Wissenschaft und Pädagogik

Von Lorenzo Ravagli, Oktober 2011

Heinz-Elmar Tenorth, emeritierter Erziehungswissenschaftler an der Humbold-Universität zu Berlin, setzt sich am 27. Oktober 2011 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung mit der Forderung nach »evidenzbasierter Bildungsforschung« mancher Erziehungswissenschaftler auseinander.

Wer vieles bringt, wird manchem etwas bringen, manchem wiederum nicht ...

»Evidenzbasierte Forschung« kennt man hierzulande aus der Medizin. Sie hat dazu geführt, dass eine Reihe bewährter Medikamente aus der Kassenförderung herausgefallen ist, zum Leidwesen vieler Patienten. In den USA wurde die evidenzbasierte Bildungsforschung im Programm »No Child Left Behind« der Regierung Bush propagiert. Sie zielt nach Tenorth auf zweierlei: Bildungsforschung soll nur öffentlich gefördert werden, wenn sie bestimmte methodische Kriterien erfüllt. Dazu gehören kontrollierte Stichproben, festgelegte experimentelle Designs, eine spezifische Vernetzung von Theorie, Forschung und Datenanalyse und die Veröffentlichung der Ergebnisse in Zeitschriften, die sich der »peer review« bedienen, also bestimmte Denkstile von Forschungskollektiven perpetuieren. Und Programme im Bildungssystem sollen nur noch gefördert werden, wenn sie auf einer solchen Forschung beruhen und ihre »Wirksamkeit« nachweisen – wie in der Arzneimittelforschung, wo – umstrittene – »Wirkungs«nachweise durch Doppelblindversuche erbracht werden sollen. Laut Tenorth läuft die Forderung nach »evidenzbasierter Bildungsforschung« auf eine »Monopolisierung experimenteller Forschungsmethoden« und auf diesen aufbauender, bildungspolitischer Programme hinaus: »Was nicht wissenschaftlich, und zwar kausal, beglaubigt ist, wird nicht gefördert.«

Dieser Forderung hält Tenorth die Uneindeutigkeit wissenschaftlicher und bildungspolitischer Programme entgegen. Denn in der Realität haben Programme höchst unterschiedliche Wirkungen, beabsichtigte und unbeabsichtigte, gute und weniger gute, vielfach offene, uneindeutige. Ja, man findet sogar die gleichen Wirkungen bei unterschiedlichen Programmen und unterschiedliche Wirkungen bei gleichen Programmen, und all diese Befunde können, je nach Umwelt und Referenzrahmen, auch noch unterschiedlich interpretiert werden. Angebliche Kausalitäten sind häufig nur stärker oder schwächer erkennbare Zusammenhänge, oft ergeben sich Abweichungen ohne eindeutige Handlungskonsequenzen, mehr als genug gerade keine Evidenzen, eindeutigen Wirksamkeiten oder alternativlosen Konsequenzen. Das liegt natürlich daran, dass Menschen keine physikalischen Systeme sind, die eindeutigen Kausalitäten unterworfen sind, daran, dass es von »Systemen«, denen Freiheit und Kontingenz immanent ist, keine wissenschaftliche Erkenntnis nach dem Modell der zweiwertigen Logik geben kann. Wer das immer noch glaubt, sollte zur Kenntnis nehmen, dass selbst die Physik mittlerweile das Prinzip der Eindeutigkeit (Bestimmbarkeit) hinter sich gelassen hat.

Empirische Bildungsforschung, mag sie evidenzbasiert sein oder nicht, so das hier zu ziehende Fazit, kann Wirkungen pädagogischer und bidungspolitischer Programme weder voraussagen, noch leitende Ideen für die Praxis produzieren. Und selbst ihre Ergebnisse sind alles andere als eindeutig. Warum daher nicht auf die Praxis und bewährte Methoden vertrauen, wie sie zum Beispiel in der Waldorfpädagogik seit über neunzig Jahren angewandt werden? Diese Pädagogik ist in einem ganz anderen Sinn »evidenzbasiert« – sie stützt sich nicht auf Doppelblindversuche, sondern auf die Evidenz von Ideen, zu denen auch ein differenziertes Bild des Menschen gehört und ihre erziehungskünstlerische Umsetzung, und sie erzielt seit langem ausgezeichnete Ergebnisse, wie seit kurzem gerade die »empirische« Bildungsforschung konstatiert. Ähnlich wie in der Medizin, kann man der Forderung nach Doppelverblindung und vergleichbaren Absurditäten eine »Cognition Based Education« entgegenhalten, die der Erfahrung und dem Urteilsvermögen der Praktiker vertraut, die ihrerseits der Evidenz von Ideen vertrauen.

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