Wenn Kinder später lesen lernen

Von Dieter Centmayer, Juni 2011

Wenn ein Kind in den ersten Schuljahren nicht lesen lernt, machen sich Eltern und Lehrer Sorgen. Die Neigung ist groß, Fachleute hinzuzuziehen. Das Kind wird untersucht, getestet, Förderung und Nachhilfe verordnet. Aber ist das wirklich nötig?

Nach wie vor gehören Schreiben und Lesen neben dem Rechnen zu den wichtigsten Kulturtechniken. Und so, wie sich die heutige Kultur gestaltet, in der die »Verschrift­lichung« aller Lebensvorgänge immer weiter zunimmt, hat das Lesen auch einen besonderen Stellenwert.

Die Fähigkeit, lesen zu lernen, ist bei den Kindern äußerst unterschiedlich. Manche können schon vor der Einschulung lesen, andere lernen es vielleicht erst mühsam in der 4. oder 5. Klasse. Das Lesenlernen erfordert eine Fülle von Sinnes- und Verstandestätigkeiten. Welch ein schwieriger und komplizierter Prozess das Lesenlernen ist, beginnt man, langsam auch in der Wissenschaft zu verstehen. Der Hirnforscher Ernst Pöppel äußerte sich dazu in einem Interview mit der Tageszeitung »Die Welt« am 30. März 2010: »Lesen ist eine der unnatürlichsten Tätigkeiten des menschlichen Gehirns. Deswegen wundert es mich nicht, dass sich Kinder und auch immer mehr Erwachsene vom Lesen abwenden. Das Gehirn hat im Laufe der Evolution keine Strukturen ent­wickelt, die optimiert für das Lesen wären … Das menschliche Gehirn wehrt sich geradezu gegen Lesen. Das anstrengungslose Lernen und Verarbeiten von Informationen wird durch Lesen eher behindert. Diese Erkenntnis der Hirn­forschung muss man kennen, wenn man Kindern mit Lese­schwierigkeiten helfen will. … Die wichtigste Voraussetzung für die Aufnahme von gelesenen Informationen ist die Konzentration. Ohne sie kann man die Bedeutung von Gelesenem nicht wirklich erfassen und verstehen. Schüler, die sich nicht ausreichend konzentrieren können, haben eben auch Schwierigkeiten beim Lesen.« Rudolf Steiner drückte das auf einem Elternabend am 13. Januar 1921 mit folgenden Worten aus: »Im Grunde genommen wird das Kind in ganz künstlicher Weise in etwas ihm Fremdes hineingeführt, wenn man es ohne weiteres das Lesen und Schreiben lehrt, das heute in dem menschlichen Verkehr üblich ist.« 

Lesenlernen aus einem künstlerischen Prozess heraus 

In der Waldorfschule erarbeiten wir zunächst das Schreiben in einem künstlerischen Prozess. Wir befassen uns mit Zeichnerischem, Malerischem, Rezitatorischem und auch Musikalischem. Man lehrt, sagte Steiner in einem Vortrag zur Didaktik am 8. September 1920 in Dornach, »das Kind … aus dem künstlerischen Erfassen der Schrift das Schreiben … und dann aus dem Schreiben das Lesen«.

Das Formenzeichnen bildet eine Grundlage für diesen Prozess. Das Kind soll lernen, auch Nuancen in Formgestaltungen zu erfassen und dann selbstständig aufzuzeichnen. Dabei schult es den Sinn, später Buchstabenformen zu erfassen und wiederzugeben zu können.

Ein anderer Schwerpunkt ist das Musikalisch-Sprachliche. Wer sein Klangempfinden schult, der wird auch die Lautklänge in den Worten besser hören lernen. Manch ein Kind kann beispielsweise nur schwer »f« und »s« vom Klang her unterscheiden. Durch Singen und Rezitation wird dies in der Klassengemeinschaft ständig geübt.

Nach dem Lernen der Buchstabenformen wird viel geschrieben und dann an dem Geschriebenen das Lesen geübt. Für Kinder, die noch kaum lesen können, erleichtert sich der Prozess dadurch, dass häufig Texte geschrieben werden, die vorher auswendig gesprochen wurden. Unbekannte, gedruckte Texte lässt man die Kinder erst später lesen. Lassen sich Lehrer und Eltern nicht beirren, dann kann ohne jegliche Anstrengung, ohne irgendeine besondere intensivere Leseübung die Mehrheit der Kinder einer Klasse am Ende des zweiten Schuljahres flüssig lesen. 

Frühes Lesenlernen schadet der Gesundheit 

Aber es gibt immer Kinder, die zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht oder nur sehr mangelhaft lesen können und sich mit dem Schreiben schwerer tun als andere. Hier beginnen dann die Sorgen. Rudolf Steiner sah weniger in dem späten Beginn des Lesens ein Problem, als in dem zu früh ge­förderten Lesenlernen. Die intellektuellen Kräfte, die man für das Lesen braucht, sollten nicht zu früh geweckt werden, wenn sie nicht schon von Natur aus vorhanden sind, denn sie schwächen die körperliche und seelische Gesundheit, die in metamorphosierter Form die Grundlage dieser Kräfte bilden. Werden sie von den Erziehern zu früh auf den Leseprozess hingelenkt, obwohl das Kind aus sich selbst heraus noch nicht soweit ist, dann müssen sie von anderswo abgezogen werden. Das heißt, ein zu frühes Lesetraining kann bei einzelnen Kindern negative gesundheitliche Folgen haben. Diese treten allerdings nicht im kindlichen Alter auf, sondern zeigen sich erst viel später im Leben: »Lernt das Kind zu früh lesen, dann führt man es zu früh in die Abstraktheit hinein. Und Sie würden unzählige spätere Sklerotiker beglücken für ihr Leben, wenn Sie ihnen nicht zu früh das Lesen beibrächten als Kinder«, stellte Steiner in einem Vortrag über das Lesen- und Schreibenlernen am 18. April 1923 in Dornach fest.

Ja, die durch einen späten Lesebeginn aufgesparten Kräfte können für den Menschen im späteren Alter sogar positive Wirkungen haben. Steiner weist wie hier in Torquay am

13. August 1924 immer wieder darauf hin, dass viele bedeutende Persönlichkeiten spät mit dem Lesen begannen und  im Schulalter Probleme mit dem Schreiben hatten: »Lesen und Schreiben, so wie wir es heute haben, ist eigent­lich erst etwas für den Menschen … im 11., 12. Lebensjahre. Und je mehr man damit begnadigt ist, kein Lesen und Schreiben vorher fertig zu können, desto besser ist es für die späteren Lebensjahre.« 

Hinter einer Normabweichung stecken oft besondere Fähigkeiten 

Ein Waldorflehrer wird sich intensiv mit einem Kind beschäftigen, das von der Norm abweicht. Er wird versuchen aufzuspüren, was das Besondere im Wesen dieses Kindes ist. Er wird dann vielleicht finden, dass es dem Kind helfen würde, sich außerhalb des  Hauptunterrichtes künstlerisch zu betätigen. Oftmals kann er feststellen, dass das Kind sich immer wieder in besonderer Art im Unterricht äußert.

Solche Unterrichtsbeiträge können leicht als falsch oder störend empfunden werden. Bei genauerem Hinsehen oder Nachdenken wird man aber manchmal feststellen, dass sich in ihnen etwas sehr Individuelles oder Originelles ausdrücken will. Man wird auch versuchen, ihnen einen Schutzraum in der Klasse und überhaupt in ihrer gesamten sozialen Umgebung zu schaffen. Manchmal muss man diesen Schutzraum nach außen hin mit Mut und Kraft für das Kind erkämpfen. Immer mehr wird man bei einer intensiven Beschäftigung mit solchen Kindern darauf kommen, dass sie sogar über außerordentliche Kräfte oder Fähigkeiten auf Gebieten verfügen, die in der heutigen Kultur noch gar nicht anerkannt sind. Sie sind vielleicht hellfühlig und

können die Gedanken und Gefühle in ihrer Umgebung erspüren. Sie haben manchmal ein intensiveres seelisches Erleben als andere Kinder, was sich in starken Phantasiekräften ausdrücken kann. Dieses zu erkennen und dem Kind in der richtigen Weise entgegenzukommen, ist die große Aufgabe für Eltern und Erzieher. 

Literatur:

Thomas Jachmann: Die Ausbildung des Gemüts im zweiten Jahrsiebt
Rudolf Steiner in der Waldorfschule, GA 298, Dornach 1980
Rudolf Steiner: Idee und Praxis der Waldorfschule, GA 297, Dornach 1998
Rudolf Steiner: Die pädagogische Praxis von Gesichtspunkte geisteswissenschaftlicher Menschenerkenntnis, GA 306, Dornach 1989
Rudolf Steiner: Die Kunst des Erziehens aus dem Erfassen der Menschenwesenheit, GA 311, Dornach 1989

Kommentare

Barbara , 15.12.15 22:12

Mein Kind hat vor 3 Monaten mit der Grundschule begonnen und kann laut Lehrerin sehr schlecht lesen. Mein Sohn kann wunderbar schreiben und rechnen, aber das Lesen fällt im sehr schwer. Er weigert sich die Buchstaben zusammenzusetzen - stattdessen sucht er nach bekannten Mustern. Damit er die Wörter aber nicht lernen kann - darf er jetzt nur mehr unsinnige Silben lesen. Das Kind fühlt sich schlecht und ich als Mutter auch. Ich weiß, wie wundervoll, liebevoll und phantasievoll mein Kind ist. Dennoch wird einem immer das Gefühl vermittelt - es sei unzureichend und schlechter als andere Kinder.

Soraya Müller, 29.06.16 15:06

Liebe Erziehungskunst,

wie geht denn die Waldorfpädagogik mit Kindern um, die bereits im Kindergartenalter flüssig lesen können? Gibt es für solche Kinder in der ersten Klasse genügend Aufgaben (künstlerisch, musisch, oder andere) damit sich solche Kinder nicht Langweilen und irgendwann abschalten?
Wie geht die Waldorfpädagogik mit schnell lernenden Kindern um?
Herzlichen Dank für jegliche Antworten.

Herzliche Grüße,
Soraya

Anna , 15.09.16 23:09

Ja, das würde mich auch sehr interessieren! Denn man hört immer eher von (zu) kleinen als großen Schritten bei der Einführung und Erarbeitung der Unterrichtsinhalte.
Interessant fände ich einen Artikel oder ein Interview von WaldorflehrerInnen, welche sich mit dieser Thematik praktisch befassen.

Anne , 17.09.16 21:09

Hallo der Umgang mit Kindern, die sehr schnell lernen und nach wissen lechzen ist auch für mich ein Rätsel? Ich habe ein Kind, welches sehr schnell lernt, ist das dann ein Nachteil und würde man ihn eher bremsen????

Tilda I, 22.10.16 23:10

Waldorfschule kann toll sein, wenn es für das Kind funktioniert und man einen guten Lehrer hat. Aber auch hier gibt es in beide Richtungen Ausreißer. Kinder die unterfordert sind, sich langweilen, sich nach Schulbüchern und Arbeitsblättern sehnen weil sie ausgebremmst werden. Aber auch Kinder die unglücklich sind weil sie in der 3./4. klasse noch keine 1./2. Klasse Erstleser-Bücher lesen können, die sie selbst gerne Lesern möchten. Keine einfache Postkarten aus dem Urlaub schicken können... Ich habe mir waldorfschule anders vorgestellt. Das sind Beispiele aus meinem direktem Umfeld die mich zum Umdenken gebracht haben. Beide Kinder haben auf eine Regelschule gewechselt und sind dort glücklich. Auch diese Richtung des Schulwechsels gibt es.

Soraya Müller, Hamburg, 25.10.16 17:10

Inzwischen ist unser Kind seit dem letzten Kommentar in der ersten Klasse in einer Waldorfschule. Bisher läuft es so:
Im Hauptunterricht haben die Kinder in den ersten Wochen Formenzeichnen, dies fand unser Kind schön. Anschließend folgten zwei Wochen Deutsch. Dort lernten die Kinder insgesamt vier Buchstaben. Die Lehrkraft ließ die Kinder aber auch Wörter passend zu dem jeweiligen Buchstaben finden. Während die langsamen Schüler die Wörter Buchstab für Buchstabe von der Tafel abgemalt haben, durften die schnelleren Schüler alle Wörter aufschreiben, die sie zu dem Buchstaben schon wussten. Ein sehr weites Kind bekam ein leeres Buch und durfte darin eine Geschichte aufschreiben. Ich bin gespannt wie es weiter geht. Künstlerisch und musikalisch sind die Kinder gut versorgt, dass gefällt mir sehr.

Franziska S, 08.12.16 19:12

Dazu fallen mir zwei Dinge ein.
Ersteres betrifft vor allem die Leserkommentare zu Langweilen in der Schule, weil man schon lesen kann. Ich selber habe mir das Lesen mit 5 Jahren beigebracht, gegen den Willen meiner Mutter, die Waldorferzieherin ist. Trotzdem habe ich mich in der Waldorfschule (Grundschulzeit) nie gelangweilt, denn es wurde genügend künstlerisches um die Buchstaben herum geboten, dass es immer was zu tun gab. Es kommt sicher auf den jeweiligen Lehrer an, dass er Schüler mit verschiedenen Fähigkeiten unterschiedlich "abholt" und auch fördert.
Das zweite packe ich in einen neuen Kommentar, sonst wird es unübersichtlich!

Franziska S, 08.12.16 19:12

Die Vorstellung, dass Lesen etwas schwieriges und unnatürliches sei, ist wirklich ein bisschen lustig, und kann nur von einem Bilderdenker kommen! Es gibt Menschen, denen fällt Lesen und Schreiben sehr leicht, sie lernen es völlig mühelos und mit viel Spass, und andere plagen sich sehr damit, und finden es die grosse Qual in der Schule. Allen, die sich damit sehr plagen mussten, oder die Kinder haben, die sich damit schwer tun, kann ich nur wärmstens ans Herz legen "Legasthenie als Talentsignal" oder "Die unerkannten Lerngenies" zu lesen. Dort werden einem viele Dinge sehr klar. Zusammenfassend gesagt sind häufig Menschen, die sich mit Lesen, Schreiben und/oder Rechnen schwer tun sehr kreativ, praktisch und künstlerisch. Sie denken dreidimensional, und haben daher mit der Zweidimensionalität von Schrift Probleme. Wortdenker tun sich schwer mit dreidimensionalem Denken, aber Lesen und Schreiben sind meistens kein Problem. Natürlich gibt es Überschneidungen.
Da Lehrer in aller Regel selber gerne und gut in der Schule waren, sind es häufig Wortdenker. Sie können oft mit dem Verhalten und der Schwierigkeit von Bilderdenkern nur ganz schlecht umgehen, so dass solchen Kindern, die Mühe haben, oft gesagt wird, sie sollen sich einfach mal konzentrieren, einfach mal ein Bisschen anstrengen, dann ginge es schon. Glücklicherweise ist in einer Waldorfschule der Druck wesentlich geringer, und auch erst viel später, als in öffentlichen Grundschulen. Trotzdem könnte man sich doch auch in Waldorfschulen noch Impulse holen von anderen Methoden, die ganz wunderbar funktionieren. Mir selber fiel es immer leicht, aber ich habe in meinem privaten Umfeld einige Erfahrungen mit dem Gegenteil gemacht.

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