Wer nicht schreibt, bleibt dumm

Von Ludger Helming-Jacoby, Februar 2018

Welche Bedeutung kann das Erlernen der Schreibschrift im Zeitalter der Tastaturen, der Tablets und Smartphones noch haben?

»Angesichts der nicht befriedigenden Ergebnisse des herkömmlichen Schreibunterrichts muss gefragt werden, womit der zusätzliche Aufwand für die jeweiligen Schreiblehrgänge zu rechtfertigen ist«, schrieb die Sprachwissenschaftlerin Erika Brinkmann im Mai 2015 auf der Homepage der GEW Baden-Württemberg. »Der Zwang, Wörter in einem Zug zu Papier zu bringen, führt bei den Schreibenden leicht zu einer Erhöhung des Schreibdrucks und zu Verkrampfungen der Hand«. Weiterhin heißt es dort: »Ist das Schreiben mit der Hand heute überhaupt noch wichtig – oder sollen die Kinder stattdessen lernen, wie man rasch und fehlerlos auf einer Tastatur tippt?« (1)

Wie sieht es in den Schulen aus? Dort ist das Einüben der Schreibschrift in den letzten Jahren stark zurückgegangen. In den 2004 von der Kultusministerkonferenz verabschiedeten Bildungsstandards für die 4. Klasse steht zwar als Lernziel, die Schüler sollen »eine gut lesbare Handschrift flüssig schreiben«. Die meisten Bundesländer überlassen jedoch den Grundschulen, welche Schreibschrift sie im Anschluss an das Erarbeiten der Druckschrift lehren wollen, die 1953 in den Schulen eingeführte »Lateinische Ausgangschrift« (LA), die »Schulausgangsschrift« (SAS), eine in der DDR entwickelte Variante der LA, bei der die Großbuchstaben druckschriftähnlicher sind, oder die seit 1973 zur Verfügung stehende »Vereinfachte Ausgangsschrift« (VA). In einigen Bundesländern ist es den Schulen auch freigestellt, anstelle einer Schreibschrift die »Grundschrift« einzuführen (zuerst 2011 in Hamburg), eine neuentwickelte Druckschrift, aus der sich die Schüler sozusagen selber eine Schreibschrift »basteln« sollen. (2) Kritiker der Grundschrift weisen darauf hin, dass diese Schrift ohne vorherige Erprobung eingeführt wurde und dass es pädagogisch absolut unsinnig ist, anzunehmen, die Schüler wären in der Lage, ohne Anleitung aus der Grundschrift eine brauchbare Handschrift zu entwickeln; bei der Einführung dieser Schrift handele es sich letztlich um die schleichende Abschaffung der Schreibschrift.

Gegen die Tendenz, die Schreibschrift nach und nach aus den Schulen zu verdrängen, wenden sich Wissenschaftler, Pädagogen und Schriftsteller wie Bastian Sick und Cornelia Funke: »Die Handschrift soll Gedanken fliegen lassen!« (3) Es mag überraschen, dass bei einer Umfrage auch Schüler dezidiert für den Erhalt der Handschrift plädierten. 351 Acht- und Zehntklässler eines Gymnasiums und einer Gesamtschule wurden befragt, 88% von ihnen meinten, dass auf die Handschrift nicht verzichtet werden kann. Bemerkenswert – und bedenkenswert − sind ihre Begründungen: »Was man mit der Hand schreibt, bleibt länger im Kopf«. – »Mit der Handschrift kann ich Ideen einfacher strukturieren«. – »Man prägt sich die Rechtschreibung besser ein«. – »Kinder sollen auch noch selber schreiben können und nicht nur an Geräten hängen«. − »Handschrift macht uns unabhängig von der Technik«. – »Die eigene Handschrift ist Teil der persönlichen Identität«. – »Handschrift ist Teil unserer Kultur«. Ein Schüler schrieb sogar: »Wenn in der Schule keine Handschrift mehr gelehrt würde, wäre die Menschheit am Ende«.

Diese Umfrage, wurde von Maria-Anna Schulze Brüning durchgeführt, einer engagierten Gesamtschullehrerin, die sich seit Jahren für den Erhalt der Schreibschrift einsetzt. Die Ergebnisse der Umfrage finden sich in dem Buch, dass sie zusammen mit dem Journalisten Stephan Clauss verfasst hat, »Wer nicht schreibt, bleibt dumm. Warum unsere Kinder ohne Handschrift das Denken verlernen«. Wie sich aus dem pointierten Titel unschwer erkennen lässt, stellt das Buch ein nachdrückliches Plädoyer für den Erhalt der Schreibschrift dar. Es beginnt mit einem – etwas flüchtigen geratenen − Streifzug durch die Geschichte der Schrift, der einen Eindruck davon vermittelt, welch lange Entwicklung zur Schreibschrift geführt hat, und der somit zu ihrer Wertschätzung beitragen mag. Einen Schwerpunkt des Buches bildet die Auseinandersetzung mit der Frage »Wie schreiben die Schüler heute?« Um dafür eine fundierte Grundlage zu haben, hat Frau Schulze Brüning über 1000 Schriftproben von Schülern fünfter und sechster Klassen untersucht. Die Ergebnisse waren alles andere als erfreulich: Ein Sechstel der Schüler hatten keine lesbare Handschrift zur Verfügung. Die Ursache? Frau Schulze Brüning zeigt auf, dass die verwendete Schrift eine entscheidende Rolle spielt. Sie nimmt die drei zur Verfügung stehenden Schreibschriften unter die Lupe und weist nach, dass die Schreibprobleme zum großen Teil auf die Verwendung der an vielen Schulen eingeführten VA zurückzuführen sind. Anhand einer detaillierten Analyse der Buchstabenverbindungen der VA macht die Autorin deutlich, dass diese Schrift ihr Versprechen, den Schrifterwerb zu vereinfachen, nicht einlösen kann, im Gegenteil, dass sie fast unweigerlich zu Schreibproblemen führt. Mit der »Grundschrift« kommen die Schüler (bzw. die Lehrer, die sie einführen) vom Regen in die Traufe; auch dies wird von Frau Schulze Brüning anhand von Schriftproben aufgezeigt. Das Buch gibt auch Übungen, mit deren Hilfe Krakelschriften verbessert werden können. Diese Übungen mögen für Klassenlehrer, die in der Mittelstufe neu aufgenommene Schüler mit Schreibproblemen haben, hilfreich sein. Den Abschluss des Buches bilden durchaus kritisch Ausführungen zum Gebrauch von Computern in der Schule. Das Buch endet mit den Worten:

»Abgesehen von ihrer Bedeutung für das kindliche Lernen, steht die Handschrift für ein Stück menschlicher Kultur. Ob wir dieses Kulturgut aufgeben oder erhalten möchten, darf nicht dem Zufall überlassen werden oder gar dem Einfluss einiger weniger Interessenvertreter. Darüber sollte eine breite öffentliche Diskussion geführt werden.

Den Verlust selbstverständlicher Dinge bemerkt man erst, wenn sie nicht mehr da sind. Und vielleicht bemerken wir zu spät, dass uns ein kleines, aber wichtiges Stück Autonomie abhandenkommt, wenn wir die Handschrift aufgeben.

Worin bestand in George Orwells Roman 1984 der erste Akt der Rebellion gegen Big Brother? Winston Smith suchte sich in seiner Wohnung einen Winkel außer Reichweite des Überwachungsmonitors, holte einen alten Füllfederhalter aus dem Versteck und begann den totalitären Schrecken in ein Tagebuch zu schreiben …«

Insgesamt kann das Buch dem Klassenlehrer, der vor der Einführung der Schreibschrift steht, wertvolle methodische Hilfen bieten.

Anmerkungen:

(1) Siehe dazu den Wikipedia-Eintrag, Stichwort »Grundschrift«.

(2) Zitiert nach Stephan Clauss, Der Wert einer eigenen Bandschrift, in Badische Zeitung, 5.9.2015, online unter www.badische-zeitung.de/der-wert-einer-eigenen-handschrift--print

(3) S. dazu: Bastian Sick, Rettet die Schreibschrift, unter bastiansick.de/leserpost/rettet-die-schreibschrift; Ute Andresen, Künstlich erzeugter Schriftenwirrwarr, »die tageszeitung«, 9.2.2011,

taz.de/Archiv-Suche/!329310&s=Ute+Andresen&SuchRahmen=Print

und Christian Füller, Umstrittene Reform der Lehrpläne: Schreibschrift stirbt aus, in der online-Ausgabe der FAZ vom 10.5.2014, www.faz.net/aktuell/reform-der-lehrplaene-die-schreibschrift-stirbt-aus-12932933.html

Einen Überblick über Frau Schulze Brünings Forschungsarbeit zum Thema »Schreibschrift«, mit zahlreichen Literaturangaben und Links, gibt ihre Website: www.handschrift-schreibschrift.de 

In der »Erziehungskunst« erschien bislang nur ein Aufsatz zum Thema Schreibschrift: Rolf Rein, Eine Schrift, die mitwächst, Heft 11/1995 (online zu finden unter www.erziehungskunst.de/archiv). Hier finden sich hilfreiche Hinweise zum Zeitpunkt der Einführung der Schreibschrift. Der Autor plädiert in diesem Aufsatz entschieden für die VA.

Maria-Anna Schulze Brüning, Stephan Clauss, Wer nicht schreibt, bleibt dumm. Warum unsere Kinder ohne Handschrift das Denken verlernen, Piper-Verlag, München/Berlin 2017, 22,- €

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