Anthroposophie und Rechtsextremismus? Zum Verhalten der Waldorfschulen im »Dritten Reich«

Von Peter Selg, November 2020

Nach der letzten Demonstration gegen die Corona-Maßnahmen in Berlin am 29. August 2020 erschienen erneut verschiedene Zeitschriften-Artikel, die der Anthroposophie und den Waldorfschulen eine Nähe zum Rechtsradikalismus unterstellten.

Foto: © pixelputze / photocase.de

»Homöopathen« und »Impfgegner« hätten mit Neonazis und Reichsbürgern demonstriert, so berichtete »zeitonline« am 1. September und versuchte aufzuzeigen, inwiefern Rudolf Steiner, die Anthroposophie und die Anthroposophen von jeher eine Affinität zum rechten Rand des politischen Spektrums, daher auch zum Nationalsozialismus gehabt hätten (Annika Brockschmidt [1]).

Johannes Creutzer publizierte im linken Magazin »konkret« im September seinen Artikel »Hogwarts für Ungeimpfte« über die »Gefährlichkeit« der Waldorfschulen – gefährlich für die »geistige Verfassung« der Schulkinder und für ihre »Gesundheit«, damit auch für die Gesellschaft. (2) Creutzer bot in seinem Beitrag an Diffamierungen, Entstellungen und Absurditäten noch einmal vieles von dem auf, was Peter Bierl und Helmut Zander – seine einzigen Literaturquellen – seit Jahrzehnten behauptet und verbreitet haben, vom Rassismus und dem, so Creutzer, »allgemein bekannten«Antisemitismus Rudolf Steiners bis hin zu den angeblich hochgradig »ideologisierten« Waldorfschulen der Gegenwart, die mit ihren abwegigen Lehrinhalten u.a. schwere Infektionskrankheiten »karmisch« verklären und daher auch die Masern kultivieren würden.

Für den Autor des Magazins »konkret« und für die Autorin von »zeitonline«gehören Anthroposophen und Waldorfschulen dem gefährlichen »Rechtsaußen«-Spektrum der deutschen Gesellschaft an; 2019 schrieb der »Skeptiker«-Autor André Sebastiani im inhaltlichen Anschluss an Zander: »Die Anthroposophie ist im Kern eine egalitäre, dogmatische, irrationale, esoterische, rassistische, antiaufklärerische Weltanschauung. Wer für eine wirklich freie Gesellschaft eintritt, sollte sich ihr entgegenstellen.« (3)

Ich möchte nachfolgend in aller Kürze bilanzieren, was über die deutschen Waldorfschulen in der Zeit des Nationalsozialismus nach gegenwärtigem Kenntnisstand zu sagen ist – als Basisinformation in Zeiten der Emotionalisierung und Diffamierung, der Polarisierung und Demagogie, die eine hohe Verunsicherung nach sich ziehen, diese möglicherweise aber auch bezwecken. (4,5)

Die Stuttgarter Waldorfschule wurde 1919 als Teil eines zivilgesellschaftlichen Reformmodells gegründet, das die Autonomisierung der Bildungs- und Kultureinrichtungen von den Einflussgrößen des Staates und der Wirtschaft intendierte (»soziale Dreigliederung«), und begann als Schule für Arbeiterkinder der Waldorf Astoria-Zigarettenfabrik mit großem didaktischem Elan, pädagogischem und sozialem Enthusiasmus. (6) Im Zentrum stand die Erkenntnis und Förderung des Kindes auf Grundlage einer differenzierten Menschenkunde und intensiven Beziehung– sowie die Entwicklung von Sozialfähigkeiten.

Die rechtsnationalen, völkischen, antisemitischen und rassistischen Gruppierungen der Weimarer Republik verfolgten den humanistischen und freiheitlichen Ansatz Steiners bereits 1919 mit scharfer Kritik und Hass, wie von Lorenzo Ravagli in allen Einzelheiten nachgezeichnet wurde. Dies betraf auch die Waldorfschulen. (7) Hitler schrieb bereits 1921 im »Völkischen Beobachter« über den gefährlichen »Gnostiker« und Anthroposophen Steiner, den »Anhänger der Dreigliederung des sozialen Organismus und wie diese ganzen jüdischen Methoden zur Zerstörung der normalen Geistesverfassung der Menschen heißen«. (8) – »Wenn diese Herren an die Regierung kommen, kann mein Fuß deutschen Boden nicht mehr betreten«, sagte Rudolf Steiner im November 1923, in den Tagen nach Hitlers »Marsch auf die Feldherrenhalle« (9); er hatte bereits vier Jahre zuvor, kurz vor der Schuleröffnung, die Lehrer vor einer kommenden Zeit des Totalitarismus gewarnt, in der die Waldorfschule einen ausgesprochen schweren Stand haben würde: »Die Politik, die politische Tätigkeit von jetzt wird sich dadurch äußern, dass sie den Menschen schablonenhaft behandeln wird, dass sie viel weitergehend als jemals versuchen wird, den Menschen in Schablonen einzuspannen. Man wird den Menschen behandeln wie einen Gegenstand, der an Drähten gezogen werden muss, und wird sich einbilden, dass das einen denkbar größten Fortschritt bedeutet«, sagte Steiner zu dem Lehrerkollegium. »Wir werden einem harten Kampf entgegengehen und müssen doch diese Kulturtat tun. […] Jeder muss seine volle Persönlichkeit einsetzen von Anfang an.« (10) Und an anderer Stelle: »Diese Schule wird, sobald sie einmal so dasteht, jeden Ruck nach links aushalten, nicht aber einen entschiedenen Ruck nach rechts.« (11)

Unmittelbar nach der »Machtergreifung« der Nationalsozialisten im Januar 1933 gerieten die Anthroposophische Gesellschaft und viele anthroposophische Einrichtungen unter hohen politischen Druck. Der Tübinger Religionsforscher Professor Jakob Wilhelm Hauer, der später als selbsternannter Anthroposophie-»Experte« in engem Kontakt zu Himmler stand, schrieb bereits im Herbst 1933 an den württembergischen Ministerpräsidenten und Kultusminister Christian Mergenthaler in einem Gutachten, die Waldorfschulen bedeuteten eine »ungeheure Gefahr für den Aufbau einer echten deutschen Erziehung«. (12) Auch eineinhalb Jahre später, am 7.2.1935, betonte Hauer in einer neuerlichen Stellungnahme für den Sicherheitsdienst, dass die Anthroposophie die zwei »Grundpfeiler« der nationalsozialistischen Weltanschauung und des Dritten Reiches verneine – den »Gedanken von Blut, Rasse, Volk« und die »Idee vom totalen Staat«. (13) Mergenthaler leitete Hauers Gutachten an Reichserziehungsminister Rust weiter; im Verbotstext der Anthroposophischen Gesellschaft, den Reinhard Heydrich nach langer Vorbereitung im November 1935 unterzeichnete, heißt es explizit: »Die auf der Pädagogik des Gründers Steiners aufgebauten und in den heute noch bestehenden anthroposophischen Schulen angewandten Unterrichtsmethoden verfolgen eine individualistische, nach dem Einzelmenschen ausgerichtete Erziehung, die nichts mit den nationalsozialistischen Erziehungsgrundsätzen gemein hat.« (14)

Man kann im Einzelnen darstellen, wie die Freien Waldorfschulen nach 1933 über Jahre versuchten, ihre drohende Schließung zu verhindern; die dabei eingeschlagenen Wege der rhetorischen Anpassung und der Diplomatie, der Gefügigkeit und des partiellen Opportunismus muten dabei aus heutiger Sicht wenig heroisch und anziehend an. (15) Die Waldorfschulen fügten sich der erzwungenen »Gleichschaltung« und bildeten den geforderten »Reichsverband der Waldorfschulen« (kurz darauf: »Bund der Waldorfschulen«), der als solcher in den »Nationalsozialistischen Lehrerbund« eintreten musste. Sie trennten sich auf behördliche Anweisung – ebenso wie alle anderen Schulen – von ihren jüdischen Lehrern. Einzelne Schulvertreter sandten devote Erklärungen an Behörden, in denen sie die Vereinbarkeit der Waldorfschulen mit dem »neuen Deutschland« unter Beweis zu stellen versuchten. An verschiedenen Schulen engagierten sich nationalsozialistisch orientierte Eltern (die nachweislich nur einen kleinen Bruchteil der Gesamtelternschaft ausmachten) und versuchten, die Verhandlungen mit den Behörden in die Hand zu nehmen. Die Schulleiterin der Dresdner Waldorfschule, Elisabeth Klein, führte auf eigene Faust – später auch mit »Bund«-Mandat – viele Gespräche mit hohen NS-Politikern und Ideologen wie Alfred Baeumler und Otto Ohlendorf, die den geistigen Kern der Anthroposophie radikal ablehnten, einzelne ihrer Arbeitsergebnisse aber für den NS-Staat ausnutzen wollten, darunter Demeter-Produkte oder didaktische Elemente der Waldorfpädagogik. (16)

Klein erreichte Ausnahmeregelungen für ihre Dresdner »Modellschule«, die erst 1941 verboten wurde, zeitgleich mit Kleins Verhaftung. – Man kann all diese Strategien aus heutiger Sicht verurteilen und die Auffassung vertreten, die neun Freien Waldorfschulen hätten 1933 tunlichst schließen und ihre rund 2500 Schüler in die NS-Staatsschulen schicken sollen. Genau das aber wollten die Lehrer um der Kinder und Jugendlichen willen nicht.

Die historischen Dokumente zeigen auf der anderen Seite, dass den anpassungsrhetorischen Bekundungen einzelner Waldorfschulvertreter bei den Behörden, bei der NSDAP und der SS in keiner Weise geglaubt wurde (die Anthroposophen hätten sich, so hieß es noch 1941 in einem abschließenden Bericht des Reichssicherheitshauptamtes, »ganz bewusst den Schein des Harmlosen« zugelegt, aber ihre Denkweise nicht geändert) (17). Die Dokumente zeigen des Weiteren, dass die strategischen Kompromisse in den Lehrerkollegien hochumstritten waren – viele Lehrer reagierten auf die Eingaben ihrer »Vertreter« an die Behörden entsetzt und protestierten. Die Dokumente zeigen auch, dass das Unbehagen der Lehrer über das Vorgehen von Elisabeth Klein groß war und schließlich eine völlige Abwendung von ihr zur Folge hatte. Sie zeigen, dass die kleine, aber aktive Fraktion der NS-Eltern am Ende keine Chance in den Schulen hatte und sich zurückziehen musste. Sie zeigen, dass die jüdischen Lehrer zwar zum Schutz der Schule ihre Kündigung einreichten, aber in engem, freundschaftlichem Kontakt mit ihren Kollegen blieben, die sich für ihre Weiterarbeit an Waldorfschulen im Ausland und für ihre finanzielle Absicherung einsetzten. Sie zeigen, dass, nach bisherigem wissenschaftlichem Kenntnisstand, kein einziger der 159 Waldorflehrer an deutschen Schulen bekennender Nationalsozialist war – im Unterschied zu Peter Bierl, Helmut Zander und ihren journalistischen Gefolgsleuten hatten die Waldorflehrer den humanistischen und kosmopolitischen Kern der Anthroposophie erfasst. Noch sehr viel wichtiger als all dies ist jedoch der ebenfalls sehr gut dokumentierte Sachverhalt, dass es den Lehrern gelang, den pädagogischen Innenraum ihres Unterrichts und die Schulatmosphäre frei von der NS-Ideologie zu halten, und dies auch in Dresden, an der Schule Elisabeth Kleins.

Die von Nobert Deuchert und später Wenzel Michael Götte ausgewerteten Behördenberichte vermitteln ein eindrucksvolles Bild: Die Inspektoren waren entsetzt, dass die Waldorfschulen sich in keiner Weise dem Regime anpassten – weder im Unterricht, noch in der Gestaltung der Schule (»Keine einzige Zeichnung, kein Lied, kein Gedicht, nichts verriet etwas von dem, was heute in Deutschland vorgeht«, schrieb die erschütterte Gaureferentin des NS-Lehrerbundes nach der Besichtigung der Wandsbeker Waldorfschule am 6.3.1937) (18). Die Berichte der Inspektoren lassen den kreativen Widerstand der Schulen erkennen, ihre freiheitliche Diktion und pädagogische Zivilcourage in gefährlicher Lage. Bemerkenswert sind auch die Dokumente der Schulschließungen von 1936-1941, der Ton und der Inhalt, mit denen sich die Lehrer am Ende an die Eltern und insbesondere an die Schüler wandten (sechs der acht noch vorhandenen Waldorfschulen schlossen sich in den Jahren von 1936-1940 selbst, weil sie unter den gegebenen Bedingungen nicht mehr weiterarbeiten wollten). Die erhalten gebliebenen Ansprachen der Stuttgarter Lehrer wurden zum 100. Jubiläum der Schule im September 2019 vollständig veröffentlicht. (19) Eine eindrucksvolle pädagogische Kraft und Moral lebt in ihren Worten, der Atem der Zivilcourage und Zukunft. (20)

Nein, die Waldorflehrer der NS-Zeit waren definitiv keine politischen Widerstandskämpfer, aber sie waren schöpferische Humanisten und Individualisten, vor denen man Respekt haben kann. Und was Berlin und unsere so andere Gegenwart betrifft, so denke ich, dass tatsächlich einige Waldorfpädagogen und -eltern unter den Hunderttausenden der Corona-Demonstration waren und sich friedlich für die Wahrung der Grundrechte einsetzten, für Selbstverantwortung und eine freiheitliche Zivilgesellschaft in Zeiten dramatischer Umweltzerstörung, autoritärer Gesundheitspolitik und forcierter Biotechnologie. Dagegen werden sie sich nicht unter jenen rechtsextremen und sonstigen Gruppierungen befunden haben, die – weit ab von der Corona-Versammlung – zum »Sturm auf den Reichstag« riefen und ins Zentrum des medialen Interesses gerückt wurden. Unterstellungen einer solchen Verbindung zwischen Anthroposophie und Rechtsradikalismus, wie sie »zeitonline« und »konkret« verbreitet haben, sind so falsch wie strategisch; sie sollen offensichtlich bewirken, dass differenzierte und kritische Stellungnahmen zu verschiedensten Aspekten der Corona-Krise (21) aus Angst vor Diffamierung unterlassen werden und statt Zivilcourage das Gegenteil handlungsbestimmend ist und bleibt.

Hinweis: Leider sind in der gedruckten Ausgabe durch ein technisches Versehen die Anmerkungszahlen im laufenden Text weggefallen. Sie können hier ein berichtigtes PDF des Beitrags von Peter Selg herunterladen.

Anmerkungen:

1 Vgl. Erziehungkunst: Anthroposophie ist in ihrem Wesen und ihrer Praxis antirassistisch

2 Vgl. konkret 9/20, S. 50-52.

3 A. Sebastiani: Anthroposophie. Aschaffenburg 2019, S. 164.

4 Vgl. P. Selg: Rudolf Steiner, die Anthroposophie und der Rassismus-Vorwurf. Arlesheim 2020.

5 Vgl. P. Selg: Erzwungene Schließung. Arlesheim 2020. Die zum 100. Jahrestag der Stuttgarter Schuleröffnung erschienene Studie untersucht das Verhalten der Waldorfschulen in der NS-Zeit, aufbauend auf die differenzierten historischen Arbeiten von N. Deuchert, U. Werner, Chr. Lindenberg, W. M.Götte, K. Priestman und V. Frielingsdorf.

6 Vgl. T. Zdražil: Freie Waldorfschule in Stuttgart 1919-1925. Stuttgart 2019.

7 Vgl. L. Ravagli: Unter Hammer und Hakenkreuz. Der völkisch-nationalsozialistische Kampf gegen die Anthroposophie. Stuttgart 2004.

8 Ebd., S. 123.

9 Zit. n. A. Samweber: Aus meinem Leben. Basel 1981, S. 44.

10 R. Steiner: Allgemeine Menschenkunde als Grundlage der Pädagogik. GA 293. Dornach 1992, S. 332.

11 Zit. n. H. Hahn: Der Weg, der mich führte. Stuttgart 1969, S. 665.

12 Zit. n. W. M. Götte: Erfahrungen mit Schulautonomie. Das Beispiel der Freien Waldorfschulen, Stuttgart 2006, S. 564.

13 Zit. n. U. Werner: Anthroposophen in der Zeit des Nationalsozialismus. München 1999, S. 67.

14 Ebd., S.76.

15 Vgl. P. Selg: Erzwungene Schließung, S. 103ff.

16 Ebd., S. 124-142 und S. 247-274.

17 Die Anthroposophie und ihre Zweckverbände. Berlin 1941, S. 56.

18 Zit. n. A. Wagner (Hg.): Dokumente und Briefe zur Geschichte der Anthroposophischen Bewegung und Gesellschaft in der Zeit des Nationalsozialismus. 2. Band. Rendsburg 1991, S. 28.

19 In: P. Selg: Erzwungene Schließung, S. 25-88.

20 Vgl. P. Selg: Zivilcourage. Die Herausforderung Freier Waldorfschulen. Arlesheim 2020.

21 Vgl. u.a. Ch. Eisenstein, T. Hardtmuth, Ch. Hueck, A. Neider: Corona und die Überwindung der Getrenntheit. Neue medizinische, politische, kulturelle und anthroposophische Aspekte der Corona-Pandemie. Stuttgart 2020; U. Hurter, J. Wittich (Hg.): Perspektiven und Initiativen zur Coronazeit. Dornach 2020.

Kommentare

Dirk Pfeiffer, Stuttgart, 20.11.20 15:11

Mit Bestürzung und großer Irritation lese ich den Artikel von Peter Selg »Anthroposophie und Rechtsextremismus«! Seine Analysen und Darstellungen zur Anthroposophie in Zeiten des Dritten Reiches, entsprechen systemisch einer Vorgehensweise, welche viele Institutionen sich zu eigen mach(t)en, um ihr Handeln im Dritten Reich zu rechtfertigen bzw. zu erklären. In diesen Darstellungen wird, u.a. das eigene Handeln, unter den Prämissen der Möglichkeiten und der Konsequenzen für den Einzelnen und die betroffene Institution, beleuchtet, erklärt, bewertet und gerechtfertigt. Dass sich hier eine große Bandbreite im Handeln ergab, der vermeintlichen Unterstützung des Regimes bis hin zum aktiven Widerstand, zeigt die geschichtliche Aufarbeitung. In Sachen der anthroposophischen Bewegung, deren Institutionen bis hin zu deren einzelnen handelnden Individuen, kann ich mir derzeit noch kein abschließendes Bild machen. Peter Selgs verfügbaren Schriften im Netz vermitteln hierzu einen ersten Eindruck!

Worüber ich mir aber eindeutig ein Bild machen kann, ist die Instrumentalisierung des Protests gegen die staatlichen Maßnahmen zur Eindämmung der Corona- Pandemie, durch faschistoide Organisationen. Hier reicht es die öffentlich zugänglichen Bilder in den Medien zu betrachten. Klar ersichtlich sind hier Gruppierungen, welche auf Grund ihrer Kleidung, ihren Fahnen und Wimpeln faschistoiden Organisationen zu zuordnen sind. Die Redebeiträgen der Sprecher/innen dieser Organisationen sind gleichfalls öffentlich zugänglich. Zudem sind im Internet Informationen zu diesen Organisationen in Fülle vorhanden. Ich frage mich nun, wie ist es möglich, dass sich Menschen aus dem anthroposophischen Kontext, mit durchaus berechtigten Anliegen und unter Wahrnehmung ihrer Grundrechte, sich hier instrumentalisieren lassen. Noch schlimmer scheint mir der Gedanke, dass sich diese Menschen aus purem Opportunismus oder erschreckender Naivität, in Zusammenschlüsse mit faschistoiden Organisationen begeben.

In den folgenden Passagen von Peter Selgs wird dies deutlich:

»Und was Berlin und unsere so andere Gegenwart betrifft, so denke ich, dass tatsächlich einige Waldorfpädagogen und -eltern unter den Hunderttausenden der Corona-Demonstration waren und sich friedlich für die Wahrung der Grundrechte einsetzten, für Selbstverantwortung und eine freiheitliche Zivilgesellschaft in Zeiten dramatischer Umweltzerstörung, autoritärer Gesundheitspolitik und forcierter Biotechnologie. Dagegen werden sie sich nicht unter jenen rechtsextremen und sonstigen Gruppierungen befunden haben, die – weit ab von der Corona-Versammlung – zum ›Sturm auf den Reichstag‹ riefen und ins Zentrum des medialen Interesses gerückt wurden.«

Hier frage ich mich, fehlt hier der Verstand oder der Wille zur Analyse, welche Bündnisse hier eingegangen werden, welche Außenwirkung erzielt wird, welchen Nutzen die faschistoiden Organisationen aus diesen Zusammenschlüssen ziehen? Weiter noch frage ich mich heiligt der Zweck die Mittel? Protestiere ich und schließe ich Bündnisse mit Organisationen, welche vermeintlich in einer Sache mit mir übereinstimmen aber im restlichen Kontext eine diametral entgegengesetzte Politik machen? Abschließend die Fragen; hat die anthroposophische Bewegung nicht den Mut und die Kraft ihre Anliegen in Sachen Opposition zum staatlichen Handeln selbst in die Hand zu nehmen, scheut sie sich eigene Zusammenschlüsse und Bündnisse aufzubauen?

Was ich klar fordere ist eine deutliche Position der Redaktion der Erziehungskunst, aus der hervorgeht, dass ein Protest gegen die staatlichen Maßnahmen zur Bekämpfung der Corona Pandemie, nicht in Zusammenschlüssen mit faschistoiden Organisationen, erfolgen darf und kann!

Dirk Pfeiffer

Aurelie E., 20.11.20 22:11

Danke für den Beitrag Herrn Selgs.

Herr Pfeiffer scheint angesichts solcher Zeilen wie dieser:
" Hier reicht es die öffentlich zugänglichen Bilder in den Medien zu betrachten. Klar ersichtlich sind hier Gruppierungen, welche auf Grund..."

so wie ziemlich viele Menschen leicht beeinflussbar zu sein.
Warum machen Sie sich nicht einmal selbst ein Bild? Reden mit den Menschen? Gehen selbst hin?
Vor was haben Sie denn Angst?

Ich bin seit April auf vielen Demos in halb Deutschland gewesen und kann mit voller Überzeugung sagen, dass Sie sich genauso wie etliche andere Personen manipulieren lassen und reinfallen auf einen Anschein, der aber ohne Wahrhaftigkeit da steht. Und ich kann Sie nur bitten, diesen Anschein, der sich in Ihnen widerspiegelt zu überprüfen und zu hinterfragen. Denn dies ist Ihre Aufgabe um Mensch zu sein und in der Ichheit zu reifen.

Ich habe nur ein einziges mal Fahnen gesehen. Die anderen werden dann ausgepackt, sobald die Kameras gezückt werden und dann wieder eingepackt. Über Inhalte von Redebeiträgen wird nicht berichtet.

Was ich aber sehe, sind Menschen aller Nationen, die den weiten Weg und die Kosten nicht verwehren um ihre Stimme zu zeigen.
Das sind auch Familien, wo einst Geflüchtete mit dabei sind. Z.b. eine Mutter, die aus Eritrea kam und nun Waldorfmutter ist. Ein Mann, der einst als Jurist im Iran gearbeitet hat. Eine erst 17 jährige Iranerin, die auf jede Demo geht. Eine alte Waldorfpädagogin, die Spenden sammelt... Besorgte Eltern, deren Kinder Angst haben in die SChule zu gehen unter den jetzigen Bedingungen...

Ich SEHE diese Menschen, von denen BEWUSST nicht berichtet wird in den MSM.
Diejenigen, die dies weder sehen, geschweige denn erkennen wollen, lassen sich blenden von völlig an der Realität herbei gezehrten Bildern, die keinen Funken Wahrheit inne haben.

Ich kann nur an jeden appellieren, sich nicht WEITERHIN Teil dieses faulen Systems zu machen. Sonst tragen Sie bei beim Spalten unserer Gesellschaft.
Danke!

Henry H., Hamburg, 24.11.20 18:11

Nach dem aufklärerischem, gut belegtem Aufsatz von Peter Selg, aber auch nach dem Einspruch von Dirk Pfeiffer, der wichtige Kritik an Selgs geschichtswissenschaftliche Methodologie hervorbrachte, soll diese wesentliche Debatte nicht in Aurelie E.s Gefühlsduselei versumpfen. Denn diese wird unübersichtlich in der Sprache des verschwörungstheoretischen Spektrums mitgeteilt.

Diese konstatiert, dass es einen bevölkerungsmäßig-kleinen „Uns“ in der deutschen Gesellschaft gibt, die die Wahrheit gefunden hat, und der sich nicht mehr von den „MSM“ („Main-Stream-Medien“) „blenden“ lässt. Diese selbsternannte Avantgarde, die leider vollkommen an die Bildung fehlt, die für eine so wichtige gesellschaftliche Rolle notwendig wäre, wird ständig „dem Mainstream“ entgegengesetzt. Ohne zu fragen, ob diesen letzteren Begriff überhaupt Sinn ergibt, wird dieser „Mainstream“ vor allem in Form einer Karikatur dargestellt: Der lässt sich „manipulieren“ (Gegenfrage: insofern dieser „Mainstream“ existiert, hat der gar kein Handlungsvermögen, oder kritische Intelligenz?) und wird als passiver Opfer des Geschehens plump hingestellt: „Teil dieses faulen Systems.“
Bezüglich einer der zwei Hauptanlässen für Selgs Aufsatz, der den Autor anfangs einführt, ist es irreführend vom Mainstream zu sprechen. Dieser ist die sich wiederholende Diffamierungen gegen die Waldorfpädagogik, und auch gegen die Anthroposophie im Allgemein, die in der Zeitschrift „konkret“ erscheinen. Mit circa 42,000 verkauften Exemplaren monatlich, liegt die Auflage dieser Publikation sogar unterhalb der verkauften Auflage der Erziehungskunst, die, laut den eigenen Angaben der Zeitschrift, bei 68,000 verkauften Exemplaren monatlich steht. (erziehungskunst.de/mediadaten/, Mediadaten-PDF). Sowohl „Konkret“ als auch „Erziehungskunst“ sind für Nischenpublika geschrieben: mit dem besten Willen, kann keiner dieser beiden Leserpublika sinngebend als „Mainstream“ bezeichnet werden. Diese Feststellung ruft die wichtigere Frage hervor: wo wäre es aufschlussreich, von einem Mainstream bei unserer politischen Meinungsbildung zu sprechen? Und wo funktioniert der Begriff als rhetorische Schummelei, mal mehr naiv, mal mehr bewusst-strategisch angewendet, sodass Begriffsnutzenden, fast magisch, sich selbst als außerhalb „des Systems“ stilisieren können? Um sich von der Last einer fundierten Positionierung zu „befreien“, die die Politik- und Geschichtswissenschaft, und die Wissensschaffung anderen Bereichen, achten würde, und nicht hochmütig verachtet.
Selbst bei dem anderen Hauptanlass für Selgs Essay, der Angriff von Journalisten Annika Brockschmidt, die in „zeit-online“ erschien, sagt es weniger als Nichts aus, Brockschmidt als Herstellerin von „Mainstreammedien“ zu stigmatisieren. Ja, da die ZEIT zu den 100 meistbesuchten Websites in Deutschland gehört, und da 530,000 Menschen wöchentlich für die ZEIT bezahle (entweder für die digitale, die Print-Ausgabe, oder eine Mischung) hat die Zeitung eine andere Dimension von sowohl „Erziehungskunst“ als auch „konkret“. Aber mit welcher Begründung würden wir das Milieu dieser Zeitung „der Mainstream“ nennen, und nicht, zum Beispiel, das Milieu von der BILD-Zeitung (fast 1,3 Millionen verkaufte Exemplaren täglich)? Dessen Lesenden eine vollkommen andere Weltanschauung haben, als die der ZEIT-Lesenden? Noch eine Nummer größer: Nachdem die Coronakrise im März dieses Jahres eingeschlagen ist, haben sich sonntagabends fast 10 Millionen Menschen für die Tagesschau eingeschaltet. Was immerhin weit über 50 Millionen Erwachsenen in Deutschland lässt, die nicht einschalten wollten. Wessen Medien sind aber nun „Mainstream“, die der zehn-, oder die der 50 Millionen?
Statt „der Mainstream“ haben wir tatsächlich eine Gesellschaft der vielen Strömungen, die sich immer wieder überschneiden, und neue Bündnisse miteinander eingehen. Die von der Exekutive verordneten Corona-Maßnahmen haben Millionen Menschen, sowohl im In- als in Ausland, überraschend hart getroffen. Es ist richtig, dass Peter Selg und viele andere, diese Maßnahmen auf einer geschichtlich-informierten Weise kritisieren. Die Not in der Krise, die psychisch, ökonomisch, und gesellschaftspolitisch erfahren wird, ist real und massiv, und es ist offensichtlich, dass die Menschen neue Bündnisse eingehen möchten, um Wege aus der Krise zu probieren. Dabei ist es für jeder von uns lebenswichtig, mit wem sie / er / es ein Bündnis eingeht. Nein, ich gehe definitiv nicht hin „und rede mit den Menschen“ bei den Corona-Demonstrationen, solange die Organisator*innen und Ordner*innen dieser Demos nicht aktiv, und von vornherein, Reichsbürger, Holocaustleugner, QAnon-Verschwörungstheorie-Anhänger, und allen weiteren Antisemiten und Rassisten ausschließen. Nach dem wir allen die Bilder vom Sturm auf den Reichstag am 30.08.2020 gesehen haben, mit vielen Reichsflaggen–Hauptsymbol der brutalen Militärdiktatur, die Deutschland 1914-1918 regierte–, und weiteren Symbole der Reichsbürger und anderen Neonazis unter der Menschenmenge, bin ich verblüfft, wie Frau E von „ völlig an der Realität herbei gezerrten Bildern“ noch mit gutem Gewissen reden kann. Sind die 208 Todesopfer rechter Gewalt, Mörder die seit 1990 in Deutschland von Gruppen mit Weltanschauungen sehr ähnlich der Reichsbürger ausgeführt worden sind, ihr entgangen? (Quelle: Amadeu Antonio Stiftung: amadeu-antonio-stiftung.de/rassismus/todesopfer-rechter-gewalt/)
Bezüglich der Sturm auf den Reichstag und, noch entscheidender, bezüglich der selbst ausgewählten, physikalischen Nähe der „einigen Waldorfpädagogen und -eltern“, die „unter den Hunderttausenden der Corona-Demonstration waren“, zu den nachweislich vielen gewaltbereiten Rechtsextremisten, die auf denselben Demos gehen, bitte ich Peter Selg, mit den besten Absichten, seine Position zu präzisieren, eventuell neu auszuarbeiten. Denn diese wirkt wie ein Moment der Selbsttäuschung, innerhalb einer objektiven, gut belegten Forschungsarbeit. Zu behaupten, dass: „Dagegen werden sie [die Waldorfpädagogen- und eltern] sich nicht unter jenen rechtsextremen und sonstigen Gruppierungen befunden haben“ ist etwa so überzeugend und verantwortlich wie eine, die auf eine Party geht, wo sie weiß, dass viel Crack und Amphetamine im Spiel sein wird, und im Nachhinein behauptet, dass sie selbst nie etwas mit Drogen zu tun haben würde. Ob die metaphorische Person selbst auf der Party Drogen konsumiert hat ist hierbei nicht das Entscheidende.
Sobald als bei jeden der Corona-Demos rießiggroße Transparente aufgehängt wären, nachdem Aktivismusmodell von Greenpeace, worauf stand: „Corona-Maßnahmen kritisch, ja! Dabei KEIN FUSSBREIT DEN ANTISEMITEN, RASSISTEN, REICHSBÜRGERN, Q-ANON-ANHÄNGERN, NEONAZIS! AUF UNSEREN DEMOS NICHT, UND NIRGENDWO!“ würde sich die Bewegung gleich an Glaubwürdigkeit gewinnen. Unmittelbar wären mehr Menschen von der Behauptung überzeugt, dass die Maßnahmenkritischen, aber nicht rechtspolitischen Teilnehmenden sich endgültig von den todgefährlichen Rechten distanzieren möchten. Das diese Distanzierung bis jetzt wohl gar nicht sichtbar ist, erweckt den Eindruck dass Teile der Bewegung, auch leider einiger (bei weitem nicht allen) teilnehmenden Waldorfpädagogen- und Eltern, das Gegenteil wollen: aus strategischen Gründen, ein Bündnis mit den Rechten einzugehen. Die bedingungslose Distanzierung von jenen Rechten ist aber möglich. Dabei müssten sich aber zuerst allen Waldorfeltern- und Pädagogen, nicht nur die an die Demos-Teilnehmenden, sich von der bewusst-naiv gepflegten Position verabschieden, dass Waldorfeltern- und Pädagogen nie mit den Falschen laufen könnten. Und sowieso „außerhalb des Systems“ leben. Mit dieser kritischen Arbeit an unseren eigenen Idealen, oder, anders ausgedrückt, mit dieser Selbsterkenntnis-Arbeit, werden wir wohl zu einer Verbesserung unseres politischen Handelns im Alltag beitragen können.

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