Wo gibt es Lavendeleis?

Von Jessica Gube, Oktober 2022

Während in der Unterstufe in den Fremdsprachen vor allem das sinnliche Erleben im Vordergrund steht, hält ab der fünften Klasse mit dem Französischschreiben und der Grammatik behutsam das Ordnende Einzug in den Unterricht. Die Waldorflehrerin Jessica Gube berichtet aus ihrem Französischunterricht in einer fünften Klasse.

Obst- und Gemüseverkauf inklusive typischer Marktschreie der Händler:innen, Bäckereiwaren, Lebensmittel aus dem kleinen Stadtteil-Laden … In der Unterstufe gibt es viele konkrete Möglichkeiten zum sinnlichen Erleben der Fremdsprache. Sprache lebendig und anschaulich zu machen, ist eines der großen Motive für die ersten Schuljahre.

In der Mittelstufe wird es schulischer: Der Erwerb der Schriftsprache und die Grundstrukturen der Grammatik sind neben dem weiteren Wortschatzerwerb wichtige Elemente der Klassen fünf bis acht.

Umso schöner ist es, wenn sich Gelegenheiten bieten, Sinnliches mit Gedanklichem zu verknüpfen, Nachklänge aus der Unterstufe mit dem neuen Arbeitsansatz der Mittelstufe zu verbinden – so geschehen beim Eisverkauf im Französischunterricht der fünften Klasse.

Welche Eissorten gibt es auf einer französischen Eiskarte, wie bestellt man seine Favoriten, eine bestimmte Anzahl Kugeln, in der Waffel, im Becher? Zunächst wird anhand der Bilder auf der Eiskarte der Wortschatz mündlich vermittelt und direkt auch im Satz angewendet, in Fragen und Antworten, die erst einzeln geübt werden, dann miteinander kombiniert und variiert, je nach persönlicher Vorliebe und Geschmacksrichtung. Da darf das typische französische Lavendeleis natürlich nicht fehlen.

Nach der mündlichen Verankerung folgt das lesende Üben, in ganzer Klasse und in Partner:innenarbeit. Zu zweit schreibt man anhand verschiedener Vorlagen einen kleinen Dialog, übt ihn auswendig ein und spielt ihn vor der Klasse vor. Nach einer Reihe von Tagen ist das Thema geläufig. Nun kommt die Krönung: Es gibt echtes Eis; wir verwandeln das Klassenzimmer in eine Eisdiele. Zur großen Überraschung aller (auch der Lehrerin) hat Ulrika zu Hause mit Hilfe ihrer Mutter für die gesamte Klasse knusprige Waffelhörnchen gebacken. Im Klassenverkauf gibt es nun zwar nur drei Sorten zur Auswahl, die aber von Schüler-Verkäufer:innen an die Mitschüler:innen verkauft werden, in der Waffel oder im Becher. Auch an ein veganes Eis für Lennox ist natürlich gedacht. Eine Kugel Eis kostet fiktiv die angenehm runde Summe von einem Euro. Nun tönt es auf Französisch:

Bonjour. – Bonjour, vous désirez? – Je voudrais une glace, s'il vous plaît. – Combien de boules? – Deux boules, s'il vous plaît. – Cornet ou coupelle? – Un cornet, s'il vous plaît. – Quels parfums? – Yaourt et lavande! – Et voilà, ça fait deux euros! – Voilà l’argent! – Voilà la monnaie! – Au revoir! – Au revoir!
Bonjour. – Bonjour, qu’est-ce que tu veux? – Je voudrais une glace, s'il vous plaît – Combien de boules? – Une boule, s'il vous plaît. – Cornet ou coupelle? – Une coupelle, s'il vous plaît. – Quel parfum? – Citron! – Et voilà, ça fait un euro! – Voilà l’argent! – C‘est parfait, merci! – Au revoir! – Au revoir!
Aber halt! Im Klassenzimmer muss man doch nicht bezahlen! Also ändern wir den Schluss: – Aujourd‘hui, c’est gratuit! – Merci!

Wen wunderts, dass die Schüler:innen mit Schoko- und Vanilleschnuten schließlich lächelnd sagen: «Das war die schönste Französischstunde, die wir je hatten!»

Jessica Gube, *1964; Studium der grundständigen Waldorfpädagogik in Witten-Annen. Fremdsprachen-Diplom Französisch an der Alliance Française/Paris, Lehrerin für Musik, Deutsch als Fremdsprache und Französisch an den Waldorfschulen Witten, Bochum, La Mhotte/Frankreich und Lensahn/Ostholstein. Tätig als Dozentin in der Waldorflehrer:innenausbildung. Kontakt: gube.lensahn(at)t-online.de

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