Wie Lesen das Sehen inspiriert

Von Christian Rittelmeyer, Juni 2011

Als junger Mann beschrieb der deutsche Schriftsteller Martin Walser rückblickend ein prägendes Erlebnis, das er im Alter von 15 Jahren hatte. Auf dem Dachboden des elterlichen Hauses am Bodensee entdeckte er in einer Kiste ein Bündel zerfledderter Blätter ohne Umschlag und Titelseite.

Das Gedicht auf dem ersten Blatt war geschrieben, »als hätte der Schreiber von eben dem Standpunkt aus in die Alpen gesehen, auf dem ich mich befand«. Der Knabe begann, offenbar zunehmend fasziniert, das lange Gedicht zu studieren. Der Titel lautete: Heimkunft. An die Verwandten.

Erst später erfuhr er, dass es sich dabei um eine Dichtung Hölderlins handelte. Sie beginnt mit diesen Zeilen: 

Drin in den Alpen ist’s noch helle Nacht und die Wolke
Freudiges dichtend, sie deckt drinnen das gähnende Tal. 

Dahin, dorthin toset und stürzt die scherzende Bergluft
Schroff durch Tannen herab glänzet und schwindet ein Strahl … 

Begeistert lief Walser auf die Hügel in der Umgebung und benutzte Hölderlins Gedichte »wie einen Baedeker«, um die Landschaft am Bodensee kennenzulernen. Obgleich ihm diese Landschaft vertraut war, wurde er erst jetzt in einer eigentümlichen Weise aufmerksam und sogar stolz auf sie, »weil in diesen Gedichten so feierlich und so verständlich von ihr gesprochen wurde. Ganz sicher habe ich diese Gedichte nicht durch und durch verstanden, aber die Zeilen, die ich nicht mit unmittelbarer Anschauung erfüllen konnte, waren mir nicht weniger wert als die direkten Hinweise auf das Rheintal oder das ›glückselige Lindau‹. Ich wusste nicht, wer die ›Engel des Jahres‹ sind, hatte keine rechte Vorstellung vom ›Unschicklichen‹, das ein Gott nicht liebt, und die Sorge, die ein Sänger oft in der Seele tragen muss, ›aber die anderen nicht‹, diese Sorge war für mich nichts als ein Gesichtsausdruck meiner Mutter«. 

Die »Namensmusik« dekonstruiert die Wahrnehmung 

Inwiefern ist das Lesen der Hölderlin-Dichtung eine »Inspiration des Sehens«? Und welche Merkmale des Gedichts sind entscheidend für diesen Bildungsprozess?

Welche Eigenarten und individuellen Suchbewegungen des Jugendlichen sind maßgebend dafür, dass ihn gerade diese Dichtung dazu anregt, seine Umgebung mit »neuen Augen« wahrzunehmen?

Offenbar zeigte sich dem literarisch inspirierten Jungen die vertraute Umgebung der Bodenseelandschaft von einer Seite, die er bisher nicht kannte. »So fängt es an: Man bekommt Namen geschenkt für eine Umgebung, die man so auswendig zu kennen glaubt, dass die bekannten Namen schon gar keine Namen mehr sind, sie heißen nichts mehr; dann kommt plötzlich einer, der lauter neue Namen austeilt, und alle passen, alle kann man gebrauchen, und das Klima, die Wolken, der Sonntag, alles passt plötzlich zusammen; alles erhält aber mit der Namensmusik eine Entfernung, denn das spürt man sofort: Zwar ist das da drüben zweifellos das ›glückselige Lindau‹, und die ›scherzende Bergluft‹ hat man schon geatmet, und den Rhein kennt man vom Ausflug her, auch Lindau ist verändert, seit es das ›glückselige Lindau‹ heißt, und der Rhein, der plötzlich das ›göttliche Wild‹ heißt und sich ›ver­wegene Bahn bricht‹, ist mehr als der Fluss, den man vom Ausflug her kennt.«

Für den Jungen scheint es wichtig gewesen zu sein, dass sich bei der Wahrnehmung der Bodensee-Umgebung kein plattes Wiederholen eingespielter Sichtweisen, sondern eine Art »Dekonstruktion« geläufiger Namen ereignete. Dadurch entstehen neue Wahrnehmungsformen, durch die das Individuum sein Weltverhältnis aktiv bildet. Die gewohnten Namen sagen dem Jugendlichen nichts mehr, sie sind leb- und erkenntnislos geworden; dann entdeckt er diese seltsamen Bezeichnungen in einem Gedicht, »und das Klima, die Wolken, der Sonntag, alles passt plötzlich zusammen; alles erhält aber mit der Namensmusik eine Entfernung …«. Das Vertraute wird unvertraut, und man beginnt, es wieder wahrzunehmen.

Das berührt vielleicht ein für den Bildungsprozess Heranwachsender grundlegendes Problem. Was zum Beispiel meint Walser, wenn er die Alpen aus derselben Perspektive gesehen zu haben meint wie der Dichter Hölderlin? Offenbar sind »die Alpen« als bestimmter Begriff, den wir alle assoziieren, nicht das, was der Junge als »Begehren« seiner Naturwahrnehmung spürte. Vielmehr spricht Walser von einem »zweiten Subjekt«, das in einem Raum noch undefinierter Suchbewegungen und Entwicklungsmöglich­keiten agiert und gerade in dieser Suchbewegung durch Hölderlins Gedicht angesprochen wird. Es ist daher möglich, dass Walser hier jenen grundlegenden Vorgang der Ich-Bildung zu benennen sucht, den die französischen Kultur­­theoretiker Jaques Lacan und Paul Ricoeur mit dem Paradox »Ich/Selbst ist ein anderer« und »Das Ich (je) ist nicht das Ich (moi)« beschrieben haben. Lacan zufolge bildet sich die Individualität eines heranwachsenden Menschen keineswegs zunehmend vollkommener, sondern fortwährend als Auseinandersetzung eines noch nicht vergesellschafteten, daher auch dem betreffenden Menschen noch undurchsichtigen »Begehrens« nach einer Vervollkommnung der eigenen Individualität mit dem bereits kulturell sozialisierten Teil der Persönlichkeit, womit deren »Eingewöhnung« in vorhandene und tradierte Regeln der Gesellschaft gemeint ist.

Gerade die eigenartige »Wildheit« des Naturerlebens, die in der Landschafts-Dekonstruktion Hölderlins anklingt, könnte für ein derartiges Bildungsereignis im Übergang des vertrauten zu einem noch unvertrauten Subjekt Belege liefern.

Allerdings ist diese Leseerfahrung Walsers sehr persönlich und vielleicht sogar einmalig. Es ist die rätselhafte und mit neuartigen Sinnbildern operierende Sprache Hölderlins, die auf biographische Suchbewegungen dieses jungen Menschen trifft und dessen in die Natur blickendes Auge neu beseelt. Die Aussage des sich erinnernden Schriftstellers, dieses Gedicht sei so geschrieben, »als hätte der Schreiber von eben dem Standpunkt aus in die Alpen gesehen, auf dem ich mich befand«, spricht dafür, dass dem Jungen kein vollkommen neues Seherlebnis entstand, dass vielmehr eine bereits vorhandene, wohl nur undeutlich und dumpf empfundene Naturstimmung nun klarer fassbar wurde. Die vorsichtige Umschreibung dieses Erlebnisses macht zwar deutlich, dass hier Naturerlebnisse nicht »auf den Begriff« gebracht werden, sondern in ihrer erlebten Plastizität verbleiben sollten. Aber »der Rhein, der plötzlich das ›göttliche Wild‹ heißt und sich ›verwegene Bahn bricht‹«, ist nun offenbar ein klärendes Bild für das Naturerleben, das eine unpoetische Rede vom »Rhein« verfehlen würde. 

Literatur prägt das biographische Selbstbewusstsein 

Der Umstand, dass eine neuartige und faszinierende Natur­erfahrung durch die Dichtung klarer zum Bewusstsein kam und später, wie bei Walser, auch zum Teil des biographischen Selbstbewusstseins wurde, ist kein bloß individueller, er betrifft vielmehr eine in vielen Biographien zu findende Erfahrungstatsache. So berichtete zum Beispiel der amerikanische Zukunftsforscher Francis Fukuyama in einem ZEIT-Gespräch (Nr. 21/2002) über seine Leseerfahrungen mit Aldous Huxleys »Schöne neue Welt« und George Orwells »1984«. Beide Zukunftsromane hatte er als Schüler gelesen. Insbesondere »Schöne neue Welt« regte in ihm die Frage an, »warum eine Welt, die gut zu sein scheint und in der jeder glücklich wirkt, in Wahrheit eine schlechte Welt ist. Ich glaube, damals habe ich angefangen, über diese Dinge nachzudenken«. Bei Fukuyama hat die Lektüre zwar zunächst eine Wirkung auf die geistige Tätigkeit entfaltet, ihn aber dann dazu angeregt, seine Umgebung im Hinblick auf dieses Problem genauer und kritisch zu beobachten.

Eine vergleichbar aufklärende Wirkung haben offenbar für viele Frauen des 19. Jahrhunderts auch die Schriften Friedrich Nietzsches gehabt. Diese Frauen wollten den Konventionen entfliehen, die sie an Familie und Herd fesselten. Sie wollten ihrem Bildungstrieb folgen, der ihnen von so vielen männlichen Zeitgenossen aberkannt wurde, sie wollten – wie die mit Nietzsche zeitweise befreundete Lou Andreas Salomé das nannte – ihre beengende kulturell-konservative »Schnürbrust« abwerfen und endlich frei atmen können. In Nietzsches Werk sahen viele diesen Befreiungsschlag, die Rechtfertigung der Zertrümmerung jener Konventionen. Zugleich faszinierte aber auch eine für sie ebenfalls wichtige, sprachliche ästhetische Formkraft, die ohne Beispiel in der bisherigen Philosophie war.

Allerdings: In Nietzsches Werk finden sich zahlreiche einfältige Äußerungen über Frauen. Daher mussten seine Leserinnen, die von der Sprache und seiner unkonventionellen, befreiend wirkenden Philosophie begeistert waren, diese Merkmale einer mangelnden Wahrnehmungsfähigkeit für das andere Geschlecht gleichsam verdrängen – ein Vorgang, den man in einigen Biographien und Briefen studieren kann.

So berichtete die Malerin Paula Modersohn-Becker 1899 in einem Brief über ihre Lese-Erfahrungen mit Nietzsches Zarathustra, die ihr offensichtlich ein wesentliches Bildungserlebnis vermittelten: »Er wirkt auf mich berauschend mit seiner morgenländischen Psalmensprache, mit seiner tropischen Fülle leuchtender Bilder. Manches Dunkle stört mich nicht. Ich schaue darüber hinweg. Verstehen wir denn im Leben alles? Der Nietzsche mit seinen neuen Werken ist doch ein Riesenmensch. Er hält die Zügel stramm und verlangt das Äußerste der Kräfte. Aber ist das nicht die wahre Erziehung? Sollte nicht in jeder Liebe dies Streben liegen, den geliebten Gegenstand zu seinen schönsten Möglich­keiten zu treiben? Mir war es sonderbar, klar ausgesprochen zu sehen, was noch unklar und unentwickelt in mir ruhte. Ich fühle mich wieder freudig als moderner Mensch und Kind meiner Zeit.« 

Starke Symbole öffnen die Augen 

Das sind Blickerweiterungen, die nicht durch jede beliebige (etwa wissenschaftliche) Lektüre und schon gar nicht durch Literaturgenres provoziert werden, die sich in der Beschreibung des Gewohnten oder dessen Projizierung in eine phantastische Welt erschöpfen. Es sind »starke Bilder«, »kräftige Symbole« – wie der in sein eigenes Bild verliebte Narziss, der gegen Windmühlen kämpfende Don Quijote –, die unsere Augen für neue Wirklichkeiten öffnen wie auch unseren kritischen Blick schulen. Sie regen das tiefere Verstehen und damit Betrachten von Ereignissen wie Objekten an. Es sind literarische Formen wie die Lyrik Hölderlins, die das Befremdende, Ungewohnte, Rätselhafte unserer Wirklichkeit, das unter dem Deckmantel eingespielter Wahrnehmungsgewohnheiten schlummert, wieder sichtbar machen und damit zu biographischen Schlüsselerlebnissen und zu starken Motiven für unsere eigenen Bildebewegungen werden können. 

Zum Autor: Christian Rittelmeyer, geboren 1940, war bis 2003 Professor für Erziehungswissenschaft am Pädagogischen Seminar der Universität Göttingen. Mitbegründer der Arbeitsgruppe »Vormoderne Erziehungsgeschichte« in der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft. 

Literatur:

Martin Walser: Erfahrungen und Leseerfahrungen, Frankfurt/M. 1965
Christian Rittelmeyer: Was sollen Kinder lesen? Kriterien, Beispiele, Empfehlungen, Stuttgart 2009
Renate Berger / Anja Herrmann (Hrsg.): Paris, Paris! Paula Modersohn- Becker und die Künstlerinnen um 1900, Stuttgart 2009

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