Wohltemperiert

Von Henning Köhler, Februar 2016

Zum Kernbestand akademischer Waldorf-Kritik gehört der Vorwurf, wir hielten an einer antiquierten Temperamentenlehre fest – so zum Beispiel Heiner Ulrich in seinem 2015 erschienenen Buch Waldorfpädagogik, Eine kritische Einführung.

Das wird gern als völlig unberechtigt zurück­gewiesen, weil die von Steiner nicht erfundene, aber vertiefte Temperamentenlehre eben zu den heiligen Kühen der Waldorfwelt gehört. Nun haben wir aber andererseits in Steiners Tradition den Anspruch, redliche Phänomenologen zu sein, und Phänomenologen kennen keine heiligen Kühe, sie orientieren sich einzig an der Lebenswirklichkeit, Seelenwirklichkeit. Es gibt also auf solche Vorhaltungen nur eine angemessene Reaktion: Sie unvoreingenommen zu prüfen unter Einkalkulierung der Möglichkeit, an ihnen könnte etwas Wahres sein.

Ulrich brachte seine Kritik schon vor 30 Jahren vor, in seinem Buch Waldorfpädagogik und okkulte Weltanschauung. Ich las das damals und war gar nicht so abgeneigt, denn mich hatten selbst Zweifel befallen. Warum? Ganz einfach: Ich konnte die klassischen Temperamentszuordnungen nur bei sehr wenigen Kindern vornehmen und musste mich nun entscheiden, wem ich mehr trauen sollte: meinen eigenen Augen oder der reinen Lehre.

Übrigens: Kinder nach Temperamenten zu unterteilen, ist keineswegs ein waldorfspezifisches Relikt aus vorwissenschaftlicher Zeit. So kamen beispielsweise Alexander Thomas und Stella Chess in den 1970er Jahren – streng empirisch – auf drei Temperamentstypen (umgänglich, schwierig, schwer zugänglich für andere); der Entwicklungspsychologe Jerome Kagan unterschied in den 1980ern nur noch zwei: Typ 1 = zurückhaltend, aufmerksam, sanft; Typ zwei = unbefangen, energisch, impulsiv. Man denkt unwillkürlich an Carl Gustav Jungs Unterscheidung introvertiert – extravertiert. Kagan spricht in seinem Klassiker Die Natur des Kindes sogar von einem »neuen Forschungsfeld«.

Ich selbst kam zu dem Ergebnis, dass sich im Verlauf des 20. Jahrhunderts offenbar etwas geändert hat. Man findet heute nur noch bei wenigen Kindern ein klar dominantes Temperament. Zumeist sind nach meiner Wahrnehmung drei Temperaments-»Farben« ganz deutlich, zwei davon überdeutlich, während eine zu fehlen scheint oder blass bleibt. So begegne ich melancholisch-phlegmatischen Kindern mit gelegentlichen cholerischen Ausbrüchen, aber ohne die »quecksilbrige« Seite des Sanguinikers.

Oder cholerischen Sanguinikern mit häufigen melancholischen Anwandlungen, denen man wünschen würde, sie könnten auch die Vorzüge des phlegmatisch-wohligen In-sich-Ruhens genießen.

Zumindest unter heilpädagogischen Gesichtspunkten bewährt es sich mehr, auf die Mischung und auf das sozusagen Vernachlässigte zu achten, als nach dem einen hervorstechenden Temperament zu suchen.

Unbenommen bleibt: Mit den vier charakterologischen Grundgesten – wie ich sie lieber nenne – wird etwas Urbildhaftes, spezifisch Menschliches beschrieben.

Wir alle spielen zeitlebens auf dieser Klaviatur. Aber das Spiel wandelt sich

Kommentare

Hartmut Kastell, 08.02.16 09:02

Eine Ergänzung:
Im Vortrag vom 22.8.1922 (Die geistig-seelischen Grundkräfte der Erziehungskunst, GA 305, 6.Vortrag) formuliert Rudolf Steiner das Ziel, jedes Kind in seiner Eigenheit, seiner Individu-alität wahrzunehmen. Er schildert dann die Temperamente und sagt, dass sie „immer vermischt“ und Tore seien, um sich dieser Individualität zu nähern: „So, sehen Sie, handelt es sich darum, dass man nun immer mehr und mehr den Weg findet, durch die Temperamente hindurch ganz ins Individuelle des Kindes, in das Persönliche hineinzukommen.“

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