Hast Du noch Töne?

Von Mathias Maurer, Dezember 2014

Warum gibt es diese besonderen Flöten, fragen Eltern, wenn sie ihr erstes Kind auf eine Waldorfschule schicken? Und warum klingen die Töne so ungewohnt?

Das Besondere an ihnen, erklären mir der Schweizer Christoph Akeret, Manager von Choroi Inter­national, und Steffen Klepzig, Choroi-Gruppenleiter in den Karl-Schubert-Werkstätten in Filderstadt, ist, dass diese Flöten durch ihre Bauweise zum Gruppeninstrument werden. Der Ton ist weicher, der Spieler »atmet« ihn, das Labium ist rund.

Und die pentatonische Flöte, bei der es keinen Halbton gibt, geht auf die Anregung Rudolf Steiners zurück, den »Erdenton« einer C-Flöte bei kleinen Kindern zu vermeiden. Der Ton sollte leicht bleiben.

Choroi baut nicht nur Flöten, sondern auch Leiern, Xylophone, Schlag-, Streich- und weitere Blasinstrumente. Mittlerweile gibt es 13 sozialtherapeutische Werkstätten in Deutschland, den Niederlanden, Schweden, Tschechien und der Schweiz mit rund 200 Beschäftigten, die diese im Lizenzvertrag mit Choroi herstellen. »Wir machen hier aber keine Beschäftigungstherapie mit Behinderten, sondern erbringen reale Wirtschaftsleistung, auch wenn es in der Produktion nicht in erster Linie um Effizienz geht, sondern um eine sinnvolle Arbeit, an der sich jeder nach seinen Möglichkeiten und Fähigkeiten beteiligen kann«, beschreibt Klepzig die Arbeitssituation. »Die behinderten Erwachsenen sind stolz auf ihre Produkte, weil sie in aller Welt gebraucht werden, und sie verdienen auch Geld damit.«

Der Impuls, neue Musikinstrumente zu entwickeln, geht auf den Musiker und Komponisten Norbert Visser (1919-2003) zurück, der dem Geheimnis der Töne auf der Spur war. Nicht der Ton selbst, sondern das Dazwischen, der Klangraum, das Lauschen, mache ein Tonerlebnis aus. Und dafür brauche es eine neue Art von Instrumenten, »die den Menschen seelisch durch einen horizontalen Rhythmus aktivieren«, erläutert Akeret. »Visser knüpfte damit an die vorklassische Musik, wie zum Beispiel die Gregorianik, an. Klassische Musik kann man konsumieren, sie ist resonanzorientiert, sie klingt einfach gut. Unsere Instrumente sollen nicht einfach nur gut klingen, sondern zum Hi­nhören animieren.«

Auch wenn der Markt für Choroi, besonders in den USA und China stark wächst, sind viele Behinderten-Werkstätten auf Fremdaufträge – zum Beispiel aus der Autoindustrie – angewiesen, um zu überleben.

Die öffentlichen Gelder werden gekürzt, die Lohnkosten sind hoch und mit der Eingliederung in den ersten Arbeitsmarkt sinken paradoxerweise die Zuschüsse. Diesen Spagat zwischen dem Markt und dem ideellen Impuls, Handwerk, Musik und Sozialtherapie miteinander zu verbinden, leistet Choroi in bewundernswert selbstloser Weise.

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