Wer entscheidet über den freien Willen?

Von Ute Hallaschka, November 2012

Sie heißen nach einem Wochentag: Chess und ihre Brüder Box und Splinter, sind die Bad Tuesdays. Die Kinder tauchten an einem Dienstag im Waisenhaus auf, ohne jede Spur von persönlicher Identität. Auch ihre Vornamen sind gegenständlich, wie beliebige Welt-Ausschnitte. Mit dieser minimalistischen Herkunftsgeschichte startet die Handlung der Jugendbuchreihe von Benjamin J. Myers: »The Bad Tuesdays«, im Verlag Freies Geistesleben. Eine Fantasy-Erzählung besonderer Art. Was den Leser von der ersten Seite an packt und mitnimmt ist die überschäumende Phantasie des Autors. Sie schlägt Kapriolen, die unablässig für Überraschung sorgen, gleichzeitig ist jedoch ein stiller, stetiger Unterstrom eingeschrieben. Eigentlich spielt das Ganze wie ein Mysteriendrama in der Seele, es geht um die Entscheidungshoheit des freien Willens.  Das macht die Reihe auch für Erwachsene lesenswert.

Eingekleidet in die Fantasy-Bilder reisen die Protagonisten durch Raum und Zeit aller möglichen Universen und Paralellwelten, auf der Suche nach der eigenen Seele. Vieles kommt einem bekannt vor und wird auch ausdrücklich zitiert – es ist öfter von der Matrix die Rede – doch der Umgang mit diesen Vorlagen ist spielerisch und also wahrhaftig. Es ist ja alles da in unserer Wirklichkeit, im Bewusstsein des Lesers. Alle virtuellen Bilder geistern mit uns durch die Realität. Wie wir lernen, uns zu unterscheiden von all den Einbildungen in uns und um uns herum, und wer wir selbst, davon abgesehen, eigentlich sind? Das ist die Frage, die sich nicht nur Jugendliche stellt.

Die beiden Brüder und ihre kleine Schwester schlagen sich, nach der Flucht aus dem Waisenhaus, als Kanalratten in einer anonymen Großstadt durchs Leben. Plötzlich geraten sie in den Zugriff einer fremden Macht, die sich als kosmisches Wesen herausstellt und speziell mit dem Leben von Kindern und Jugendlichen zu tun hat. Auf die Energie der Menschenkinder sind die finsteren und grausamen Kräfte angewiesen, sie benötigen diese um zu ihrem Ziel zu gelangen – das ist die eigene Unsterblichkeit, eine Installation zur Brechung von Raum und Zeit. Das Böse trägt hier viele Gesichter und erklärt sich selbst zur erlösenden Kraft, zum Friedensstifter. Es verspricht, allen Schmerz und alles Leiden des individuell Lebendigen auszulöschen und in einen Zustand der ewigen friedlichen Ruhe überzuführen. Unveränderlichkeit als Unsterblichkeit und damit die Überwindung des Todes, so lautet das Versprechen. Es ist natürlich ein Kampf um die menschliche Freiheit und Autonomie, der hier insgeheim geführt wird, und die Frage, worin sie besteht.

Das Thema ist nichts für Feiglinge, der Leser muss mit durch allerhand Härten und Grausamkeiten der Bilder, die aber immer urbildlich bleiben. Es ist, als würde man einen Roman von Charles Dickens lesen, der in der Zukunft spielt. Ein besonderes Leseerlebnis für Unerschrockene. Fünf Bände liegen bereits vor. Dann müssen wir uns gedulden bis zum nächsten Jahr, in dem der sechste Band die Reihe beschließt.

Benjamin Myers: Bad Tuesdays, Der Kristallreiter, Bd. 5, 380 S., geb., EUR 18,90, Verlag Freies Geistesleben, Stuttgart 2012. Weitere Bände der Reihe: Die verborgene Symmetrie (Bd. 1); Fremde Energie (Bd. 2); Blut-Alchemie (Bd. 3); König ohnegleichen (Bd. 4); Der Kristallreiter (Bd. 5).

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