natürlich wollte ich auf der Heimfahrt überprüfen, wie das denn war mit den zuvor geäußerten Erwartungen und den kleinen Sorgen und dem, was an der Realität erlebt worden war. Hier einige Äußerungen von Schülern: »Ich habe alles im Kindergarten in dem Aufenthaltsraum liegen lassen, Geldbeutel, Handy – das hätte jederzeit jemand mitnehmen können. Es ist nichts weg gekommen! Ich bin so glücklich, dass ich jetzt aus eigener Erfahrung sagen kann: Schafft die Vorurteile ab!«

»Mir geht’s gut, auch wenn ich traurig bin, weg zu müssen. Ich bin dankbar für den Perspektivenwechsel: Ich habe ein anderes Land, eine andere Kultur, andere Lebensverhältnisse kennen gelernt, das hätte ich sonst sicher nie erfahren. Ich bin beeindruckt, dass diese Menschen, die fast gar nichts haben als ihre Hütten, nie den Lebensmut verlieren! Ich hätte nicht gedacht, dass ich emotional so beteiligt sein würde. Ich habe zum ersten Mal in meinem Leben so etwas wie Muttergefühle bei mir entdeckt ...«

»Ich komme nächstes Jahr wieder, und es kommen etliche andere mit.«

»Ich möchte die Beziehung, die ich jetzt aufgebaut habe, mit dem Jungen, der mir so nahe stand, pflegen, und jetzt weiß ich, dass ich das auch kann.«

Es sind Beziehungen entstanden, die wir pflegen und ausbauen wollen. Und so ist aus unserem Klassen-»Abschluss«-Projekt ein Impuls entstanden, ein Anschluss an den Abschluss, der über das Heute in das Morgen hinein zeigt, auf jeden Fall bis in den nächsten Sommer und die nächste Unterstützungsfahrt nach Kriva Palanka.

Zur Autorin: Angelika Ludwig-Huber begleitet mit Jochen Howind die Klasse 12 a der Freien Waldorfschule Karlruhe. Falls Sie dieses Projekt mit Sach- oder Geldspenden oder auch mit persönlichem Einsatz unterstützen möchten, wenden Sie sich bitte an die Autorin. E-Mail: lu-hu(at)luhu.de

Link: www.hilfsprojekt-mazedonien.de

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