Für jede Freundin eins. Wie das Handy unser Leben verändert hat

Von Frank Bohner, Oktober 2009

Mobiltelefone ermöglichen einen völlig neuartigen Lebensstil: Viele junge Leute gehen heutzutage abends aus dem Haus, ohne zunächst überhaupt zu wissen wohin. Man erfährt erst, wenn man sich bereits auf den Weg gemacht hat, wo sich die eigene Clique gerade befindet, wo die nächste Party steigt.

Früh übt sich: für jede Freundin eins. Foto: Wolfgang Schmidt

Über SMS kann man Botschaften verschicken, die man so ohne Weiteres nicht aussprechen würde oder könnte. Beziehungen können per SMS geknüpft, aber auch auf schlichte und schnöde Art und Weise beendet werden. Ein junger Mann, der es auf fünf »Handys« brachte, soll auf die Frage, wozu er denn soviele brauche, geantwortet haben: »Für jede Freundin eins«.

Abgehängt und doch im Netz?

Wenn in Deutschland das D1-Mobilfunknetz der Telekom ausfällt, sind Millionen von Menschen »betroffen«, weil sie plötzlich abgehängt sind. Betroffen sind allerdings noch viel mehr Menschen, wenn die Funknetze im Betrieb sind. Denn die verschiedenen Funknetze für den drahtlosen Telefonverkehr decken fast die ganze Staatsfläche ab. Ob er will oder nicht: So gut wie jeder ist der Mikrowellenstrahlung der Sendemasten ausgesetzt, von denen es in der Republik mittlerweile mehr als Zweihunderttausend gibt, mit steigender Tendenz.

Davon wirklich »betroffen« fühlen sich hingegen nur wenige Menschen, weil in den meisten Medien dieser jungen Technik eine Unbedenklichkeitsbescheinigung ausgestellt wird. Zumindest suggerieren die Überschriften der Artikel eine gewisse Harmlosigkeit der Strahlung von Mobiltelefonen und Sendemasten – und weiter lesen viele Menschen nicht. In den jeweiligen Artikeln selber wird jedoch meist zugegeben, dass es für eine abschließende Beurteilung noch viel zu früh ist.

Handy-Hersteller werden nicht versichert

Die breite Masse nutzt Mobiltelefone erst seit ca. zehn Jahren. Tumore brauchen aber manchmal 20 bis 30 Jahre, bis sie diagnostiziert werden. Spätfolgen heutiger Telefoniergewohnheiten können also nicht ausgeschlossen werden. Immerhin gibt es eine ganze Reihe von Studien, die Anlass zur Sorge geben. So fürchten Versicherungen die Mobilfunk-Risiken; sie weigern sich, die Handy-Hersteller gegen die Risiken durch Elektrosmog zu versichern. Sie begründen diesen Schritt damit, dass die gesundheitlichen Konsequenzen elektromagnetischer Strahlung nicht abschätzbar seien.

Viele Ärzte sind skeptisch

Es kann zu denken geben, dass mittlerweile Tausende von Ärzten in Deutschland Appelle unterzeichnet haben, die vor Spätfolgen warnen. So beobachteten bereits die Unterzeichner des »Freiburger Appells« aus dem Jahr 2002 einen »dramatischen Anstieg« schwerer und chronischer Erkranku- ngen, insbesondere Lern-, Konzentrations- und Verhaltensstörungen bei Kindern (z.B. Hyperaktivität), Blutdruckentgleisungen, die medikamentös immer schwerer zu be- einflussen sind, Herzrhythmusstörungen, Herzinfarkte und Schlaganfälle immer jüngerer Menschen, hirndegenerative Erkrankungen (z.B. Morbus Alzheimer), Epilepsie und Krebserkrankungen. Bei immer mehr Patienten diagnostizierten sie als psychosomatisch fehlgedeutete Störungen wie Kopfschmerzen und Migräne, Erschöpfung und Ohrgeräusche. Die Mediziner des »Freiburger Appells« haben in ihrer Praxis immer häufiger einen zeitlichen und räumlichen Zusammenhang zwischen dem Auftreten dieser Erkrankungen und dem Beginn einer Funkbelastung festgestellt – sei es, weil eine Mobilfunkanlage in der Nähe installiert, ein Handy oder schnurloses Telefon angeschafft wurden.

Mediziner verlangen Handy-Verbot an Schulen

Als besonders gefährdet gelten Schwangere, Kinder, Heranwachsende, alte und kranke Menschen. Während deutsche Gerichte eine gesundheitliche Beeinträchtigung durch Mobilfunktechnik in der Regel als »hypothetisch« erachten, sehen viele Ärzte die steigende Anzahl chronisch Kranker auch als Folge einer »unverantwortlichen Grenzwertpolitik«. So fordert der »Freiburger Appell« eine massive Reduzierung der Grenzwerte, Sendeleistungen und Funkbelastungen auf ein biologisch vertretbares Maß, speziell in Schlaf- und Regenerationsbereichen. Der Bund für Umwelt- und Naturschutz Deutschland (BUND) fordert seit kurzem für Innenräume einen Vorsorgestandard von einem Mikrowatt pro Quadratmeter. Die offiziellen Grenzwerte für D-Netz, E-Netz und UMTS liegen in Deutschland allesamt um das Millionenfache darüber. Von ärztlicher Seite verlangt wird darüber hinaus ein Verbot der Handynutzung in Schulen, Krankenhäusern, Altenheimen, Veranstaltungsstätten, öffentlichen Gebäuden und Verkehrsmitteln.

Enorme Feldstärken in Bus und Bahn

Gerade in Bussen und Bahnen wird häufig telefoniert, oft zum Leidwesen der umsitzenden Personen. In öffentlichen Nahverkehrsmitteln erzeugen Handys eine enorme Feldstärke. Da Waldorfschüler häufig einen langen Schulweg haben und daher auf Busse und Bahnen angewiesen sind, unterliegen sie hier einer deutlichen Mehrbelastung. Es wäre an der Zeit, dass aus Elternkreisen Initiativen entstehen, die zum Schutze ihrer Kinder mobilfunkfreie öffentliche Verkehrsmittel fordern. Es versteht sich von selbst, dass eine Handybenutzung in Privatfahrzeugen nicht weniger problematisch ist. Außenantennen können hier die Belastung der Insassen allerdings reduzieren.

Unterrichts-TV aus dem Federmäppchen

An vielen Waldorfschulen, wie an staatlichen Schulen auch, gibt es Regeln für den Umgang mit Mobiltelefonen. Hier spielt nicht nur der vorbeugende Gesundheitsschutz nach dem Vorsorgeprinzip eine Rolle. Es gibt genügend pädagogische Gesichtspunkte, die für ein Handyverbot an Schulen sprechen: Das Ganze beginnt mit dem Verschicken von SMS-Nachrichten und geht weiter über das Mitschneiden ganzer Schulstunden über ein Handy, das sich im präparierten, d.h. einem Loch fürs Objektiv versehenen Federmäppchen befindet. Selbstredend lassen sich solche Filme dann ins Internet stellen. Das Fotografieren von Mitschülern auf der Toilette, indem man einfach das Fotohandy unter die Klotür hält, ist ebenfalls ein nicht unbekanntes Phänomen.

Mikrowellendetektor Paul

Die älteste Waldorfschule der Welt, die Freie Waldorfschule Uhlandshöhe in Stuttgart, stellte im September 2008 einen selbstkonstruierten Mikrowellendetektor namens Paul vor. Das von Schülern und ihrem Physiklehrer gebaute Gerät kann in Klassenzimmern installiert werden (www.paulprojekt.de). Ein Tonsignal des Detektors weist auf im Raum befindliche aktive Mobiltelefone hin.

Literatur: Edwin Hübner, Mobilfunk – die riskante Kommunikation, Bad Liebenzell-Unterlengenhardt 2004

Alle angegebenen Beispiele aus den Schulen stammen aus einem Vortrag von Uwe Buermann.

Links:
www.erziehung-zur-medienkompetenz.de
www.der-mast-muss-weg.de
www.mobilfunk-buergerforum.de
www.kinder-und-handys.de

Kommentare

Keine Kommentare

Kommentar hinzufügen

* - Pflichtfeld

Folgen