Wie war das nochmal? Vergessen und Erinnerung

Von Albert Schmelzer, November 2010

Eine der volkstümlichsten Vorstellungen vom Lernen ist das Bild vom Nürnberger Trichter: Er wird auf den Kopf des Schülers gesetzt und dann gießt man das häppchenweise zubereitete Wissen hinein. Leider hat das so praktische Gerät einen Haken, und den kennen wir aus täglicher Erfahrung: das Vergessen.

Foto: Charlotte Fischer

Gestern noch beherrschte ich die neu gelernten zwanzig englischen Vokabeln, heute sind fünf wie weggeblasen!

Ist also das Vergessen des Lernens Feind? Müssen wir alle pädagogische Anstrengung darauf richten, den Schülerinnen und Schülern ein möglichst lückenloses Gedächtnis anzutrainieren?

Wer sich mit der Lern- und Gedächtnisforschung beschäftigt, wird schnell bemerken, dass es so einfach nicht ist. Denn es gibt Menschen, welche die Wörter von 12.000 Büchern im Kopf behalten, sich selbst aber nicht ankleiden können, die alle Potenzen bis zur fünfzigsten von allen zweistelligen Zahlen kennen, in der Realschule aber sitzengeblieben sind. Solche »idiots savants« erkaufen ihr fantastisches Gedächtnis oft mit mangelnder Intelligenz auf anderen Feldern und mit Defiziten auf emotionalem oder sozialem Felde. Eine Frau klagt über ihre Fähigkeit, zu jedem Datum unmittelbare Ereignisse aus ihrem persönlichen Leben oder dem politischen Geschehen erinnern zu können. Ihr ganzes Leben laufe ihr täglich durch den Kopf und mache sie verrückt.

Stell Dir vor, wir könnten uns nicht erinnern

Offensichtlich ist es vor jeder pädagogischen Praxis wichtig zu bedenken, warum wir das Gedächtnis brauchen und welche Art von Gedächtnis wir anstreben. Stellen wir uns vor, wir könnten uns nicht erinnern. Die Ereignisse flössen vorbei, und alles wäre in jedem Augenblick ungewohnt und neu, auch wir selbst wären uns ein leeres Blatt – das Bewusstsein zerfiele in so viele Splitter wie es Augenblicke gibt, damit aber auch das, was uns als Persönlichkeit konstituiert. Das Gedächtnis schenkt uns die Möglichkeit zu lernen: Erfahrungen können erinnert und tradiert werden, das Vergegenwärtigen von Vergangenem schafft die Voraussetzung für die Gestaltung von Zukunft.

Welche Bedeutung das Gedächtnis für uns hat, wird noch klarer, wenn man die verschiedenen Formen des Gedächtnisses betrachtet, die heute wissenschaftlich – neben Kurzzeit- und Langzeitgedächtnis – unterschieden werden.

Eine erste, elementare Stufe ist das sogenannte »priming« (Bahnung): Reize, die man zu einem früheren Zeitpunkt aufgenommen hat und die erneut auftauchen, prägen sich tiefer dem Gedächtnis ein. Das macht sich die Fernsehwerbung zunutze; zunächst wird ein längerer Spot gebracht, später folgt eine leicht abgewandelte, kürzere Variante.

Ein zweites Gedächtnissystem ist das prozedurale Gedächtnis; dazu gehören Fähigkeiten wie Schwimmen und Fahrradfahren, aber auch das Spielen eines Musikinstrumentes.

Als dritte Stufe kann das reine, kontextfreie Faktengedächtnis betrachtet werden, das Inhalte umfasst wie: »Paris ist die Hauptstadt von Frankreich« oder »Der Dreißigjährige Krieg fand zwischen 1618 und 1648 statt«.

Das höchststehendste, aber auch gegen Störungen anfälligste System ist das episodisch-autobiographische Gedächtnis, das uns ermöglicht, eine Zeitreise in die Vergangenheit zu unternehmen, um bestimmte Ereignisse aus der eigenen Biographie, aber auch aus der Geschichte zu vergegen­wärtigen – wie das Faktengedächtnis ist es mit Reflexion durchdrungen.

Betrachtet man diese Gedächtnisformen, so wird einerseits klar, dass wir sie alle brauchen, andererseits leuchtet unmittelbar ein, dass das Vergessen nicht als Feind, sondern als notwendige Polarität des Erinnerns anzusehen ist. Denn was wäre, wenn die mühsamen Prozeduren des Schwimmen- oder Schreibenlernens immer neu erinnert und damit bewusst gemacht werden müssten? Es ist wichtig, dass einmal Erlerntes ins Unbewusste absinkt – durch das Vergessen bilden sich Fähigkeiten. Das gilt nicht nur für Bewegungen, sondern auch für kognitive Prozesse: das Üben von Rechenaufgaben, Aufsätzen, Fremdsprachen führt dazu, dass uns bestimmte Verfahren »in Fleisch und Blut« übergehen und nun als Fertigkeiten zur Verfügung stehen.

Aber auch für das episodisch-autobiographische Gedächtnis ist das Vergessen von Bedeutung: Es schafft Raum, dass Erfahrungen verarbeitet und mit anderen verwoben werden, es führt Geschehnisse auf das Wesentliche zurück. Vergessen, so der Gedächtnisforscher Hans-Joachim Markowitsch, sei weniger der Zerfall und das Verschwinden bisher aufgenommener Information, als die Verschiebung, Herabstufung und Ummodellierung des zuvor Erworbenen.

Das Gedächtnis ist keine Festplatte

Diese Formung des Gedächtnisses, die sich daran zeigt, dass im Alter Kindheitserlebnisse ungleich farbiger erinnert werden können als in den Jahrzehnten davor, dass wir in gehobener Stimmung negative Erlebnisse aufhellen und umgekehrt, beinhaltet auch die Unterdrückung unwichtiger Aspekte, so dass wir nicht an einer belastenden Informationsschwemme ersticken. In diesem Sinne hat Honoré de Balzac formuliert: »Die Erinnerungen ver­schönern das Leben, aber das Vergessen allein macht es erträglich.«

Die Dynamik und Subjektivität der Erinnerungen zeigt, dass der immer wieder ins Feld geführte Vergleich mit dem Computer verfehlt ist. Es gibt keinen Ort, an dem eine »Festplatte« namens Gedächtnis im Gehirn eingebaut ist, keine Region für Kurzzeit- oder Langzeitgedächtnis. Trotz intensiver neuro-wissenschaftlicher Forschung konnte die Frage nach der leiblichen Verankerung des Gedächtnisses bis heute nicht sicher geklärt werden. Ging man noch vor dreißig Jahren davon aus, dass in Analogie zu den Karteifächern einer altmodischen Bibliothek jedem Hirnareal »seine« bestimmte Funktion zuzuordnen sei, so hat inzwischen ein Umschwung eingesetzt – bis hin zu der Ansicht, dass sich die Hirnregionen, die für die Repräsentation eines Ereignisses relevant sind, über die Zeit hin oder mit zunehmender Übung einer Fähigkeit ändern können.

Erinnern heißt aufwachen, Vergessen einschlafen

Ein gutes Gedächtnis, das mag durch die Überlegungen zum Vergessen deutlich geworden sein, ist nicht etwa ein lückenloses Gedächtnis, sondern eines, das sich durch einen gesunden Rhythmus von Vergessen und Erinnern konstituiert. Es erscheint bemerkenswert, dass Rudolf Steiner schon im Jahre 1919 in seinen Vorträgen zur »Allgemeinen Menschenkunde« auf dieses Zusammenspiel hingewiesen und es zum Rhythmus des Einschlafens und Aufwachens in Beziehung gesetzt hat. Dort sagt er: »Was ist erinnern? Es ist das Aufwachen eines Vorstellungskomplexes. Und was ist vergessen? Das Einschlafen des Vorstellungskomplexes.«

Eine solche Begriffsbildung eröffnet eine interessante Perspektive. Eigenbeobachtung und die Schlafforschung zeigen, dass ein gesunder Schlaf zu leiblicher Erholung, seelischer Ausgeglichenheit und einer stärkeren Präsenz des Ich führt: Wir sind geistesgegenwärtiger und reagieren schneller und adäquater auf unverhofft Eintretendes. Ermöglicht entsprechend das Vergessen ein frisches Lernen? Diese Frage führt uns zunächst auf das pädagogische Feld. Es gilt, die Bedingungen zu beschreiben, die zu einem guten Gedächtnis führen.

Erinnern setzt Aufmerksamkeit und Emotion voraus

Zunächst ist wichtig, wie neue Eindrücke oder Inhalte aufgenommen werden. Generell gilt: Dasjenige kann gut erinnert werden, was mit starker Aufmerksamkeit, energischem Interesse, vor allem intensiver Gefühlsbeteiligung aufgenommen worden ist. Wer wird sich nicht an seine erste Liebe erinnern können? Der Affekt bildet »den unveränderten beständigen Kern der Gedächtnisorganisation«, formuliert der Psychologe David Rapaport, und Rudolf Steiner bezeichnet das Gefühlsleben als eigentlichen »Träger des Bleibenden der Vorstellung«.

Die Abhängigkeit der Gedächtnisleistung vom Grad der Aufmerksamkeit und der emotionalen Beteiligung konnte inzwischen experimentell nachgewiesen werden.

Daraus ergibt sich eine erste pädagogische Forderung: Der Unterricht sollte abwechseln zwischen Momenten der Konzentration und Entspannung, er sollte lebendig gegliedert und bildhaft, kurz: in das Medium des Künstlerischen getaucht sein. Wo es sich anbietet, wird es hilfreich sein, die Affinität von Rhythmus und Gedächtnis zu berücksichtigen. Welche Hilfe für das Erinnern ein bestimmtes Versmaß ist, wussten schon die alten Griechen: die Ilias und die Odyssee waren selbstverständliche Bildungsinhalte und wurden auswendig gelernt. Das Fortwirken eines solchen rhythmischen Gedächtnisses zeigt sich besonders eindrücklich, wenn die rhythmischen Elemente durch Bewegungen unterstützt werden: rhythmisches Stampfen und Klatschen erleichtert das Erlernen der Zahlenreihen beim Einmaleins, rhythmische Bewegungen in Verbindung mit Versmaß oder Reim unterstützen das Aneignen von Fremdsprachen.

Gedächtnis braucht Bewegung

Mit dem Hinweis auf das Element der Bewegung ist ein weiterer Bereich angesprochen, der für die Gedächtnisbildung von Bedeutung ist: Das willentliche Tun schafft eine gute Voraussetzung für das spätere Erinnern. Daher ist es sinnvoll, in der Biologie Pflanzengestalten nicht nur anschauen, sondern auch zeichnen zu lassen oder im Sprachunterricht mit Dialogen, kleinen Szenen und Rollenspielen zu arbeiten. Wesentlich erscheint, dass immer auch ein innerer Mitvollzug angeregt wird. Eine historische Persönlichkeit etwa sollte so anschaulich geschildert werden, dass die Phantasie aufgerufen, die Gestalt innerlich gebildet und ihr Erleben mitempfunden wird.

Auch diese willenshaft orientierte Gedächtnisbildung hat geschichtliche Wurzeln. In frühen Zeiten errichteten nomadisierende Stämme an Orten wichtiger Geschehnisse »Denk-mäler«, bei der Rückkehr an diese Plätze stellte sich das vergangene Erleben wieder ein. Einen Reflex eines solchen »Lokalgedächtnisses« können wir heute noch erleben, wenn wir nach langer Abwesenheit an die Orte unserer Kindheit kommen, sie vielleicht sogar abgehen, und dann bemerken, welcher Reichtum an Erinnerungen sich plötzlich einstellt.

Es ist angedeutet worden, in welcher Weise Gefühl und Wille bei der Aufnahme neuer Inhalte eingebunden werden können, um ein späteres Er­­innern zu erleichtern.

Wissen festigt sich im Schlaf

Anschließend gilt es nun, die schon besprochene produktive Rolle des Vergessens zu nutzen. Ein solches »aktives Vergessen« findet beispielsweise beim gesunden Schlaf statt. Schon Sigmund Freud betonte in seiner »Traumdeutung« (1900) die Wichtigkeit des Schlafs für die Verarbeitung der Tageseindrücke. Inzwischen haben zahlreiche Untersuchungen gezeigt, dass unzureichender Schlaf oder mangelnde Möglichkeiten, bestimmte Schlafperioden – wie den REM-Schlaf oder den Tiefschlaf – einzuhalten, zu Gedächtnislücken führen: der Schlaf hat für die Konsolidierung und Individualisierung aufgenommener Eindrücke, Fakten und Inhalte eine herausragende Bedeutung.

Dieser Tatbestand ist in der Waldorfpädagogik die entscheidende Grundlage für den Aufbau des Unterrichts. Es wird so gearbeitet, dass ein neues Thema nicht schon am ersten Tag zu einem Ergebnis führt. Vielmehr wird am ersten Tag das Interesse geweckt, die Aufmerksamkeit gerichtet und Gefühl und Wille der Schüler angesprochen – das geschieht zum Beispiel bei einem physikalischen Experiment, das sorgfältig beobachtet und staunend gewürdigt wird. Dann folgen die unbewussten Verarbeitungsprozesse der Nacht. Wenn der Gegenstand am nächsten Morgen aufgegriffen wird, antwortet ein in den Schülern entstandenes Bedürfnis nach Einordnung und gedanklicher Durchdringung. Nun kann der Begriff oder die Gesetzmäßigkeit einer Sache ausgearbeitet werden. Diese Dreigliederung des Unterrichts mit der Abfolge von willenshaftem Mitvollzug, gefühlsmäßiger Beteiligung und begrifflicher Durchdringung über zwei Tage ist die eine Art, wie das Vergessen in das Unterrichtsgeschehen integriert wird. Die andere Art ist die Polarität von Epochenunterricht und Epochenpause: Wenn man ein Thema absinken lässt, kann zu einem späteren Zeitpunkt das Wesentliche herauskristallisiert und in den individuellen Erfahrungshorizont eingegliedert werden.

Lernen im Dreischritt

Nach der Aufnahme der Information und ihrer Verarbeitung folgt die Erinnerung. Wie erfolgreich sie ist, hängt neben den schon erwähnten Faktoren von der Kraft ab, die einer Persönlichkeit zu einem gegebenen Zeitpunkt zur Verfügung steht. Jeder weiß, dass diese Kraft nicht nur eine Frage der bewussten Motivation ist. Manchmal kommen wir beim besten Willen nicht auf das Gesuchte, dann spüren wir, dass der Name, das Ereignis oder der Zusammenhang »nah« ist, dann liegt er uns auf der Zunge … Die Kraft, das Versunkene wieder ins Bewusstsein zu heben, steht in Verbindung zur gesamten Lebensorganisation, vor allem zur psychischen und körperlichen Gesundheit. Wenn ein Kind nervös oder krank ist, wird es sich schlecht erinnern können. Kontraproduktiv auf allen Stufen der Gedächtnisbildung sind Stress und Angst. Die Psychiatrie kennt zahllose Varianten stressinduzierter Gedächtnisstörungen. Stress kann zu Blockaden führen, die den Zugang zur Information versperren.

Vor diesem Hintergrund erscheint ein Unterricht, der ohne Druck und ohne Verweis auf drohendes Versagen auskommt und stattdessen von Bildhaftigkeit, Phantasie und Humor durchzogen ist, als bestes Gedächtnistraining – und sinnvoller als der Nürnberger Trichter.

Zum Autor: Albert Schmelzer war Waldorflehrer und hat an der Mannheimer Waldorfschule Geschichte unterrichtet. Heute ist er als Dozent an der Freien Hochschule für anthroposophische Pädagogik in Mannheim tätig.

Literatur:

Hans-Joachim Markowitsch: Dem Gedächntis auf der Spur. Vom Erinnern und Vergessen, Darmstadt 2002

Rudolf Steiner: Allgemeine Menschenkunde als Grundlage der Pädagogik, 7. und 8. Vortrag, Dornach 1992

Ders.: Menschenerkenntnis und Unterrichtsgestaltung, 1. Vortrag, Dornach 1959

David Rapaport: Gefühl und Erinnerung, Frankfurt a. M. 1997

Manfred Spitzer: Lernen. Gehirnforschung und die Schule des Lebens, München 2007

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