Die Sache mit den Fridays for Future

Von Nicolas Blaue, Juni 2019

Erstmals im September 2018 ist die Bewegung Fridays for Future in Deutschland angelaufen und seitdem ist sie stetig gewachsen. Nach dem Vorbild der schwedischen Klimaaktivistin Greta Thunberg streiken die Schüler jeden Freitag und besuchen die örtliche Protestaktion unter dem Motto Gemeinsam gegen die Klimakrise. Allein in den letzten Wochen haben deutschlandweit mehrere tausend Schüler an den Demonstrationen teilgenommen, darunter auch viele Waldorfschüler. Was lässt sich von dieser Bewegung als gesellschaftliches Phänomen lernen?

»Stadtverwaldung«, Joseph Beuys, documenta 7, Kassel, erste gepflanzte Eiche vor dem Museum Fridericianum bei Nacht. Foto: Malte Ruhnke/wikicommons, Quelle: kasselgalerie.de.

Die gegenwärtige Stärke der Bewegung zeigt, dass die Jugend ein gemeinsames Ideal gefunden hat, für das sie sich einsetzen will. Der Schutz der Umwelt ist ein universelles Anliegen, um das sich wortwörtlich nachhaltig gekümmert werden muss. Dass sich Jugendliche dafür zusammentun und gemeinsam eine Zukunft gestalten wollen, in der zukünftige Generationen gut leben können, ist eine außerordentlich positive Entwicklung. Gleichzeitig zeigt diese Entwicklung, wie enttäuscht junge Menschen von der aktuellen Politik sind. Aus diesem Grund strebt die Bewegung an, durch freitägliches Boykottieren der Schule und durch Demonstrationen in den Innenstädten die Politiker dazu zu bewegen, sich für Klimaschutz und besonders für den Kohleausstieg einzusetzen.

Wie läuft ein solcher Freitag in unserer Abitur-Stufe ab? Man fährt morgens mit dem Auto für zwei Stunden Unterricht zur Schule. Man schnappt sich die Weltkarte im Klassenraum und schreibt groß mit schwarzem Permanentschreiber darauf: Rettet die Erde! Anschließend fährt man mit dem Auto (weder Hybrid noch Elektro) in die Innenstadt, geht auf die Demo, schließt sich der skandierenden Menge an, brüllt gruppendynamisch aktiviert herum, hält die Weltkarte in die Höhe und macht anschließend ein Feel-Good-Foto für die Lokalzeitung. Danach fährt man mit dem Auto wieder zurück zur Schule für eine knappe Stunde Unterricht. Und ähnlich machen es Tausende von anderen Schülern.

Die Absurdität dieses Handelns lässt tief in gesellschaftliche Widersprüche blicken. Die Regierung wird wegen ein paar demonstrierenden Schülern ihren Kurs nicht ändern, vor allem aus wirtschafts- und finanzpolitischen Interessen. Trotzdem glauben die Demonstranten, »die da oben werden es schon richten«, wenn sie nur laut genug sind. Ein allgemeines Bewusstsein zum Umgang mit der Umwelt besteht schon seit geraumer Zeit, nur folgt daraus kaum eine echte Handlung, die nur Verzicht bedeuten kann.

Schon Kant unterschied die Freiheit wovon und die Freiheit wozu. Auf individueller Ebene gibt es nur den Verzicht, um die Umwelt möglichst wenig zu belasten. Konsequent weitergedacht erscheint hier der Mensch als ein generelles Übel, das man am besten ganz eleminiert. Im Gegensatz dazu wird nur wenig für die Umwelt gehandelt. Stattdessen wird viel Energie hineingesteckt, der Regierung zu zeigen, dass sie stellvertretend für die Bevölkerung sich um die Umwelt zu kümmern hat. Man tut es ja für einen guten Zweck und hat danach sein Gewissen beruhigt. Nicht zuletzt ist das Einswerden mit der Masse besonders für Jugendliche ein berauschendes Gefühl. Doch es zeigt auch, wie handlungsunfähig die Gesellschaft als Ganzes in solch einer Situation ist. Es paart sich ungeheure Naivität mit Illusion.

Eine Bewegung, die aus einem echten Bedürfnis heraus parteilos agiert und der Politik die »schwarze Karte« zeigt, ist ohne Zweifel eine mutige und respektable Bewegung! Dann aber von den Politikern wiederum zu erwarten, es besser zu machen, ist ein logischer Denkfehler, denn dann gibt man die Verantwortung schon wieder ab.

Der unmündige Bürger

Unsere Vorstellung von Staat und Politik stammt noch aus den Zeiten der Aufklärung, namentlich von Thomas Hobbes und seinem Werk Leviathan. Um die Bürger vor einem anarchistischen Chaos zu schützen und ihnen Sicherheit zu garantieren, müsse der Staat herrschen können und Ordnung schaffen. Der Staat müsse die Bürger auch vor sich selbst schützen, denn letztlich sei der Naturzustand des Menschen Krieg. Wir haben zwar heute keine königliche Autorität mehr und leben in einer parlamentarischen Demokratie, wir lehnen den Gedanken einer einzigen herrschenden Autorität in persona zwar ab, doch nur um wieder in Form eines mehrköpfigen Staatsapparates beherrscht zu werden. Der Staat ist auf unseren eigenen Wunsch hin sogar dazu verpflichtet. So hat der Leviathan lediglich seine Gestalt verändert, nämlich zu der einer Hydra. Bei Hobbes stimmen alle Bürger in einem Gesellschaftsvertrag überein und legitimieren damit den Herrscher. Den Vertrag nicht akzeptierende Minderheiten müssen sich logischerweise anpassen oder, laut Hobbes, ausgelöscht werden.

Die Schüler gehen davon aus, alle Gesetze seien im Großen und Ganzen im Sinne der Bürger verfasst worden, wobei nur wenig hinterfragt wird, ob die Politik und die Gesetze auch wirklich immer dem Menschen und seinen Interessen dienlich sind und nicht nur einigen Wenigen. Die Aufgabe des Hinterfragens wird den Politikern überlassen, der Bürger traut sich zumeist nicht. Gesellschaftlich ist es nicht gerne gesehen, als Laie zu viel zu hinterfragen – allerdings behindert dieser Umstand tatsächliche Demokratie. Im Sinne dieser sozialen Ordnung verzichten wir auch auf diese oder jene Freiheit. Der Staat wird schon für Ordnung sorgen und sich um die Anliegen der Bürger kümmern, damit sie den Gesellschaftsvertrag weiterhin durch ihren regelmäßigen Gang zur Wahlurne legitimieren. Im Grunde lassen wir uns beherrschen, weil eine Angst vor dem Chaos ohne Staat herrscht und weil geglaubt wird, die Politik würde schon die Interessen der Bürger vertreten. Die Verantwortung für einen selbst und die Umwelt wird abgetreten, weil man glaubt, dass das Volk nicht ohne Herrscher auskommt und weil die eigenen Interessen irgendwo schon durchgesetzt würden. Und wenn nicht, dann macht man so viel Radau, dass sie irgendwann vielleicht in Teilen umgesetzt werden. Am Ende läuft es aber immer auf den unmündigen Bürger hinaus, der nichts selber macht, weil er wie das Schoßhündchen erst zum Herrscher läuft.

Spaß-Demo – nichts weiter

Es kann gar nicht deutlich genug gesagt werden: Mit dieser internalisierten Vorstellung vom Staat als fürsorglichem Über-Vater gibt der Bürger willentlich seine Verantwortung ab. Denn der Gang zur Demo läuft nun einmal darauf hinaus, dass ausschließlich darauf gewartet wird, dass die Regierung etwas ändert. Das Volk glaubt, viel mehr könne nicht getan werden. Es muss klar gesagt werden: Eine Demonstration dieser Art ist keine Protestaktion gegen Staat, sondern ein Spaß-Event! Es ist ein Betteln, weil das Volk sich selbst nicht zu helfen weiß und sich ewiglich in den Bahnen der vorgeschriebenen Regeln bewegt, weil es den Deutungsrahmen des vorgegebenen Denk-Raumes nicht verlässt, da es sich dessen erst gar nicht bewusst wird. Ob diese Demonstrationen auch nur halb so viele Teilnehmer hätten, wenn sie nicht auf einen Schultag gelegt worden wären?

Ziel der Waldorfpädagogik ist es, den freien und selbstbestimmten Menschen herauszubilden. Der Ort, an dem diese Freiheit gebildet werden kann, ist das Denken, das heißt die genaue Beobachtung und Erforschung der eigenen Denkstrukturen: Was ist Demokratie?, Was ist ein selbstbestimmter Mensch?, Habe ich in irgendeiner Weise Kontrolle darüber, was die Politik macht? Und: Weiß ich wirklich, was in der momentanen Politik vor sich geht und wodurch sie bestimmt wird?

Fragen, deren Denk-Ergebnisse sich zu beobachten lohnen!

Wenn tatsächlich die Umwelt geschützt werden soll, dann müssen Projekte gesucht werden, wie zum Beispiel das 7000-Eichen-Projekt von Joseph Beuys, die sich direkt auswirken – und zwar ohne den Umweg über den Staat. Dass genügend Kraft dafür vorhanden ist, beweist Fridays for Future. Nur müssen diese Energien für etwas Wahres gebündelt werden. Ganz nebenbei wäre dies ein viel stärkeres Zeichen an unsere deutsche Regierung, denn es würde zeigen, dass nicht mehr auf den Staat gewartet wird. Und wer doch tatsächlich für die Umwelt demonstrieren will, könnte sich ja einmal heimlich über den Zaun des Kanzleramtes wagen und die Rollrasenflächen mit heimischen Baumarten bepflanzen oder im Vorgarten des Ministeriums von Peter Altmaier Bienenweide säen.

Zum Autor: Nicolas Blaue ist Abiturient an der Rudolf-Steiner-Schule Dortmund.

Kommentare

Johannes Mosmann, 20.06.19 18:06

Sehr geehrter Herr Jöde,

Mich wiederum stimmt es nachdenklich, dass Sie tatsächlich Politik lehren. Der Schüler analysiert scharfsinnig, inwieweit eine bestimmte Haltung zur Obrigkeit in die Unmündigkeit führt. Keineswegs spricht er den Klimaaktivisten dabei ab, sich für eine gute Sache einzusetzen. Er findet die Sache sogar so wichtig, dass er bereit ist, den Weg seiner Altersgenossen in Frage zu stellen und sich so ihrer Kritik auszusetzen. Er hinterfragt das von „Politiklehrern“ wie Ihnen gepredigte eindimensionale Demokratieverständnis, weil er findet, das Volk könne noch viel mehr tun, als von der Regierung die Lösung seiner Probleme zu erwarten. Das ist, mit Verlaub, gelebte Demokratie. Sie als "Politiklehrer" antworten nun darauf, dass man eine solche Meinung im Grunde genommen nicht hätte veröffentlichen dürfen. Sie unterstellen sogar, der Schüler würde anders geurteilt haben, wenn es besser um die "Demokratieerziehung" an Waldorfschulen bestellt wäre. Merken Sie eigentlich, wie wenig demokratisch Sie selbst in diesem Augenblick denken? Sie, Herr Jöde, können offenbar "das Demokratieverständnis" definieren, zu dem die Jugend "erzogen" werden muss, und wissen auch, welche Meinungen besser verboten sein sollten. Man muss Ihnen dankbar sein für Ihre Replik, denn Sie liefern nachträglich den Beweis, wie recht Nicolas Blaue hat. Es macht Hoffnung, zu sehen, wie die Jungen die Alten geistig überholen - danke, Herr Blaue!

Michael Jöde, 20.06.19 23:06

Sehr geehrter Herr Mosmann!

Auf Ihre despektierlichen Äußerungen über meine berufliche Eignung (Sie setzen meine berufliche Tätigkeit in Anführungsstrich, ebenso übrigens auch das Wort Demokratieerziehung), antworte ich und lade Sie herzlich zu mir an die Schule ein, um Ihnen zu zeigen, wie durch Demokratieerziehung bei uns SchülerInnen gesellschaftliches und politisches Engagement erlernen und sich als handlungsfähig wahrnehmen.
Sie haben meinen Text in wesentlichen Punkten nicht verstanden, schreiben mir aber offenbar auch die von Herrn Blaue als existent konstatierte Obrigkeitshörigkeit zu. Diese entstammt vielleicht dem von Herrn Blaue als gegeben angesehenen Politik- und Gesellschaftsverständnis. Genau das halte ich aber für antiquiert und völlig überholt. Vom Staat als Hydra zu sprechen und ihn damit zu diskreditieren, entspricht einem fragwürdigen Staats- und Demokratieverständnis, welches heute vor allem aus der Ecke der AfD („Establishment“, „die da oben, wir da unten“) kommt. Eine Nähe dazu unterstelle ich Herrn Blaue in keinster Weise aber man sollte sich schon klar machen, welche politischen Lager die Demokratie in dieser Form angreifen und in Frage stellen.
Ihre Unterstellung, ich propagiere ein eindimensionales Demokratieverständnis ist an den Haaren herbeigezogen und entbehrt jeglicher Grundlage. Dies zu beurteilen sind Sie nicht in der Lage.
Ich unterstelle dem Schüler keine böse Absicht und verbiete ihm auch seine Meinung nicht, wie von Ihnen unterstellt. Sein Blick auf das Phänomen FfF ist allerdings wenig differenziert, gerade wenn es um die Beurteilung der Absichten und Ernsthaftigkeit der SchülerInnen geht.
Die Annahme, dass die SchülerInnen ihr eigenes Verhalten und Handeln nicht hinterfragen und lediglich auf Lösungen durch den Staat warten, halte ich für realitätsfern. Sollte das Ihr Bild von SchülerInnen sein, dann haben Sie wohl wenig mit selbigen zu tun.

Johannes Mosmann, Berlin, 21.06.19 21:06

Sehr geehrter Herr Jöde,

Die Kritik am „Establishment“ war zunächst einmal das Thema von Linken, 68ern, Grünen und der Umweltbewegung. Erst seit die ehemaligen Kritiker selbst die „funktionierende Demokratie“ lobpreisen, können die Rechten hier Punkte sammeln. Gerade das Nicht-in-Frage-Stellen der Verhältnisse ist der Nährboden, auf dem die AFD gedeihen konnte. Insofern ist eine kritische Haltung wie die von Herrn Blaue eine wesentliche Voraussetzung, um rechten Tendenzen vorzubeugen. Im Übrigen scheint mir seine Kritik ganz ohne räumliche Koordinaten auszukommen – ob Sie den Staat „da oben“ oder „da unten“ sehen wollen, ist m.E. für das Verständnis seiner Ausführungen nicht relevant. Auch kann ich keine Wertung des Staats oder der Demokratie erkennen. Blaue geht es nicht um den Staat, sondern um die Haltung zum Staat. Tatsache ist, dass Greta Thunberg konstatiert, „die Politik“ habe versagt, und fridays for future vom Staat fordert: „Nettonull 2035 erreichen“, zweitens „Kohleausstieg bis 2030“ und drittens „100% erneuerbare Energieversorgung bis 2035“. Es wird also erwartet, dass die Legislative Gesetze erlässt und die Exekutive diese ausführt. Nicolas Blaue findet, dass eine solche Erwartungshaltung an das, was der Staat tun kann, die eigentlichen Handlungsräume verdeckt. Insofern plädiert er für ein erweitertes Demokratieverständnis, welches sich nicht mehr darauf beschränkt, Forderungen an Politiker zu stellen, sondern die eigenen Handlungsmöglichkeiten aufdeckt. Diese Meinung bezeichnen Sie als "anachronistisch". Sie empfehlen eine bessere "Demokratieerziehung" für Schüler wie Blaue, und zeigen sich sogar "fassungslos", dass seine Meinung gedruckt wurde. Insofern habe ich tatsächlich meinerseits Zweifel an Ihrem Demokratieverständnis, auch wenn Sie Politiklehrer sein mögen, bzw. finde es zumindest eindimensional.

Mit freundlichen Grüßen
Johannes Mosmann

Michael Jöde, 22.06.19 09:06

Sehr geehrter Herr Mosmann!

An keiner Stelle habe ich die Haltung eingenommen, man solle sich nicht kritisch mit bestehenden Verhältnissen auseinandersetzen. Sonst würden wir hier nicht schreiben. Herr Blaue spielt aber politisches Engagement gegeneinander aus und diskreditiert SchülerInnen, die ihre Haltung auf die Straße bringen, indem er ihnen die Ernsthaftigkeit abspricht. Das ist das Problem. Dazu äußern sie sich nicht. Warum sollte ich etwas gegen Blumenwiesen anlegende SchülerInnen haben? Gerne auch vor dem Kanzleramt! Die Haltung von Herrn Blaue gegenüber demonstrierenden SchülerInnen ist aber meiner Meinung nach überheblich und übersieht, dass SchülerInnen weder ausschließlich Lösungen durch die Politik verlangen noch nicht in der Lage wären, ihr eigenes Verhalten zu reflektieren.
Herr Blaue kann gerne seine Meinung verschriftlichen. Was in der Erziehungskunst abgedruckt wird sollte dann aber bitte nicht nur einseitig sondern kontrovers sein, denn das ist nun mal ein wesentlicher Bestandteil von Meinungspluralität. Das geht als Vorwurf natürlich nicht gegen Herrn Blaue sondern gegen die Redaktion. Hier finde ich die Signalwirkung durch die Veröffentlichung des Artikels von Herrn Blaue problematisch. Leider sind meine Erfahrungen im Zusammenhang mit Waldorfschulen wenig positiv, was das Zulassen von Schüler- und Elternmitbestimmung betrifft. Das ist in den meisten Satzungen unterrepräsentiert und hat an staatlichen Schulen einen größeren Stellenwert. Schreiben sie mir gerne von Positivbeispielen, so sie denn welche kennen.
Das von ihnen Herrn Blaue zugeordnete „erweiterte Demokratieverständnis“ sehe ich nicht! Sonst würde er nicht über die Frage der Ernsthaftigkeit der SchülerInnen auf den Demos richten sondern jede Form politischer Beteiligung und Meinungsäußerung auf der Grundlage des Grundgesetzes und der Menschenrechte gutheißen. Und in der Tat sehe ich darin den Mangel an Demokratieerziehung. Oder soll bei Ihnen erst über das Ausmaß an Glaubwürdigkeit geurteilt werden, bevor sie auf eine Demo gehen „dürfen“ oder hier schrieben?

Mit freundlichen Grüßen
Michael Jöde

Johannes Mosmann, Berlin, 24.06.19 11:06

Sehr geehrter Herr Jöde,

Es gibt keine Technik und keine Ware, die nicht mit einem Raubbau an der Natur einherginge. Der Konsum eines Bio-Brotes beruht von der Bearbeitung des Ackers bis hin zum Transport in den Bio-Laden und der Abrechnung über das Kundenkonto auf Technik, für die wiederum Rohstoffe verbraucht und giftige Chemikalien freigesetzt werden. Das änderte sich auch nicht grundsätzlich, wenn man die Waren z.B. mit Elektro-LKWs transportierte. Allein das Lithium, welches für die zunehmende E-Mobilität benötigt wird, geht mit einer katastrophalen Umweltzerstörung einher. Das Grundproblem bleibt also bei jeder Technik bestehen. Die Umweltzerstörung wurzelt in der geistig-kulturellen Entwicklung der Menschheit (Technik) einerseits und der dadurch ermöglichten arbeitsteiligen Weltwirtschaft andererseits. Wer leben will, ist in diese Zerstörung involviert. Es kann sich deshalb niemals darum handeln, irgendwelche Einzelheiten wie z.B. CO2 bloß zu verbieten, sondern nur darum, das Kulturleben einerseits, und die Wirtschaft andererseits so zu ergreifen, dass diese im Hinblick auf eine gewisse Verhältnismäßigkeit der menschlichen Bedürfnisse, auf das mögliche Maß an Zerstörung gesteuert werden können. Das ist eine Mammut-Aufgabe für die neuere Menschheit. Dem steht der Glaube im Weg, dass alle soziale Gestaltung nur als demokratisches Abstimmungsverfahren gedacht werden kann, sodass alles andere, was auf demokratischem Weg nicht greifbar ist, sich als „Markt“ neben den „Staat“ stellt und eigentlich "privat" ist. Solange „die Politiker“ für die „Rettung des Klimas“ verantwortlich gemacht werden und die Aufmerksamkeit zudem auf Einzelheiten wie den CO2-Ausstoß gelenkt wird, ist es ausgeschlossen, dass unser individuelles ökonomisches und kulturelles Handeln in seiner sozialen Dimension voll durchschaut und ergriffen wird. Dass eine Vielzahl von Menschen von Politikern fordert, etwas zu tun, macht sie gerade nicht zu einer sozialen Bewegung, sondern eben zu einer Gruppe von Menschen, die von anderen etwas erwartet. Sie, Herr Jöde, stören sich daran, dass Blaue die Schülerproteste als „Spaß-Event“ verunglimpfe. Als Politiklehrer müsste man aber eigentlich noch viel deutlichere Worte finden. Viele der Protestierenden sind noch Kinder. Dass sie glauben, dort oben gebe es eine Macht, von der man die „Rettung des Klimas“ erbitten kann, ist sicher auch ihrer Jugend zuzuschreiben. Ihnen sind deshalb Lehrer zu wünschen, die eine differenzierter Sicht auf die sozialen Verhältnisse vorleben und der Jugend die praktischen Werkzeuge zu wirklicher Mitgestaltung mitgeben können. Tatsächlich aber lassen sich die Erwachsenen von den Kindern mitziehen – weil diese nur dasjenige nachleben, was jene schon immer gelehrt haben: dass „die Politik“ verantwortlich ist. Und weil das gelehrt und geglaubt wird, sieht die Welt eben so aus, wie sie aussieht.
Mit freundlichen Grüßen
Johannes Mosmann

Michael Jöde, 24.06.19 13:06

Sehr geehrter Herr Mosmann!

Nun bringen Sie das Problem ja auf den Punkt und dabei wird deutlich, dass Sie mich nicht verstanden haben oder verstehen wollen. Ich kann nicht feststellen, dass Kinder so naiv wären, lediglich Lösungen aus der Politik einzufordern. Diese Betrachtungsweise kritisiere ich ja gerade. Politik machen ist mehr als nach Lösungen von oben schreien und genau das ist es, was wir Kindern beibringen: Engagement umweltpolitischer oder gesellschaftlicher Natur hat immer eine politische Dimension. Sie schreiben, dass die SchülerInnen glauben, es gäbe eine Macht, die das alles regelt.
Darin liegt doch der Irrtum. Mir ist nicht begreiflich, ob nur Herr Blaue oder auch Sie das so sehen. Die SchülerInnen sehen das überwiegend nicht so. Protest richtet sich nicht nur an die Politik. Es ist auch ein Protest gegen die Elterngeneration und deren klimapolitisches Versagen. Das ganze wird eingerahmt durch die Auseinandersetzung mit der Problematik und der Frage, wie man selbst etwas unternehmen kann.
Ich finde es sehr bedauerlich, dass sie einen so skeptischen und defizitorientierten Blick auf die heutige Jugend haben.

Mit freundlichen Grüßen
M. Jöde

P.S.: Bevor das hier zu einem Dialog ohne weitere Beteiligung wird, schlage ich vor, dass wir es hiermit dann auch belassen.

Johannes Mosmann, 01.07.19 20:07

Sehr geehrter Herr Jöde,

Ich habe Sie durchaus verstanden, halte ihre Behauptungen jedoch nicht für zutreffend. Nicolas Blaue hält sich an das, was die Schülerbewegung selbst bekundet. In den einleitenden Sätzen ihrer Webseite schreibt fridays for future: „Die Klimakrise ist eine reale Bedrohung für die menschliche Zivilisation – die Bewältigung der Klimakrise ist die Hauptaufgabe des 21. Jahrhunderts. Wir fordern eine Politik, die dieser Aufgabe gerecht wird … Wir streiken für eine wirkungsvolle Politik, die dem Ausmaß der Klimakrise gerecht wird ... Explizit fordern wir für Deutschland: Nettonull 2035 erreichen, Kohleausstieg bis 2030, 100% erneuerbare Energieversorgung bis 2035 ... Deshalb fordern wir bis Ende 2019: Das Ende der Subventionen für fossile Energieträger, 1/4 der Kohlekraft abschalten, eine Steuer auf alle Treibhausgasemissionen." Es geht also ganz unzweifelhaft um Forderungen an die Politik. Gegen diese Haltung wendet sich Nicolas Blaue. Man muss ihm ja nicht folgen, doch dass die Schülerbwegung tatsächlich ganz andere Wege gehen möchte, und Blaues Kritik deshalb ihr Ziel verfehle, ist wirklich sehr weit hergeholt. Falls die Bewegung andere Wege verfolgt, wie Sie nun nahelegen, hat sie das zumindest noch nicht kommuniziert. Kritische Stimmen wie die von Blaue könnten aber gerade dazu beitragen, dass hier noch etwas kommt. Vielleicht wird fridays for future ja zum Beispiel bald alle Schüler weltweit dazu aufrufen, auf Youtube, Facebook und Netflix gänzlich zu verzichten, da der Internet-Konsum nachweislich der Hauptverursacher des CO2-Ausstoßes ist? Vielleicht wird sie sogar die Frage stellen, welche Güter verzichtbar, welche dagegen unverzichtbar sind? Allerdings müsste sie dann ihre Forderungen an die Politik hinterfragen, da z.B. der "Kohleausstieg bis 2030" zwar die Stahlindustrie Mitteleuropas zu Gunsten chinesischer Importe zum erliegen bringen könnte, den Konsum der eigentlichen Klimakiller jedoch unangetastet liesse. Mag sein, dass die Eltern der Schüler die Welt so eingerichtet haben, wie sie ist, doch die Schüler sind mitten drin und gehören wegen ihres Medienkonsums und "social networkings" sogar zu den Hauptverursachern der Erderwärmung. Nicloas Blaues Hinweis auf die grundsätzliche Problematik politischer Forderungen ist also sehr wichtig, damit der Erderwärmung wirklich etwas entgegengesetzt werden kann.

Mit freundlichen Grüßen
Johannes Mosmann

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