Autorität – Eine Meditation

Von Ute Hallaschka, Januar 2014

Wir achten gewöhnlich nicht auf die Zeitgestalt unserer Gedanken beim Denken. Der Begriff Autorität kann uns lehren wie wichtig eine solche Wahrnehmung ist.

Wenn ein Erwachsener in seiner aktuellen Lebenslage nur dieses Wort hört, noch ehe er irgendeinen Vorstellungsinhalt gebildet hat, wird er sich leicht antipathisch gestimmt fühlen. Einer Autorität gegenüber fühlen wir uns gewöhnlich klein, schwach, oft neidisch auf das Vermögen des andern, selten gut. In gesellschaftlich-kultureller Hinsicht haben wir nur wenige Vorbilder, die den Begriff positiv besetzen. Im Privaten dagegen scheint es schon ganz unmöglich, Autorität zu dulden, bzw. sympathisch zu finden. Um diese Denkschablone – die eigentlich eine Fühlschablone ist – aufzubrechen, um ins Freie der Gedankenbildung zu kommen, müssen wir die Seele erst entgrenzen. Sie so beweglich wie möglich stimmen, um fragen zu können. Kann dieser Begriff vielleicht Überraschendes, Ungesehenes beinhalten? Wie ein Geschenk, das ich aus seinen Hüllen auspacke? Die Hülle bin in diesem Fall ich. Mit meiner Erfahrung kleide ich den Begriff ein. Wie komme ich nun dazu, mich frei zu machen von meiner bitteren Erfahrung?

Um Empfänger einer (neuen) Idee zu werden, muss ich das Weltverhältnis umkehren. Nicht mehr ich sage dem Begriff, wo's langgeht im Denken – denn dann lande ich nur auf meinen alten Trampelpfaden – sondern ich kann mich von ihm führen lassen. Eine Kraft in der Seele ist mir dazu hilfreich: die Erinnerung. Ich kann meine Erfahrung rückblickend durchleben. Ich kann mir sogar zusehen beim Rückwärtslauf durch die Zeit. Ich schrumpfe. Ich lasse mich immer kleiner werden, jünger durch die Jahrzehnte hindurch. Der Begriff schwebt im Hintergrund im Bereich meiner Aufmerksamkeit. Im Vordergrund des bewegten Erinnerungsbildes, mit dem ich durch mein Leben gehe, begegnen mir unterwegs allerhand konkrete Gestalten und Gestaltungen von Autorität. Aber ich halte mich nicht auf bei ihnen, ich gehe vorüber und weiter zurück. Bis zu einem bestimmten Zeitpunkt. Hier schlägt plötzlich alles Bewusste um, in ein einziges Gefühl. Ich empfinde: Autorität in jeglicher Form ist unerträglich. Damit bin ich in der Realität der Pubertät gelandet. Der Begriff ist jetzt leer und unbesetzt, aber er erzeugt eine reine Willensäußerung. Ich dulde ihn nicht! Egal, was er behaupten könnte zu sein.

Wenn es mir nun gelingt, durch dieses Nadelöhr weiter im realen Durchleben zurück zu gehen, dann werde ich sehen: einen ganz neuen Standpunkt. Da stehe ich, staunend. Mit weit geöffnetem Blick und einem Herzen voll verlangender Liebe, voll Sehnsucht. Da ist ein Gegenüber, ein Mensch, zu dem ich aufschaue, der mir solche Bewunderung einflößt, dass ich mich in ihr wachsen fühle. Eine Bewunderung gänzlich frei von Neid, Druck oder Zwang. Die mir Kraft gibt und Geborgenheit, die mir Mut macht, weil ich in ihr mein eigenes Bestes wahrgenommen fühle. Den Weg eröffnet von dem, der ich bin, zu dem, der ich werden möchte, sein könnte. Diese Wahrnehmung ist die Kraft der Liebe. Von diesem Augenblick aus – der sich in jedem Lebenslauf findet – kann ich beginnen, neu zu denken. In der selbsterzeugten Erinnerung als Erwachsener mich zu fragen: Was hat Autorität mit Liebe zu tun?

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