Work is love made visible

Susanne Becker, Simone de Picciotto, Hans-Peter Seeger

Die Waldorfschule von Windhoek liegt etwas außerhalb im Osten der Stadt inmitten sanfter Hügel. Susanne Becker vom Berliner Waldorflehrerseminar hat mit dem Geschäftsführer der Schule, Hans-Peter Seeger, und seiner Frau Simone de Picciotto, die dort als Klassenlehrerin arbeitet, über ihre Arbeit und Zukunftspläne in Namibia gesprochen. 

Susanne Becker | Welcher Weg führte euch nach Windhoek? 

Simone de Picciotto | Das war ein sogenannter Zufall. Wir haben lange auf der Schwäbischen Alb in einer anthroposophischen Jugendhilfeeinrichtung gearbeitet und irgendwann war etwas Neues dran. 

Hans-Peter Seeger | Wir haben ein paar Sachen in Deutschland angesehen, und auf dem Rückweg im Zug fragte ich meine Frau: Wie wäre es denn mit Bayern? Da meinte sie: Da ziehe ich schon lieber nach Afrika. Als wir nach Hause kamen, lag da ein Rundbrief der »Freunde der Erziehungskunst« mit einem Artikel über die Schule in Windhoek. 

SP | Da stand drin: Wir suchen jemanden, der unsere Oberstufe aufbaut und jemanden, der unser Schülerheim betreut. Wir haben per E-Mail einen Dreizeiler hingeschrieben: Am nächsten Tag haben sie angerufen. Wir sagten: Wir kommen, um die Schule anzuschauen. Als wir den Flug gebucht hatten, riefen sie wieder an und sagten: Dich brauchen wir, aber ihn nicht. Den Posten haben wir schon besetzt. Wir wollten dann wenigstens Urlaub in Namibia machen und uns die Schule anschauen und sie haben uns vom Flughafen abgeholt. In dem Gespräch am ersten Abend hat sich herausgestellt, dass Hans-Peter nicht nur Heilpädagoge ist, sondern auch Geschäftsführer und Heimleiter und dass sie eigentlich einen Geschäftsführer brauchten. 

SB | Und Du hattest Lust, Geschäftsführer zu werden? 

HPS | Ja, ich war ganz offen. Es ist kein klassischer Geschäftsführerjob, sondern sehr vielseitig. Das fängt mit Aufräumen an, umfasst Personal und Verträge, Konzepte, Visionen und Öffentlichkeitsarbeit. Ein breites Spektrum. 

SP | Die Schule plante damals, bis zur 10. Klasse zu gehen, nach der Zehntklassprüfung die Schüler, die weiter zur Schule gehen wollen, auf andere Schulen zu schicken. Ich konnte mir vorstellen, die 8. Klasse zu übernehmen, aber ich war eigentlich keine Oberstufenlehrerin. Als wir dann ein halbes Jahr später kamen, hatte die Schule beschlossen, bis zur 12. Klasse hochzugehen. Ich sah mich dafür nicht qualifiziert. Aber irgendwie bin ich reingewachsen. Wir haben die Oberstufe aufgebaut. Da wir nur drei Lehrer waren, habe ich völlig fachfremd in der Oberstufe unterrichtet, Biologie und Geschichte, Deutsch, Musik, Englisch und Theater. Es war für mich im Endeffekt toll und hält mich schon fast davon ab, nach Deutschland zurückzukehren, weil ich jetzt hier eine Lehrgenehmigung habe und Prüfungen in der 12. abnehmen kann, was ich in Deutschland gar nicht darf. 

SB | Ist Waldorfpädagogik in Afrika anders als in Deutschland? 

SP | Die Pädagogik ist die gleiche, aber wie setze ich die Inhalte hier um? Zum Beispiel das Parzivalthema in der 11. Klasse. Da stellt sich die Frage: Was soll eine Rittergeschichte mitten in Afrika? Worum geht es eigentlich? Es geht um die Initiation eines jungen Mannes ins Erwachsenenleben und das ist weltweit ein Thema. Wie mache ich es jetzt? Wir machen eine Wüstenwanderung, gehen fünf Tage in die totale Einsamkeit und ich erzähle die Geschichte als Minnesänger. Die Schüler sind eine Woche komplett auf sich gestellt und erleben die Geschichte an sich selbst. Ich kann sagen: Das Thema ist weltweit gültig. Aber wie ich es umsetze, das muss ich hier herausfinden. 

SB | Wieso ist die Schule in den ersten sieben Jahren deutschsprachig? 

SP | Wir diskutieren das jedes Jahr von Neuem. Deutsch zunächst vor allem, weil die Gründer deutschsprachige Eltern waren, die Beziehungen zu Deutschland hatten und deutschsprachige Lehrer hierher holten. In den ersten Schuljahren waren deutschsprachige Kinder in der Mehrzahl. Inzwischen ist es nicht mehr so. Aber wenn Du in Namibia beruflich weiterkommen willst, musst du fließend Deutsch, Afrikaans und Englisch sprechen. Vor drei Jahren haben wir eine Umfrage bei den Eltern der Unterstufe gemacht, ob wir auf Englisch umstellen sollen, da waren es vor allem die schwarzen Eltern, die »nein« gesagt haben. 

SB | Was sind eure Pläne?

HPS | Wie lange wir bleiben, hat wie bei jeder Stelle immer mit dem zu tun, was noch gemacht werden muss. Es sind immer Bögen mit Aufgaben, und dann schauen wir wieder, ob es abgeschlossen ist. Jetzt müssen wir die Oberstufe konsolidieren, mit der praktischen Ausbildung verzahnen und akkreditieren lassen. Da mittendrin zu gehen, wäre nicht gut. 

SB | Es soll also irgendwann Ausbildungen in den erwähnten Bereichen geben?

HPS | Ja, die Schüler sollen Prüfungen ablegen können, damit sie am Ende der drei Jahre einen richtigen Ausbildungsabschluss haben. Das müssen wir noch genau aus­arbeiten, wenn wir beharrlich dranbleiben, wird es so kommen, so einmalig es sein wird.

SB | Ist das eure Idee?

HPS | Es gibt solche Werksmodelle an anderen Orten. Aber unser Modell soll namibisch werden. Ich habe 18 Jahre Jugendhilfe gemacht, mit Schule, Beruf und Leben. Es ist für junge Menschen sehr heilsam, wenn sie einen echten Bezug zu einem Beruf haben, zu Tieren, Holz, Feuer, Landwirtschaft, zum Backen, den Urelementen des Menschseins.

Mit Amboss und Metall gearbeitet zu haben, eine Pflanze vom Samen bis zum leckeren Salat aufgezogen zu haben, und das nicht nur einmal im Kindesalter!

SP | Wir hatten früher immer Arbeitswochenenden in der Schule. Nur sind die Eltern nicht selber gekommen, sondern haben ihre Angestellten geschickt.

HPS | Da kamen dann die Gärtner und haben sich hier nützlich gemacht. Das ist ein bisschen schwarz-weiß gemalt, aber die Tendenz ist so.

Deshalb ist hier in Namibia eine Ausbildung im Handwerk, im Praktischen sehr wichtig. Wenn unser Motto ist »Work is love made visible«, dann ist das auch eine Antwort für die, die fragen: »Warum muss unser Kind in der sechsten Klasse hier mit der Schubkarre rumfahren? Das ist doch nicht nötig. Dafür gibt’s doch Gärtner.« In keinem Land geht die Schere zwischen arm und reich so weit auseinander wie in Namibia.

SP | Es gibt viele Reiche und viele Arme und nichts dazwischen. Das spiegelt sich auch in unserer Schülerschaft wider. Wir haben schwache und starke Kinder aus armen und aus reichen Verhältnissen, Schüler, von denen wir wissen, es wird schwer für sie werden, überhaupt eine Prüfung zu schaffen, oder andere, die mit Verve durch die Uni gehen werden.

Die Schüler, die wahrscheinlich keine akademische Ausbildung machen werden, haben dann eine abgeschlossene praktische Ausbildung, und die, die Ingenieure werden, haben das auch. Die meisten Ingenieure haben doch noch nie etwas in die Hand genommen. So profitiert jeder davon, egal in welche Richtung er hinterher geht.


Die Waldorfschule Windhoek ist einzügig, hat eine Vorschule und die Kinder können sie nach 13 Jahren mit der Hochschulreife für Namibia und Südafrika verlassen. Sie wurde vor zehn Jahren von deutschsprachigen Weißen gegründet, um eine Alternative in der Bildungslandschaft für ihre Kinder zu schaffen. Die ersten Klassen wurden hauptsächlich von weißen Kindern besucht. Mittlerweile ist die Mehrzahl der Schüler in den unteren Klassen farbig. Es gibt Nachmittagsbetreuung und, in Namibia nicht ungewöhnlich, Internatsplätze. Das Land ist dünn besiedelt und Kinder von weit entfernt gelegenen Farmen können nicht täglich pendeln. Unterrichtssprache bis zur 7. Klasse ist Deutsch, wobei die Kinder auch Englisch sowie Afrikaans, Oshindonga und Khoekhoegowab lernen. Ab der 8. Klasse findet der Unterricht auf Englisch statt.