Wie eine Projektfahrt gelingen kann

Von Jürgen Peters, Thomas Suchier, September 2010

Diesem Beitrag liegt ein Interview zu Grunde, das Jürgen Peters, Fachbereich Bildungswissenschaft der Alanus Hochschule, mit Thomas Suchier, Oberstufenlehrer und Klassenbetreuer an der Waldorfschule Bonn-Tannenbusch, geführt hat. Ziel war es, aus einem positiv verlaufenen Projekt – in diesem Fall eine Zwölftklassfahrt nach Griechenland – die Bedingungen für das Gelingen abzuleiten. Die im folgenden Text kursiv gesetzten Passagen sind Zitate aus dem Interview

Vertrauen schafft Initiative

»Nur in einem grenzenlosen Vertrauen, das immer ein Wagnis bleibt, aber ein freudig bejahtes Wagnis, kann wirklich gelebt und gearbeitet werden.«

Dietrich Bonhoeffer

Was der Interviewer entdeckte

Alle Beteiligten müssen bei der Planung einbezogen sein

Planung und Vorbereitung gehören bereits zum Projekt dazu. Denn die Qualitäten, die dabei entstehen, werden auch in dem Projekt mitwirken. Bemerkenswert an dem beschriebenen Projekt ist die lange und sorgfältige Vorbereitungsphase: »Die Planungen begannen schon etwa ein Jahr vorher, ... na ja, das war schon das Neue, dass wir versucht haben, das Projekt in den Vordergrund zu stellen und erst mal rauskriegen wollten, was für ein Projekt will die Klasse eigentlich machen?«

Es wurde also nicht zuerst gefragt: Wo wollen wir hin? Sondern die Ausgangsfrage war: Was wollen wir tun? Erst als dies einvernehmlich mit der Klasse abgestimmt war, wurde nach einem geeigneten Ort gesucht und danach wurde das Projekt auf einem Elternabend vorgestellt. Auch bei der Planung des Tagesprogramms waren die Schüler von Anfang an beteiligt: » ... wir machen jetzt die Planung, wir haben zwei Wochen Zeit vor Ort; so haben wir angeboten, alle die Interesse haben, dürfen an dem und dem Tag kommen und wir überlegen mal, wie wir die Fahrt gestalten wollen. Was wollen wir am ersten, zweiten, dritten Tag machen und was für Dinge wollen wir uns überhaupt anschauen.«

Dieses Treffen fand außerhalb der Schule statt und zehn Schüler arbeiteten dabei aktiv mit. Dadurch entstand eine Arbeitsatmosphäre auf Augenhöhe. Es fällt auf, dass alle diese kleinen Schritte besonders transparent durchgeführt wurden. Gearbeitet wird nur mit denjenigen Schülern, die sich freiwillig melden. Einbezogen werden wiederum alle, und zwar nicht nur, indem ihnen die Ergebnisse präsentiert werden, sondern sie können über das Protokoll auch an dem Entstehungsprozess teilhaben.

Später, als der Ort feststand und Waldbrände in Griechenland den Aufenthalt gefährdeten, haben die verantwortlichen Lehrer die Fahrt um ein halbes Jahr verschoben: Und auch diese Entscheidung wurde Schritt für Schritt mit den Schülern und anschließend mit den Eltern bis zu einem einmütigen Beschluss diskutiert.

Problem: Alkohol auf Klassenfahrten

Ein großes Problem auf all solchen Fahrten ist oft der Alkohol. Wird er strikt verboten, dann kann man als verantwortlicher Lehrer das Unterlaufen des Verbotes kaum verhindern. Und wenn man nicht bewusst wegschaut, dann hat man das Problem, dass man unter Umständen einige Schüler nach Hause schicken muss – ja nachdem, was man vorher vereinbart hat. Auch diese Schwierigkeit wurde bei dieser Projektfahrt offen angegangen: »Dieses Unaufrichtige, das schien uns ganz unwürdig zu sein für Achtzehnjährige, für eine zwölfte Klasse, das war der Hauptgrund, warum wir das nicht mitspielen wollten; wir hätten ja nur die Chance gehabt, darüber hinwegzusehen und sogar die Orte zu meiden, wo das stattfindet, oder konsequent zu sein und dann doch einen nach Haues zu schicken ...« 

Die verantwortlichen Lehrer fanden eine Stelle in der »Bereinigten Amtlichen Sammlung der Schulvorschriften NRW«, die beschreibt, unter welchen Voraussetzungen Alkohol auf Klassenfahrten erlaubt sein kann. Daraus wird ein Vorschlag für die Lehrerkonferenz erarbeitet und nach deren Zustimmung der Klasse vorgestellt. Auch die Kollegen, die in den nächsten Jahren solche Fahrten machen, sind Mitbetroffene und werden konsequent einbezogen.

Der Duktus liegt hierbei aber nicht auf der rechtlichen Absicherung, sondern es liegt etwas viel Konstruktiveres zu Grunde: Hier wird genau erforscht, in welchem gesellschaftlichen Rahmen man sich hier bewegt. Und nachdem dieser Spielraum ermittelt ist, wird mit allen »Mitspielern« eine gemeinsame Regel vereinbart. Das ist das Gegenteil von Willkür. Offensichtlich wurde dies von den Schülern auch deutlich wahrgenommen, denn es entstanden auf dieser Fahrt keine Alkoholprobleme, was auch die Peers, das sind Klassenkameraden, die eine besondere Schulung durchlaufen haben und von Lehrern unabhängige Beobachtungen machen können, in der Klasse nach der Fahrt bestätigten.

Die Eigenaktivität darf nicht auf der Strecke bleiben

Eine Falle, in die man als Organisator einer Kunst-Projekt-Fahrt schnell tappen kann, ist die Überfrachtung des Programms, was in einen rezeptiv überfrachteten Museums-Marathon ausarten kann, wobei die Eigenaktivität der Schüler leicht auf der Strecke bleibt. »Durch die eigene Aktivität entsteht eine andere Verbindung mit den Dingen, mit denen wir arbeiten, und dies führt uns zu einer der Schlüsselbedingungen für den positiven Verlauf dieser Fahrt, nämlich tatsächlich in Verbindung kommen mit dem Land, in das man fährt, mit dem Ort, an dem man sich aufhält.«

Sich mit der unmittelbaren Umgebung verbinden

Das Einbeziehen der direkten Umgebung begann hier schon in der Vorbereitung: Von der nur wenige Kilometer entfernten Alanus Hochschule in Alfter konnte eine Studentin für künstlerische Übungen gewonnen werden, die durch ihren Einfallsreichtum und »Pfiff« gut bei den Schüler ankam: »Am dritten Tag sind wir dann vormittags in ein Nachbardorf gewandert und haben wieder ganz besondere Zeichenaufgaben gemacht: Im Laufen zeichnen. Im Laufen zeichnen, was da so kommt, ganz hellwach sein, ganz gespannt sein ...«

Hellwach sein, aufmerksam sein für das Alltägliche, das vorbeiströmt – eine Haltung der nicht nachlassenden Aufmerksamkeit wird als Fähigkeit bei den Schülern gefördert. »Das, was da so kommt, ganz hellwach sein, ganz gespannt sein«, dieses Übungsziel beschreibt präzise die Haltung der Lehrer bei diesem Projekt. Durch diese künstlerische Übung wird es zusammengeführt und weiter intensiviert: »Nachmittags sind wir zu einem Bergdorf in einem Waldbrandgebiet gefahren, konnten dort oben auch Kaffee trinken und mit den Einheimischen sprechen; dort haben interessante Begegnungen stattgefunden. Aber dann kam wieder das Zeichnen, und zwar diesmal mit Holzkohle. Da gab´s so viele verkohlte Bäume, das heißt, die Schüler konnten sich die Kohle selber holen und dann in diesem Gebiet zeichnen, da sind eigentlich die spannendsten Zeichnungen entstanden.«

Die Kohle der verbrannten Bäume wird dazu benutzt, diese Szenerie selber zu zeichnen. Hier wird wie in einem Urbild das Aufnehmen der Umgebung vom Haptischen bis ins Künstlerische greifbar. Diese Art der »sich einlassenden Kunst«, die in die Umgebung eindringt, wurde in der letzten Woche des Projekts durch ein Land-Art Projekt weitergeführt, das eine Gruppe von Freiwilligen in Angriff nahm: »Also die Land-Art-Menschen, die sind mit offenen Augen durch die Landschaft gegangen und haben Bambus geschnitten und daraus was gebaut ... Wirklich auch Gespür für die Landschaft, Gespür für die Dinge, die da gewachsen sind und ... mit so kreativer Gestaltungsfreude die Dinge umzugestalten.«

Die Dinge zu Ende bringen

Nicht zuletzt gehört zu einem solchen Projekt, dass alles auch seinen Abschluss finden sollte und in Form eines Präsentationsheftes vorgelegt werden kann. Auch diese Bedingung wurde hier in zeitlich vorbildlicher Weise erfüllt: »Ja, und die Sachen wurden alle zu Ende geführt. Das ist jetzt nicht verpufft, das ist jetzt hier kristallisiert und alles ist rechtzeitig fertig geworden zu diesem Rückblicks-Elternabend, der war zwei Wochen nach der Fahrt.«

Und was dachte sich der Oberstufenlehrer?

Im Rückblick auf diese Projektfahrt habe ich mich oft gefragt, wie ich eigentlich dazu gekommen bin, diese genau so und nicht anders vorzubereiten und durchzuführen. Woher stammten überhaupt die Ideen dazu, die Vorstellungen und ebenso die notwendige Gewissheit, das Richtige zu tun? Anders ausgedrückt: Was sind eigentlich meine eigenen Grundlagen, auf denen ich aufbaue, und welches sind meine Quellen, aus denen ich schöpfe? Dabei habe ich im Vorfeld weder Ratgeber noch Fachbücher zum Gelingen von Projekten gelesen oder entsprechende Seminare besucht; das meiste hat sich aus eigener Anschauung und eigenem Suchen entwickelt.

Vertrauen auf Intuition

Wie kann es gelingen, genau diese Schüler auf ihrer Fahrt in der zwölften Klasse innerlich anzusprechen, sie in Bewegung zu bringen und ihnen möglichst Substanzielles mitzugeben? Diese Frage habe ich sehr ernst genommen, sie hat mich fast schon existenziell beschäftigt; dabei habe ich mir die Schüler der Klasse einzeln und zusammen innerlich immer wieder vorgestellt.

Die Antworten und Einfälle, wie die Dinge angegangen werden können, kamen dann quasi von alleine und eigentlich immer zur rechten Zeit. Beruhigend war dabei, dass sie eine große Gewissheit und Sicherheit ausstrahlten, wirklich die richtigen zu sein. Und sie waren es dann auch tatsächlich.

In die Prozesse einbeziehen

Der Umgang und die Kommunikation mit Schülern, Eltern und Kollegen war von der Erkenntnis und dem Bewusstsein geleitet, dass es nicht reicht, das Richtige zu tun, sondern dass es wichtig und notwendig ist, die betroffenen Menschen in die entsprechenden Prozesse mit einzubeziehen und ihnen immer wieder die Möglichkeit der Mitgestaltung zu geben.

Achtung und Positivität

Die Grundhaltung den Schülern gegenüber war von unserem starken Bemühen um einen echten und tiefen Respekt sowie um wirkliche Achtung vor den jungen Menschen geprägt. Unsere Grundhaltung den Schülern gegenüber war von der Überzeugung geprägt, dass in ihnen viel guter Wille, viel Verlässlichkeit, viel Fairness, viel Eigenständigkeit sowie noch viele weitere positive Eigenschaften zu finden sind. Wir haben ihnen einfach viel Gutes zugetraut.

Projektbezogenes Zutrauen

Wir Lehrer waren stets zuversichtlich, dass auch unsere Schüler grundsätzlich neugierig sowie an der Welt und ihren Erscheinungsformen interessiert sind, dass sie grundsätzlich gerne künstlerisch tätig sind und dass sie im tiefsten Inneren auch eine Verbindung zu den Dingen suchen.

Zusammenspiel von klaren Vorgaben und individuellen Freiräumen

Von Lehrerseite aus gab es durchaus klare, eindeutige Vorgaben, die einen strukturierenden Rahmen bildeten und diejenigen pädagogischen Notwendigkeiten, hinter denen wir voll standen, berücksichtigten. Diese Rahmenstruktur bot den Schülern jedoch viele Spiel- und Freiräume, die sie selber wählen und gestalten konnten.

Vertrauen auf das Leben

Trotz achtsamer Vorbereitung war uns klar, dass es eine hundertprozentige Sicherheit für das Gelingen unserer Unternehmung nicht geben kann; wir wussten, es kann auch schief gehen, es kann alles ganz anders kommen, wir können auch scheitern. Aber auch dies wird dann seinen Sinn haben. Mit dieser inneren Grundhaltung konnten wir gelassener auf alles zugehen.

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